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Kultur

Großbritanniens Krieg der Worte

Nostalgie wird in Großbritannien groß geschrieben. Doch nun streitet das Land darüber, wie es an den Ersten Weltkrieg erinnern soll. Während die Gedenkfeiern näher rücken, wird das Wortgefecht lauter.

Großbritannien liebt die Nostalgie. Man kann sogar sagen, dass dieses Land mit seiner eigenen "großen" Geschichte auf Nostalgie aufbaut. Aber bis vor Kurzem war nicht mehr viel Nostalgie übrig für den Ersten Weltkrieg, seine Massenschlachten und den Bruch mit dem alten System (viele Briten glauben, der Krieg hätte das Klassensystem auseinandergerissen, in dem die Menschen bereits ihren Platz gefunden hätten). Seit Beginn des Jahres streiten britische Wissenschaftler und Politiker darüber, wie sie das Jahrhundertgedenken begehen sollen. Es ist ein "Krieg der Worte" entbrannt.

Großbritanniens Bildungsminister

Michael Gove

hat den ersten Schuss gefeuert. In den ersten Wochen des neuen Jahres klagte Gove "linksgerichtete Wissenschaftler" an, sie gingen mit unpatriotischen "Mythen" über Großbritanniens Rolle im Ersten Weltkrieg hausieren. Sie hätten – sagt zumindest Gove – den Krieg als "scheußliche Schlachtbank" porträtiert und so den "Patriotismus, die Ehre und den Mut" jener Menschen herabgesetzt, die im Krieg gedient und für einen "rechten Grund" gestorben seien – nämlich den deutschen Angriff zurückzustoßen.

Gedenktag zu Ehren der Kriegsveteranen

Die Art und Weise, wie die Briten des Ersten Weltkriegs gedenken, hat sich über die Jahre verändert.

Tristan Hand, linksliberaler Wissenschaftler und Sprecher für Bildung der oppositionellen Labour-Partei schoss zurück. In einem Zeitungsartikel beschuldigte Hunt Gove damit, dass er "hässliche" und scharfe Kommentare mache, während die Zeit doch besser für nationale Selbstreflektion genutzt werden sollte. Hunt warf dem Bildungsminister barbarischen Triumphalismus vor, indem er Nationalismus schüre und vor der entscheidenden Wahl des Europäischen Parlaments im Mai für eine antieuropäische Stimmung sorge. "Nur wenige hätten sich vorstellen können, dass die Konservativen sich als so grobschlächtig erweisen würden, keine würdige Antwort auf die Geschehnisse von 1914 – 1918 zu finden", schrieb er.

Eine "würdevolle" Erinnerung

Die von den Konservativen geführte Regierung beharrt darauf, dass ihre Antwort würdevoll ist: Sie veranstaltet eine festliche und von Respekt für die Opfer geprägte Erinnerung an den Krieg: Ein großes, millionenschweres Programm mit etlichen Veranstaltungen ist geplant, darunter Besuche der Kriegsschauplätze für Schulkinder, Erinnerungskonzerte und die Einweihung neuer Gedenktafeln und -figuren, um die Millionen Menschen zu ehren, die in dem Krieg starben, der "alle Kriege beenden sollte". Das

Imperial War Museum

im Süden Englands bekommt einen grundlegend neuen Anstrich und baut seine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg weiter aus. Etliche Ausstellungen sind darauf ausgerichtet, vor allem die Veränderungen innerhalb der britischen und europäischen Gesellschaft widerzuspiegeln, die den Krieg ausgelöst haben.

Gedenktag zu Ehren der Kriegsveteranen

Gedenken an die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, auch in Schottland ein wichtiges Anliegen

Bildungsminister Michael Gove sieht darin ein Problem. Es werde die Schuldfrage ignoriert und vergessen, den Sieg Großbritanniens und seiner Verbündeten zu feiern. Es entwürdige die Opfer, wenn die Erinnerung zu einer "beliebigen linksgerichteten Auffassung" des Ersten Weltkriegs abdrifte.

"Er war nicht sinnlos"

Max Hastings

, Autor eines dieser vielen neuen Bücher über den Krieg, "Catastrophe 1914", geht noch einen Schritt weiter. Es sei mindestens genauso wichtig gewesen, den Kaiser zu schlagen wie Hitler im Zweiten Weltkrieg. "Das Kriegsziel des deutschen Kaiserreiches ist nicht weit von dem Deutschland unter Hitler 1939 entfernt. Der Kaiser wollte die Vorherrschaft über Europa", behauptet Hastings. "Wenn die Deutschen gewonnen hätten, wäre es ein sehr schlechter Tag für die Demokratie und die Freiheit in Europa gewesen."

Hastings, ein ehemaliger Journalist der konservativen Zeitung "

Daily Telegraph

", behauptet, dass die Geschichte umgeschrieben und verzerrt würde, um zu vermeiden, das heutige Deutschland vor den Kopf zu stoßen. Für Hastings ist dies eine Beleidigung Großbritanniens, einer Nation, die sich komplett ihrer militärischen Vergangenheit gestellt habe.

"Wir sollten versuchen, die Wahrheit zu sagen"

"Das moderne Deutschland ist ein tolles Land mit einer großartigen Demokratie, der wir alle unseren höchsten Respekt zollen", sagt Hastings. "Aber wenn uns die Wissensweitergabe an künftige Generationen irgendetwas bedeutet, dann sollten wir versuchen, die Wahrheit zu erzählen."

Die "Wahrheit" über den "Großen Krieg" ist schwerer fassbar als Hastings und Gove vermuten. Und so melden sich auch etliche Historiker bei der Diskussion zu Wort. Auf der einen Seite unter anderem ein bedeutender britischer Historiker, der nie als linksgerichtet bezeichnet wurde. Er meint, es sei Großbritanniens Recht gewesen, in eine Auseinandersetzung, die auf dem europäischen Festland stattfand, einzugreifen. Auf der anderen Seite Niall Ferguson, Geschichtsprofessor an der Harvard Universität. "Großbritannien hätte sich aus dem Konflikt heraushalten sollen. Es gab keine direkte Bedrohung für das Land. Es war der größte Fehler der modernen Geschichte", behauptet Ferguson in seinem Buch "The Pity of War".

Queen Porträt c: Getty Images

Das Gedenken an den Krieg wird in Großbritannien großgeschrieben, nur wie, darüber wird gestritten

"Der größte Fehler der modernen Geschichte?"

Den Kaiser mit Hitler gleichzusetzen, so Ferguson, sei falsch. Kaiser Wilhelms Ziele seien lange nicht so größenwahnsinnig gewesen wie die von Hitler. Großbritannien hätte sich zurückhalten und später in einem viel günstigeren Augenblick einmischen sollen. Indem es dem Krieg von Anfang an beitrat, sagt Ferguson, sei Großbritannien in einem langen, harten und unglaublich zerstörerischen Kampf gefangen gewesen, der nicht nur Großbritanniens Ressourcen aussaugte: Der Kampf habe Europa vernichtet und zu der Geburt der zwei größten Tyrannen des 20. Jahrhunderts geführt: Nazi-Deutschlands und der stalinistischen Sowjetunion.

Darüber hinaus, argumentiert Ferguson, sei Großbritannien daran gescheitert, seine grundsätzlichen Kriegsziele zu erfüllen, nämlich Deutschland daran zu hindern, Europa zu beherrschen. "Hundert Jahre später – welches Land beherrscht Europa? Fragt die Griechen", sagt der Historiker.

Der Krieg der Worte über den "Großen Krieg" wütet weiter. Sicher ist, dass sogar nach den großen Gedenkfeiern im Sommer die Kontroverse um die Frage, wie man an diesen Krieg am besten erinnert, nicht beendet sein wird.

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