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DW AKADEMIE

Gruß aus Kampala, Uganda

Miriam Ohlsen, seit April entsandte Fachkraft der DW Akademie in Uganda, beschreibt, wie sich der unterschiedliche Umgang mit dem Faktor "Zeit" auf ihre tägliche Arbeit auswirkt.

„Welcome back home“ schrieb eine ugandische Kollegin jüngst auf meine Facebook-Timeline. Und so fühlt es sich tatsächlich ein wenig an: Wie nach Hause kommen. Nur anders. Uganda ist mir nach unzähligen Dienstreisen sehr vertraut. Und doch hatte ich nie einen Alltag hier.

Seit Mitte April leben meine Familie und ich nun in der Hauptstadt Kampala. Das Gefühl von täglicher Routine, das sich langsam einstellt, genieße ich sehr. Denn ich habe nun vor allem eins: Zeit. Musste ich auf Dienstreisen ein Meeting nach dem anderen in einen viel zu vollen Terminkalender packen, so kann ich nun vieles entspannter sehen. Und das ist gut so, denn in Uganda passieren Dinge langsamer, oftmals anders als geplant und manchmal gar nicht. Die Ugander nennen das „African Time“. In Köln würde man sagen „Küss de hück nit, küss de morje“ ("Kommst Du heute nicht, kommst Du morgen"). Egal wie es heißt, man ist in jedem Fall gut beraten durchzuatmen und entspannt zu bleiben. Und irgendwie geht es dann eben doch.

African Time

So wie letzte Woche, als ich mein Arbeitsvisum im ugandischen Ministry of Internal Affairs abholen will. Für 15.30 Uhr verabrede ich mich mit einem ugandischen Kollegen vor dem Ministerium, der mich begleiten soll. Natürlich bin ich - ganz deutsch - auf die Minute pünktlich. Um 15.45 Uhr klingelt mein Telefon: „Sorry, there is an emergency. I will be there at 4 pm.“ „Okay, no problem.“

Gut, dann schaue ich mir eben die schweren Teppiche, die Brokatvorhänge und die dick gepolsterten Sofas in dem Möbelgeschäft an der Ecke an. Interessant, wie anders der Einrichtungsstil in Uganda im Vergleich zu dem in Deutschland ist. Um 16.15 Uhr klingelt mein Telefon wieder. „Sorry, I have to postpone to 4.30 pm.“ „Okay, no problem. Call me once you are here.“

Ich hole mir eine Ingwer-Limonade und setze mich in den Schatten. Schön, das Wetter hier! Und die Luft riecht so gut nach Sonne und Grün. Die Idylle wird von einem Lkw unterbrochen, der völlig überladen durch die unzähligen Schlaglöcher brettert und dicke schwarze Rauchwolken auspustet. Ich halte kurz die Luft an. Um 17 Uhr treffen wir uns endlich. „Hello! Good to see you. Shall we go?“ „Same here! Sorry for the delay! The Ministry is closed now. You will have to come back tomorrow.“ Ah... ok. Na gut. Am nächsten Tag klappt alles reibungslos und ohne Probleme. Mit African Time eben. Gut, dass ich jetzt so viel davon habe.

Persönlicher Kontakt

Uganda Kampala - Miriam Ohlsen (DW/M. Ohlsen)

Community Reporter in Mbale. Ihre Berichte über die Hygiene an einer lokalen Schule haben dazu beigetragen, dass die sanitären Anlagen erneuert wurden.

Das Mehr an Zeit verändert auch den Kontakt zu den Mitarbeitern unserer Partnerorganisationen. Der vorher sachliche Austausch per Email oder in einem kurzen Meeting, allerhöchstens durch die freundliche Floskel „How are you?“ eingeleitet, wird zu einem persönlichen Miteinander. Die Treffen werden kürzer, dafür aber häufiger und vertrauensvoller. Und sie starten in den seltensten Fällen auf der Arbeitsebene. „How’s the baby?“ „She is happy. She started eating carrots this week.“ Und schon verliert man sich in einem Gespräch über Kinder, Erziehung, Essgewohnheiten und unterschiedliche Gepflogenheiten in Uganda und Deutschland.

Und irgendwann, viel später, geht es um die Arbeit. Das Training der 25 Bürgerreporter und Bürgerreporterinnen in Jinja letzte Woche sei sehr gut gelaufen, erfahre ich. Die jungen Leute sind hochmotiviert und wollen loslegen und Nachrichten aus ihren Gemeinden an lokale Radiosender zuliefern. Aber es gibt Probleme mit der Software, die in der Radiostation installiert wurde, um die Stimmen der jungen Menschen aufzuzeichnen. Ob ich mich kümmern kann? Natürlich!

Interkulturelle Zusammenarbeit

Uganda Kampala - Miriam Ohlsen (DW/M. Ohlsen)

Teilnehmer eines Community Reporter Workshops in Jinja

Vor meiner Ausreise habe ich in einem Training zum Thema „Interkulturelle Zusammenarbeit“ die unterschiedlichen Konzepte von Zeit in Deutschland und Ostafrika kennengelernt. Traditioneller Weise, so unsere kenianische Trainerin Rebecca, erscheine die Zukunft vielen Menschen in ostafrikanischen Ländern unsichtbar, weshalb sie nicht großartig über das Morgen nachdächten. Das würde auch unsere Arbeit vor Ort beeinflussen. Wirklich, denke ich? Wie wird sich das wohl auf die Nachhaltigkeit unserer Projekte auswirken? Das gilt es noch herausfinden.

In jedem Fall spielt Zeit in meinem neuen Lebensabschnitt eine ganz besondere Rolle. Ein afrikanisches Sprichwort sagt „Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit.“ Meine Uhr lege ich hiermit - zumindest für die nächsten paar Jahre - feierlich ab.

Miriam Ohlsen arbeitet seit 2014 für die DW Akademie in Uganda. Seit Mitte April 2017 lebt sie mit ihrer Familie in Kampala. Die DW Akademie unterstützt hier die Teilhabe junger Menschen über das Medium Radio. Weiterhin fördert sie Recherchejournalismus und setzt sich für die digitale Sicherheit von Journalist/innen ein. Finanziert werden die Projekte der DW Akademie in Uganda vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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