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Welt

Große Wohnungsnot auf Kuba

Weltweit müssen viele Menschen auf zu kleinem Raum zusammen wohnen. Auf Kuba haben die großen Haushalte vor allem politische Ursachen: Bis 2011 war es dort verboten, Immobilien zu verkaufen.

Jorge hat Glück: Der Vater des 45-jährigen Kubaners ist ins Ausland gegangen, um dort als Arzt zu arbeiten. Seine Wohnung hat er dem Sohn überlassen. Viele andere erwachsene Kubaner können von einer eigenen Wohnung nur träumen: Oft leben acht bis zehn Personen in der kleinen Wohnung der Eltern, teilweise in Zimmern ohne Tür. "Diese Menschen haben damals von der Regierung eine Wohnung zugewiesen bekommen, dann haben sie geheiratet und drei Kinder bekommen, die dann auch erwachsen wurden und Kinder bekamen - und damit wohnen in einem  Haushalt sehr viele Personen", erzählt Jorge im Gespräch mit der DW.

Kommunistische Wohnungspolitik spaltet die Gesellschaft

Kuba-Experte Michael Zeuske (Foto: Privat)

Kuba-Experte Michael Zeuske

Bis 2011 konnte man in Kuba keine eigene Wohnung mieten oder kaufen, erläutert Michael Zeuske, Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte: "Während der Revolution unter Fidel Castro ist im Laufe der 1960er Jahre die sogenannte Reforma Urbana, die Stadtreform, durchgeführt worden: In deren Verlauf machte Castro deutlich, dass er es als Ausbeutung versteht, Häuser zu vermieten und Miete zu bezahlen." Castro verstaatlichte die Wohnungen und überließ sie für einen niedrigen Betrag den Bewohnern. Allerdings durften diese damit nicht frei über ihre Behausung verfügen: Vor allem der Verkauf oder Kauf von Immobilien wurde verboten. Denn er widersprach der kommunistischen Idee der Gleichheit aller Menschen in einer Gesellschaft. 

Erlaubt war nur, Wohnungen zu vererben oder sie gegen gleich große und qualitativ gleichwertige Wohnungen zu tauschen. "Das hatte ein gesellschaftliche Teilung zufolge: Auf der einen Seite gibt es die Alten, die im Zuge der Reforma Urbana Wohnungen bekamen, und die die Familien dominieren - und auf der anderen Seite stehen die jungen Leute, die die Hölle durchleben", sagt Michael Zeuske im DW-Interview. Neben der fehlenden Privatsphäre sei vor allem die indirekte Kontrolle der Eltern ein Problem, denn wer über Wohnraum verfüge, habe damit auch die Macht über andere. Viele flüchteten sich in den Alkohol, die Scheidungsraten seien hoch. "Viele Kubaner streben ein wenig Privatsphäre an - ein eigenes Zimmer, dann eine eigene Wohnung - und wenn sie das nicht bekommen, dann verlassen vor allem junge Leute das Land", erläutert der Lateinamerika-Experte.

Erst 2011 wurde dieses Verkaufsverbot für Immobilien aufgehoben. Doch das habe die Wohnungsnot kaum gemildert, erläutert Zeuske: Denn das monatliche Einkommen liege bei umgerechnet rund 15 Euro, Wohnungen oder Häuser kosteten aber im Schnitt zwischen 4000 und 15.000 Euro. Hinzu kämen die Kosten für die Renovierung, denn die meisten Gebäude seien marode.

Kaum Entwicklungschancen wegen prekärer Wohnsituation

Blick auf eine Favela bei Sao Paolo (Foto: Friso Gentsch/dpa)

Favela bei Sao Paulo in Brasilien

Wohnungsnot herrsche nicht nur in Kuba - sondern allgemein besonders in Ländern, in denen es zu schnellen Urbanisierungsprozessen komme, erklärt Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Das gelte vor allem für Lateinamerika und Asien. Meist landeten die Zuzügler in den Slums der Vororte, die nicht an das lokale Trink- und Abwassersystem angeschlossen oder mit Schulen und Krankenhäusern verbunden seien, gibt Windfuhr zu bedenken.

Die fehlende Privatsphäre in den großen Haushalten sieht auch er als zentrales Problem, denn meist lebten die Familien in Hütten, in denen einzelne Sektoren und Schlafräume nur mit Tüchern abgegrenzt würden. "Da ist es für die Kinder natürlich schwer, Hausaufgaben zu machen - zumal oft den ganzen Tag der Fernseher läuft. Und für junge Menschen besteht die Schwierigkeit, eine Beziehung oder auch Freundschaft aufrechtzuerhalten, einfach ein eigenes Leben zu führen." Damit senke eine derartige Wohnsituation auch die Ausbildungs- und Einkommensperspektive der jungen Menschen und nehme ihnen die Chance, sich zu entwickeln. "Deshalb spricht man auch von einem Recht auf Wohnen, was eben mehr ist als ein Dach über dem Kopf", sagt Menschenrechtler Windfuhr. Er sieht vor allem die Politik in der Pflicht, denn noch gebe es in den wenigsten Entwicklungs- und Schwellenländern Maßnahmen wie sozialen Wohnungsbau und Mietbindungen.

Kubaner müssen umdenken

Zentraler Platz im Zentrum von Havanna (Foto: DW/C. Ruta)

Wohnen im Zentrum Havannas - für viele unbezahlbar

In kubanischen Städten werden in den Außenbezirken wieder verstärkt Sozialwohnungen hochgezogen - auch mit Hilfe des verbündeten venezolanischen Staatschefs Hugo Chávez. Kuba-Experte Michael Zeuske ist aber skeptisch: "Ich weiß nicht, wie viel das lösen kann. Generell war es immer so, dass der Wohnungsbau schleppend vorangegangen ist, auf den Baustellen nicht richtig gearbeitet und viel Baumaterial geklaut wurde."

Der Kubaner Jorge sieht dagegen vor allem seine Landsleute selbst in der Pflicht, denn in vielen Köpfen sei die staatliche Fürsorgepraxis noch fest verankert: "Es gibt auch Kubaner, die Verwandte im Ausland haben und von ihnen 4000, 5000 oder auch 20.000 Euro überwiesen bekommen - und sich eine Wohnung kaufen könnten. Aber fest steht, vorher war das Wohnen kostenlos. Und Strom, Wasser, Gas, Telefon müssen auch bezahlt werden." Um ihre Situation zu verbessern, müssten die Kubaner zunächst begreifen, dass man für Leistungen wie eine Wohnung auch bereit sein muss, zu bezahlen. 

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