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Kultur

Großmeisterin der kleinen Form - Alice Munro ist 85

Sie ist eine Virtuosin der Kurzgeschichte, eine Großmeisterin der kleinen Form. Vor vier Jahren veröffentlichte Alice Munro ihr letztes Buch. Jetzt feierte die einzige kanadische Literaturnobelpreisträgerin ihren 85.

"Dear Life" ("Liebes Leben") hat Munro ihren vermutlich letzten Erzählband genannt. Zum Teil sind es autobiographische Schilderungen, mit denen die Autorin in die Abgründe der eigenen Biografie blickt. In anderen geht es um die Schicksale von Frauen, doch ohne feministisch zu wirken. Insgesamt 13 Bücher mit Kurzgeschichten und einen Romanversuch hatte Alice Munro geschrieben, bevor sie 2013 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde – als erste Kanadierin überhaupt. Die Reise nach Stockholm konnte sie nicht antreten. Dafür schickte sie eine berührende Videobotschaft.

Munros Geschichten kreisen stets um ähnliche Themen. Es geht um Frauen in der kanadischen Provinz – um Mütter und Töchter –, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen. "Munro schreibt über ungelöste Sehnsüchte, die man sein Leben lang mit sich herumträgt, und über den Umgang damit.

Porträt der Autorin Alice Munro. Foto: AP Photo/Paul Hawthorne

Alice Munro

Es sind die kleinen Dinge, die sie groß macht", so Hans-Jürgen Balmes vom Verlag S. Fischer, der Munros Bücher in Deutschland vertreibt. "Ihre Kunst besteht darin, dass sie ein ganzes Menschenleben auf einer Buchseite unterbringen kann", lobte die Literaturkritikerin Siegrid Löffler Munro einmal im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Ihre Erzählungen, die oft nicht über mehr als 20 bis 30 Seiten verfügen, füllt sie mit mehr Leben als andere auf 700 Seiten."

Auch in Deutschland sehr beliebt

In Kanada und Großbritannien sind ihrer Bücher schon lange Bestseller. In Deutschland verhalf ihr der Nobelpreis schlagartig zu großer Beliebtheit. Zu schreiben begann Munro relativ spät. Sie zog erst ihre drei Kinder groß, bevor sie sich Ende der 1960er Jahre im Alter von 40 Jahren voll und ganz dem Schreiben widmete. Ihre Short Stories erreichen eine hohe sprachliche und emotionale Dichte. "The Love of a Good Woman" (1998) - auf Deutsch in zwei Bänden 2000 und 2002 erschienen - und "Runaway" (2004/deutsch 2006) trugen dazu bei, dass Munro 2009 den internationalen Man Booker Preis erhielt.

Munros Bücher sind mit dem Literaturnobelpreis geadelt. Foto: REUTERS/Ralph Orlowski

2013 erhielt Alice Munro den Literaturnobelpreis

Ihre Form war die Kurzgeschichte – mit einer Ausnahme: Mit "Lives of Girls and Women" (deutsch: "Kleine Aussichten") versuchte sie sich an einem Roman. Doch Kritiker verstanden das Werk eher als Kurzgeschichtenzyklus. Die Autorin selbst haderte später mit sich – trotz ihres internationalen Erfolgs: "Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben", sagte sie 2006 in einem ihrer seltenen Interviews, "bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist." An diesem Sonntag (10.07.2016) wird die kanadische Schriftstellerin 85 Jahre alt. Neues aus ihrer Feder wird es wohl nicht mehr geben.

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