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Asien

Gruß aus Yangon, Myanmar

Nadine Wojcik über neue Freiheiten, überraschende Offenheit und drängende Fragen.

Alles ist plötzlich anders. Vor wenigen Monaten noch mussten Journalisten in Myanmar ihre Artikel der Zensurbehörde vorgelegen. Seit August 2012 ist diese Schikane vorbei, die Zensur aufgehoben, die Presse darf frei berichten. Die myanmarischen Kollegen stehen jetzt vor der Herausforderung zum ersten Mal selbst zu entscheiden, was sie publizieren - und was nicht. Verunsichert wirken manche Journalisten: Können wir dem neuen Kurs der Regierung wirklich trauen? Kann ich wirklich offen Kritik üben - oder muss ich anschließend doch mit Repressionen gegen mich oder Kollegen rechnen?

Eine Woche lang hatte ich - gemeinsam mit sechs weiteren Journalisten aus Deutschland - die Gelegenheit, mich mit myanmarischen Journalisten beim "Mediendialog Myanmar" in Yangon auszutauschen. Es wirkt wie selbstverständlich und doch hat das einwöchige Treffen einmaligen Charakter: Zum ersten Mal tauschen sich deutsche und myanmarische Journalisten aus und können offen über die Schwierigkeiten auf dem Weg zu freien Medien sprechen. Und, viel entscheidender: Zum ersten Mal sitzen unter anderem Vertreter des Staatsfernsehens an einem Tisch mit Fernsehjournalisten des Untergrundsenders "Democratic Voice of Burma", dem ehemaligen Staatsfeind. Ein Kollege ist erst im Frühjahr aus dem Gefängnis entlassen worden, ein weiterer musste über 20 Jahre im Exil ausharren.

Erstaunt bin ich über die Offenheit der myanmarischen Kollegen. Erst seit wenigen Monaten können sie öffentlich sagen, was sie denken - und sie nutzen die Gelegenheit. Gemeinsam besuchen wir beispielsweise den Hauptsitz des Staatssenders. Eine mühsame Reise, denn das staatliche Medienunternehmen sitzt nicht etwa in Yangon, im Zentrum des Geschehens, sondern in der Nähe von Naypiwdaw. Über sechs Stunden dauert die Busreise bis wir schließlich ein modernes Sendezentrum im Niemandsland betreten. Im Hof hängen riesige Bienenstöcke an den Dachrinnen. "Die Bienen sind hier gefangen, genau wie wir", sagt ein Mitarbeiter des Staatssenders verschmitzt und alle lachen. Der Chefredakteur sagt es gerade heraus: "Unsere Mitarbeiter sind keine Journalisten, sie müssen das journalistische Handwerk jetzt dringend erlernen." Überrascht erfahre ich, dass Fernseh- und Radionachrichten bisher in den jeweiligen Ministerien produziert wurden und die Mitarbeiter beim Staatsrundfunk diese lediglich zu verwalten hatten.

Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto drängender werden die Fragen. "Wie oft gehen Sie demonstrieren?", möchte ein myanmarischer Radiokollege wissen. Ich gestehe, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal an einer Demonstration teilgenommen habe. Der Kollege wirkt enttäuscht. "Ich dachte in demokratischen Gesellschaften würden die Bürger ständig von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen."


Nadine Wojcik hat im November 2012 an dem "Mediendialog Myanmar" der DW Akademie teilgenommen, der eine Woche lang je sieben deutsche und myanmarischen Journalisten zusammenbrachte. Die Radiojournalistin volontierte bei der Deutschen Welle und ist seit 2008 als freie Reporterin und Feature-Autorin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig. Seit 2012 arbeitet Nadine Wojcik als Online-Redakteurin in der Abteilung Strategische Kommunikation der DW Akademie und ist hier für den Internetauftritt verantwortlich.

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