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Deutschland

Großes Feilschen um Karstadt-Rettung

Soll der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor Staatshilfen bekommen wie Opel? Während Politiker und Wirtschaftsvertreter debattieren, haben sich die Bundesbürger schon entschieden: Die große Mehrheit lehnt solche Hilfen ab.

Kaufhäuser von Karstadt und Kaufhof stehen in Düsseldorf nebeneinander (Foto: dpa)

Ein Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof - die Lösung des Problems?

Karstadt-Chef Stefan Herzberg begründete die Forderung nach einer Staatsbürgschaft für den Mutterkonzern Arcandor mit der Finanzkrise. "Wir haben hier eine Situation, die uns durch die Finanzkrise vom Kapitalmarkt abschneidet", sagte Herzberg dem Deutschlandradio Kultur am Mittwoch (03.06.2009). "Wir konnten vorher die Probleme selber lösen. Jetzt, durch den mangelnden Zugang zum Kapitalmarkt, sind wir dazu nicht in der Lage."

Karstadt-Chef Stefan W. Herzberg (Foto: picture-alliance)

Fordert staatliche Hilfen: Karstadt-Chef Stefan W. Herzberg

Herzberg sagte weiter, die Arcandor-Gesellschafter engagierten sich "in einem wirklich vorbildlichen Maße und prüfen im Moment auch weiteres Engagement". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt in diesem Zusammenhang, denkbar sei, dass die Familien Oppenheim und Schickedanz ihre Aktienpakete als Sicherheit für einen benötigten Kredit von 650 Millionen Euro bereitstellten. Die beiden Familien besitzen jeweils rund 30 Prozent der Arcandor-Anteile. Derzeit verhandelt Arcandor-Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen dem FAZ-Bericht zufolge mit Koalitions-Politikern in Berlin aber noch über verschiedene Wege für ein Engagement der beiden Eigner-Familien. Arcandor hat eine Staatsbürgschaft über 650 Millionen Euro beantragt.

Warnung vor "Panikmache" wegen Stellenabbau

Der Chef des zum Metro-Konzern gehörenden Konkurrenten Kaufhof, Lovro Mandac, bekräftigte seinerseits die Bereitschaft zu einer Verbindung mit Karstadt. Arcandor solle entsprechende Gespräche mit der METRO aufnehmen, forderte Mandac im ZDF. Ziel bleibe dabei die Schaffung einer "Deutsche Warenhaus AG" durch die Zusammenführung von Kaufhof und Karstadt. "Es gibt Überlappungen nur in 32 Städten, das ist nicht so viel", so Mandac weiter.

Kaufhof- Chef Lovro Mandac (Foto: dpa)

Will ein Zusammengehen der Warenhaus-Unternehmen: Kaufhof- Chef Lovro Mandac

Berichte über einen drastischen Arbeitsplatzabbau im Fall einer Fusion nannte er "Panikmache". Nach seinen Informationen gibt es circa 30.000 Karstadt-Mitarbeiter. Die übrigen der häufig genannten 50.000 Beschäftigten seien anderen Teilen des Arcandor-Konzerns zuzuordnen. Staatshilfen für Arcandor hält Mandac nicht für erforderlich: "Es gibt genügend privatwirtschaftliche Lösungen, um aus dem Dilemma herauszukommen."

Äußerungen von SPD-Politikern mit Abstufungen

Auf der politischen Ebene waren es vor allem SPD-Politiker, die sich zu Arcandor äußerten - allerdings mit recht aufschlussreichen Abstufungen. SPD-Chef Franz Müntefering forderte offen staatliche Hilfen für den angeschlagenen Handels- und Touristikkonzern. Ähnlich wie bei Opel sei er dafür, "dass wir auch in dem Fall eine Rettung versuchen", sagte Müntefering dem Magazin "Stern". SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sprach sich für eine staatliche "Begleitung" aus. Der "Passauer Neuen Presse" sagte er, es sei zwar nicht die Aufgabe des Staates, für Manager-Versagen aufzukommen. Die Frage sei aber, ob das "jetzt die Verkäuferinnen an der Kasse ausbaden"sollten.

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick (Foto: ap)

Verhandelt mit Berlin über mögliche Hilfen: Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick

Noch mehr distanzierte sich der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider. Er warf in der "Berliner Zeitung" dem Arcandor-Management sogar vor, mit "erpresserischen Methoden" Hilfen durchsetzen zu wollen. Dem Bericht zufolge reagierte er damit auf die Aussagen von Firmenchef Karl-Gerhard Eick, wonach eine Pleite des Unternehmens den Staat mindestens eine Milliarde Euro kosten würde und vergleichbar wäre mit dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers 2008. "Das Management sollte sich lieber darauf konzentrieren, sehr genau zu begründen, warum sie Hilfen brauchen", wurde Schneider weiter zitiert. Es gebe kein Grundrecht auf Staatsbürgschaften.

Auch Mehrheit von SPD- und Linke-Anhängern skeptisch

Die Bundesbürger haben in dieser Debatte übrigens längst eindeutig Position bezogen. Bei einer Forsa-Umfrage sprachen sich 61 Prozent der Befragten gegen Finanzspritzen des Staates für Arcandor aus. Lediglich knapp ein Drittel (32 Prozent) erklärte, der Staat solle dem Karstadt-Mutterkonzern etwa durch Bürgschaften unter die Arme greifen. Am stärksten sprachen sich die Anhänger der Grünen (73 Prozent) und der FDP (68 Prozent) gegen staatliche Hilfen aus. Auch fast zwei Drittel der Unions-Wähler (65 Prozent) äußerten sich negativ. Etwas geringer ist die Ablehnung unter den Anhängern von SPD und Linkspartei: Hier votierten jeweils 61 Prozent gegen eine staatliche Stützung von Arcandor.

Unterdessen trat der Bürgschaftsausschuss der Bundesregierung zusammen, um über die von Arcandor beantragte Staatshilfe zu beraten. An der Sitzung nimmt auch Konzern-Chef Eick teil. Der Ausschuss, dem Fachbeamte mehrerer Ministerien angehören, ist die erste Prüfungsinstanz. Eine endgültige Entscheidung soll nach bisherigen Planungen Anfang kommender Woche erfolgen. (sti/det/dpa ap/afp/rtr)

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