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Deutschland

Großer Abschied und ein kleiner Appell

Mit einem Staatsakt hat die Bundesrepublik Deutschland Abschied von ihrem langjährigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher genommen. Bei der Verabschiedung des liberalen Urgesteins waren rund tausend Gäste dabei.

Die Sonne scheint, als Hans-Dietrich Genscher seinen letzten Weg antritt. Nach dem Staatsakt zu seinen Ehren wird er zur Beisetzung gefahren. Durch die Scheiben des schwarzen Wagens schimmert der mit einer Deutschlandfahne bedeckte Sarg des am 31. März verstorbenen Politikers. Neben den geladenen Gästen sind auch einfache Bürger angereist, die jetzt die Straße säumen.

Wolfgang Richter ist mit seiner Frau gekommen. Zwei Stunden sind sie gefahren, doch es hat sich gelohnt: "Genscher war mein politisches Leben", sagt der 70-Jährige und muss dabei schlucken. "Autorität, Glaubwürdigkeit, Leichtigkeit und Konsequenz", diese Eigenschaften habe er an Genscher geschätzt. Richter hat sich wie rund hundert andere Menschen aus Bonn und Umgebung auf den Weg gemacht, um Abschied zu nehmen vom langjährigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Ein bauchhohes Absperrgitter trennt sie von den offiziellen Feierlichkeiten des Staatsaktes.

Moment des Schweigens

Gut zwei Stunden vorher, zu Beginn der Feierlichkeiten, verdunkeln noch dicke Wolken den ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Tausend Gäste sind im heutigen World Conference Center geladen. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sitzt in der zweiten Reihe und freut sich, seinen ehemaligen Kanzleramtschef und SPD-Parteigenossen, den jetzigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, zu begrüßen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz läuft durch den Plenarsaal und schüttelt viele Hände, Finanzminister Wolfgang Schäuble studiert das Programm.

Deutschland Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher in Bonn - Joachim Gauck (Foto: DW/Martin)

Beobachtet den Staatsakt von außen: Wolfgang Richter

Die Liste der Politikprominenz ist lang: Etliche FDP-Parteikollegen Genschers sitzen auf der hinteren Bank: Dirk Niebel, Rainer Brüderle, Gerhart Baum, Philipp Rösler. Die zweite Reihe vorne ist mit den ehemaligen Bundespräsidenten besetzt: Roman Herzog, Horst Köhler, Christian Wulff. Mitten in ihren Gesprächen halten sie plötzlich inne - es herrscht absolute Stille. Bundespräsident Joachim Gauck führt Hans-Dietrich Genschers Witwe Barbara zu dem in der Mitte des Plenarsaals aufgebahrten Sarg ihres Mannes - ein langer Moment des Gedenkens und des Schweigens.

"Wiedervereinigung auch sein Werk"

"Wir können uns ein Deutschland ohne Genscher gar nicht mehr vorstellen", sagt Gauck, der als erster Redner die Stille bricht. Ihn und Genscher verbindet vor allem die deutsche Wiedervereinigung. Folgerichtig kommt Gauck auf den wohl eindrucksvollsten Moment im politischen Leben des Hans-Dietrich Genscher zu sprechen: Die Balkonrede in der deutschen Botschaft in Prag, vor Flüchtlingen aus der DDR, die in den Westen wollten - und es nur mit einem Zug konnten, der den Osten Deutschlands durchquerte. "Nur die Glaubwürdigkeit des Hallensers, der selbst in die Freiheit geflohen war" hätte damals die Menschen in der Botschaft veranlassen können, noch einmal durch die DDR zu fahren.

Deutschland Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher in Bonn (Foto: picture-alliance/dpa/R. )

Bundespräsident Gauck erweist Hans-Dietrich Genscher die letzte Ehre

Die ostdeutschen Wurzeln Genschers - der 1952 von seiner Heimatstadt Halle nach Westdeutschland übersiedelt war - sind bei allen vier Trauerrednern ein Thema. "Wir alle mussten nach Halle reisen", sagt sein Nachfolger im Amt des Außenministers, Klaus Kinkel, und auch er erinnert daran: "Die Wiedervereinigung war ganz stark das Werk Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers." Der ehemalige US-Außenminister James Baker, der Genscher liebevoll und mit amerikanischem Akzent nur "Hans-Dietrig" nennt - bringt die Trauergäste sogar zum Lachen, als er von Genschers Auftritten in Halle spricht. "Er war dort wie ein Rockstar."

"Sensibler als er schien"

Die Familie Genscher hatte sich ausdrücklich gewünscht, dass der Festakt im Plenarsaal des ehemaligen Bundestages stattfindet. Und der starre Blick des Bundesadlers hinter dem Rücken der Redner ist ein passendes Symbol sowohl der Bonner Republik als auch für Genschers Wirken - hatte sein aktives politisches Leben doch vor allem in Bonn stattgefunden. "Er hatte ein Gespür für die Macht der Emotionen in der Politik", würdigt Bundespräsident Gauck seinen Politikstil.

Genscher hatte 33 Jahre lang im Bundestag gesessen, war fast ein Vierteljahrhundert Minister, Mitglied in neun Kabinetten unter drei Kanzlern, fast elf Jahre FDP-Vorsitzender und 18 Jahre Außenminister und Vizekanzler. "Er ist nicht ersetzbar", betont Klaus Kinkel, der Genscher als Mentor und Ziehvater beschreibt. "Er liebte und wollte geliebt werden. Er war sensibler, als er nach außen erschien und auch erscheinen wollte."

Deutschland Bonn Staatsakt Genscher Rede Friedrich Schorlemmer (Foto: picture-alliance/dpa/R.)

Letztes Geleit - Soldaten tragen den Sarg Hans-Dietrich Genschers aus dem ehemaligen Plenarsaal des Bundestages

Neben der deutschen Einheit würdigen die Redner auch seine Verdienste für Europa. Selbst als er gegen Ende seines 89-jährigen Lebens im Rollstuhl gesessen hätte, habe er noch flammende Vorträge über "sein Europa" gehalten, erinnert sich Klaus Kinkel. James Baker nennt ihn einen "Titan und unter den Diplomaten Europas" und bringt die Anwesenden abermals zum Lachen, als er Genschers ernste und kräftige Stimme imitiert, mit der er pragmatisch und schlicht ans Telefon ging: "Genscher".

"Es ist noch nicht zu spät"

Friedrich Schorlemmer, Theologe aus der DDR und langjährige Freund, erinnert sich an die letzten Gespräche mit Hans-Dietrich Genscher und seine Sorge vor der zunehmenden Entfremdung Europas von Russland. Und als solle in seiner Stimme der politische Wille Genschers nachhallen, fügt er hinzu. "Es ist noch nicht zu spät."

Deutschland Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher in Bonn (Foto: picture-alliance/dpa/R.)

Rede mit Botschaft: Friedrich Schorlemmer

Schorlemmer hält auch die emotionalste Rede der Feierstunde. Mehrmals legt er sein Redemanuskript beiseite und schaut eindringlich in die Runde der Trauergäste. Einmal verharrt er bei Genschers Ehefrau Barbara: "Wir vermissen seine Stimme, seine warme Stimme, seinen Humor und seine Lebensweisheit."

Schorlemmers Worte finden Nachhall in Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude", gespielt vom Streicherensemble der Klassischen Philharmonie Bonn. Soldaten tragen den Sarg dann aus dem Plenarsaal, gefolgt von den Gästen.

Nun kann sich auch Wolfgang Richter noch ein letztes Mal verabschieden. Der schwarze Sargwagen fährt an ihm vorbei zu Genschers Wohnort in Wachtberg bei Bonn. Hier wird der ehemalige Außenminister unter Ausschluss der Öffentlichkeit beigesetzt. Wolfgang Richter und seine Frau machen sich auf den Heimweg. "Vorher", sagt Richter mit trockener Stimme, "muss ich das aber alles erstmals verarbeiten."

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