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Kultur

Großes Jubiläum für die "Brücke"-Künstler

"Mit dem Glauben an die Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen!" Mit diesen Worten fing die "Brücke" an. 100 Jahre später ruht sie nun auf neuen Pfeilern.

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Typisch: Farbig aber nicht unbedingt bunt

Als sich die Architekturstudenten Fritz Bleyl und Ernst Ludwig Kirchner, wenig später auch Erich Heckel und Karl Schmidt-Rotluff 1905 in Dresden zusammentaten, lag gesellschaftlicher Aufbruch in der Luft. Die Künstlergruppe "Brücke" drückte aus, was eine aufbegehrende Jugend dachte: Anti-bürgerlich und gegen die Repräsentanten des Kaiserreiches gerichtet war ihre Haltung in Hinwendung zur Autonomie des Individuums und sexueller Freizügigkeit. "Eine der Bestrebungen der 'Brücke' ist, alle revolutionären und gärenden Elemente an sich zu ziehen – das besagt der Name Brücke", formulierte es der Namensgeber Karl Schmidt-Rottluff.

In ihren Anfängen besannen sich die Dresdener Semi-Autodidakten auf uralte Techniken wie den Holzschnitt – einst von Albrecht Dürer zur Blüte gebracht, typisch für den ausgehenden Jugendstil. Aber die Brücke schnitt in außerordentlicher Verknappung Akte ins Holz, nackte Frauen und Männer.

Im Berliner "Brücke"-Museum sind jetzt zur 100-Jahr-Feier 300 frühe Druckgrafiken der Künstlergruppe erstmals vollständig zu sehen. Das freut Direktorin Magdalena Moeller: "Wir haben durch die Schenkungen von Erich Heckel und Schmidt-Rottluff eine ganze Reihe von diesen sehr seltenen Exemplaren. Besonders Kirchner hat am Anfang viel mit Farbe experimentiert. Er hat von einem Motiv verschiedene Farbstellungen abgezogen, aber immer nur ein einziges Mal. Bei Fritz Bleyl sind sehr schöne sehr zarte sanfte Holzschnitte entstanden. 1906 kam dann Emil Nolde zur "Brücke" und der wiederum hat die Künstler mit der Radierung vertraut gemacht."

Die vielen Einflüsse Berlins

Ausstellung zu Expressionisten-Sammlung Brücke

"Zwei Mädchen am Wasser" von Erich Heckel von 1910

Die Berliner "Brücke"-Zentrale liegt gemäß Schmidt-Rottluffs Wunsch dem frühen Ideal der Gruppe entsprechend im Grünen. Ganz anders die Neue Nationalgalerie, wo jetzt die Ausstellung "Brücke und Berlin – 100 Jahre Expressionismus" stattfindet. Die 500 in Mies van der Rohes Glaskasten ausgestellten Werke aus der gesamten Schaffensperiode suchen bewusst die Nähe zum einst noch viel belebteren Potsdamer Platz, zu den berühmten Straßenbildern der "Brücke".

Obwohl die Künstler für sich "Einzigartigkeit" beanspruchten, werden im "Brücke"-Museum und noch stärker in der Neuen Nationalgalerie Einflüsse erkennbar gemacht: nämlich von Jugendstil, Japonismus, Neo-Impressionismus, von van Gogh, Munch, Matisse, den Naturvölkern wie den Südseebildern Gauguins.

"Viertelstundenakte" in der Natur

1910 stieß Otto Mueller zur "Brücke", von dem vor allem naturverbundene Bade-Bilder präsent sind - Zeugen langer Sommeraufenthalte der Gruppe in unberührter Natur an den Moritzburger Teichen bei Dresden. Hier verwirklichten die Maler ihre Idealvorstellung der harmonischen Einheit von Kunst und Leben. Besonders die "Viertelstundenakte" im Atelier und in freier Natur zeugten vom neuen Selbstverständnis, das 1910/11 in einem beinahe kollektiven "Brücke"-Stil gipfelte. Die Modelle wechselten alle 15 Minuten ihre Posen. Damit hätten die Künstler versucht, Lebendigkeit einzufangen und Bewegungen darzustellen, erklärt Nationalgalerie-Kurator Dieter Scholz.

Ernst-Ludwig Kirchner, der Bohemien der Gruppe und der Wilde in der Großstadt, stürzte sich am intensivsten ins pulsierende Berliner Nachtleben. Kneipen, Varieté und Zirkus wurden zu den Sujets schnell hingeworfener Zeichnungen, die dann wie seine "Kokotten" im Atelier zu Aquarellen reiften. Sein Strich wird nervöser, Perspektiven verengen sich.

Die Brücke von 1910

Erich Heckel, Buchcover von 1910

So auch bei Heckel. "Vorher spielten ja die Inhalte eigentlich keine Rolle. Vielmehr ging es darum, eine Ästhetik zu präsentieren, mit Form und Farbe zu agieren," erklärt Museumsdirektorin Magdalena Moeller. Dann, auf einmal wurden in Berlin Inhalte wichtig. "Heckel wendet sich wieder seinen philosophischen Neigungen zu, seiner Literatur, gestaltet Motive aus den Werken von Dostojewski. Farbigkeit geht verloren. Die Bilder sind plötzlich sehr gedeckt, Brauntöne, Grautöne."

Grandiose Wiederzusammenführung

Einmal in Berlin angekommenen zerbrach das Gemeinschaftsgefühl der Brücke-Gruppe an der zunehmenden Individualisierung. Den Ausschlag gab ausgerechnet ein von Ernst Ludwig Kirchner formuliertes "Manifest", das Einheit und Gleichheit neu positionieren sollte und 1913 zur Auflösung führte. In der Neuen Nationalgalerie hängt es aus.

Obwohl sie in den 1920er-Jahren im Umfeld von Herwerth Waldens Galerie "Der Sturm" und expressionistischen Dichter-Aufbrüchen endlich anerkannt und gefeiert wurde, scheiterten alle Wiederbelebungsversuche der Künstlergruppe "Brücke". Schon der Erste Weltkrieg hatte die einst verbündeten Individuen atomisiert. Die dem gesamten Expressionismus übergezogene Brandmarkung und Denunzierung als "Entartete Kunst" während des Nationalsozialismus führte dann zur Versprengung der Werke in alle Welt. Jetzt erleben die Brücke-Künstler in Berlin eine grandiose Wiederzusammenführung.

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