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Asien

Gruß aus Islamabad, Pakistan

Krisengebiet? Ja, zum Teil. Aber für Ländermanagerin Karin Schädler ist Pakistan viel mehr als das.

Auf dem Heimweg beobachten wir, wie die Polizei mit riesigen Containern die Straßen absperrt. Mein pakistanischer Kollege und ich sind überrascht, weil die angekündigten Demonstrationen erst zwei Tage später beginnen sollten. Wir befürchten, nicht mehr zum Hotel durchzukommen. Der Adrenalinspiegel steigt für einen Augenblick, sinkt dann aber schnell wieder, weil unser Auto doch problemlos passieren kann. Zwei Tage später bestimmen die angekündigten Massenproteste Islamabad. Ich verlasse aus Sicherheitsgründen für ein paar Tage nicht das Hotel. In Momenten wie diesen entspricht Pakistan dem Bild, das viele in Deutschland haben. Und deshalb hören die meisten meiner Bekannten am gespanntesten zu, wenn ich von solchen Momenten erzähle. Aber ich erzähle lieber von dem Pakistan, das die meisten Menschen in Deutschland nicht kennen.

Blick auf die Margalla-Hügel und auf Islamabad (Foto: DW Akademie/Karin Schädler)

Auch das ist Pakistan: saftig grüne Hügel

Ich erzähle gerne von Momenten, in denen mir wieder mal bewusst wird, dass viele Orte in Pakistan aussehen wie ein kleines Paradies, in dem man freundlichen Menschen begegnet. In einem solchen Moment schaue ich aus dem Fenster unseres Büros, sehe den strahlend blauen Himmel, sehe die saftig grünen Bäume, sehe die kleinen Vögel, die fröhlich zwitschern. Und es kommt der Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Media House Islamabad herein, bei der wir uns eingemietet haben, und sagt lächelnd: "Das Essen ist fertig." Seine Frau hat Auberginen und Okra mit Reis für mich gekocht, alles ohne Tierprodukte. Denn sie weiß, dass ich Veganerin bin, und es macht ihr Freude, mir etwas Gutes zu tun. Und sie glaubt, dass sie im Jenseits von Gott dafür belohnt wird, Gäste gut zu bewirten.

Ich erzähle gerne von Momenten, in denen mir klar wird, wieviel Kraft und Mut pakistanische Journalisten in den besonders gefährlichen Provinzen an der Grenze zu Afghanistan haben, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen ihren Beruf auszuüben. In einem solchen Moment spreche ich mit einem Journalisten, der aus einer der gefährlichsten Gegenden Pakistans stammt, in der verschiedene militante Gruppen und das Militär sich bekämpfen. Trotz der Lage gibt er nicht auf und versucht immer wieder, investigativ zu recherchieren. Er berichtet, wie er in seinen Texten aufpassen müsse, niemanden zu sehr anzugreifen, um sich nicht zu gefährden. Er berichtet, wie er verfolgt, bedroht und verletzt wurde. Da die DW Akademie gemeinsam mit der Universität Peschawar eine Anlaufstelle für traumatisierte Krisenreporter plant, frage ich ihn, ob er je psychologische Hilfe in Anspruch genommen habe. Als er darauf antwortet, sind seine Augen feucht. Und mir wird einmal mehr bewusst, wie wichtig dieses Projekt ist, und wie sehr ich die Tatkraft und Tapferkeit pakistanischer Krisenreporter bewundere, mit der sie ihre Lage bewältigen.

Media House Islamabad: Muhammad Shafiq, Asif Khan, Shahjahan Sayed und Karin Schädler (Foto: Media House Islamabad).

Meine pakistanische "Familie": Muhammad Shafiq, Koordinator Media House; Asif Khan, Country Representative DW Akademie; Shahjahan Sayed, Geschäftsführer Media House (v.l.n.r.)

Pakistan gehört zu den Fokusländern der DW Akademie in Asien. Wir versuchen hier, mit Hilfe vieler pakistanischer Partnerorganisationen den Mediensektor zu stärken und den Zugang zu Information zu verbessern. Hier setzen wir an vielen Punkten an: Journalistenausbildung, Radio-Netzwerke in abgelegenen Gebieten, Kinder- und Jugendmedien und vieles mehr. Seit kurzem hat die DW Akademie mit Asif Khan einen festen pakistanischen Mitarbeiter vor Ort. Ich selbst reise regelmäßig für mehrere Wochen hierher. Verstärkt werden wir von freien Berater/innen, Expert/innen und Trainer/innen, aber die meiste Arbeit findet in unseren pakistanischen Partnerorganisationen statt. Natürlich verwenden wir viel Zeit darauf, die Sicherheitssituation im Blick zu behalten. Aber Pakistan ist viel mehr als das.

Ich erzähle gerne von Momenten, in denen sich mein Bild von Pakistan mal wieder ändert. In einem solchen Moment sitze ich mit einer jungen pakistanischen Journalistin zusammen, die gerade einen Artikel über Esel geschrieben hat, die in Kohlebergwerken als Lasttiere ausgebeutet werden. Sie interessiert sich mindestens genauso sehr für Tier- und Menschenrechte wie ich. Sie trägt ähnliche Kleidung wie ich. Sie spricht ähnlich wie ich. Sie macht sich ähnliche Gedanken wie ich über die Welt, die Politik und darüber, was wir beitragen können, um die Dinge zu verbessern. Und ich weiß, dass diese junge, pakistanische Frau keine Ausnahme ist. In Pakistan gibt es viele Menschen, die so sind wie "wir" - auch wenn sie es so gut wie nie in "unsere" Berichterstattung schaffen.

So habe ich in diesem Text nun eine gläubige Frau erwähnt, die kocht, eine westlich orientierte Frau, die sich für Tierrechte einsetzt, und einen mutigen Mann, der keine psychologische Hilfe in Anspruch nimmt - und damit leider schon wieder Stereotype reproduziert. Und ich habe das Wort "wir" verwendet, um Menschen aus dem Westen zu beschreiben, obwohl das eine unzutreffende Verallgemeinerung ist. Es ist nicht leicht, die Komplexität der Welt zu beschreiben, ohne dass in den Köpfen Kategorien entstehen - besonders wenn wir über andere Kulturen schreiben.

Wenn ich in Deutschland erzähle, dass ich ausgesprochen gerne in Pakistan arbeite, ernte ich meistens Unverständnis. Dann versuche ich zu verstehen warum und erinnere mich an die Zeit, als ich von Pakistan nichts anderes als Medienberichte über Kriegshandlungen und Anschläge kannte. Aber es gelingt mir nicht. Das Bild, das ich einmal von Pakistan hatte, gibt es in meinem Kopf nicht mehr.

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