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Europa

Großbritannien und die Qual der Neuwahl

Im Vereinigten Königreich wird bis 23 Uhr MESZ gewählt. Die Briten entscheiden über ein neues Parlament. Es geht um den Brexit, die innere Sicherheit und das Gesundheitssystem. Aus London Maximiliane Koschyk.

"Sie funktionieren, sie machen ihre Sache gut", sagt Vahedeh Hamedani. Die Seniorin hat seit sechs Uhr morgens vor ihrem Wahllokal gewartet und als erste ihre Stimme abgegeben: für die Konservativen. Die gebürtige Iranerin lebt schon lange in London und ist von der Arbeit der Regierung überzeugt.

Dank überzeugten Frühaufstehern wie Hamedani könnte die Partei der amtierenden Premierministerin Theresa May tatsächlich heute als Wahlsiegerin hervorgehen - auch wenn die aktuellen Umfragewerte nicht mehr auf einen erdrutschartigen Wahlsieg hindeuten, wie im April als May überraschend die Neuwahlen ankündigte. Ohne eigenständiges Mandat hatte sie nach dem Brexit-bedingten Rücktritt von David Cameron das Amt übernommen. Mit den Neuwahlen sollen die Briten nun entscheiden, wer ihren Austritt aus der Europäischen Union verhandeln soll.

Wählerin Vahedeh Hamedani (Foto: DW/M.Koschyk)

Hat es geschafft, die Erste zu sein: Vahedeh Hamedani

Abstimmen zwischen Kohl und Karotten

Vor der kleinen Bücherei im Londoner Bezirk Hampstead und Kilburn stehen kurz vor Abstimmungsbeginn um sieben Uhr schon rund 20 Wähler an. Die Gegend ist gemütlich, fast vorstädtisch. Vor der Eingangstür des verklinkerten alten Gebäudes sind Holzkisten mit Blumenkohl, Karotten und Kräutern bepflanzt.

Nach den Prognosen könnte die Wahlbeteilung dieses Mal höher sein als üblich. Auch wenn - bei vielen Remainern zumindest - der Schock über den Brexit noch tief sitzen mag: Im Gegensatz zu den Franzosen sind die Briten keine Freunde großer politischer Umwälzungen.

Wähler Richard Braham (Foto: DW/M.Koschyk)

Richard Braham stimmt vor der Arbeit noch schnell für die Konservativen

Die Zeichen stehen gut für einen Verbleib Mays als Premierministerin. Auch der Mittdreißiger Richard Braham hofft auf einen Wahlsieg der Konservativen: "Ich bin extra vor der Arbeit gekommen", sagt er auf dem Weg aus dem Wahllokal. Aber die großen Erwartungen der Premierministerin würden sich wohl nicht erfüllen: "Ich denke nicht, dass Theresa May die Mehrheit bekommt, die sie sich erhofft hat, weil die Kampagne nicht so gut war."

Ein Blitz-Wahlkampf, vom Terror überschattet

Tatsächlich war der nur rund sieben Wochen dauernde Wahlkampf vor allem für die beiden großen Parteien, die konservativen Tories und die linksliberale Labour-Partei schwieriger als erwartet. Sollte die Wahl eigentlich darüber entscheiden, wer demnächst die Brexitverhandlungen führen wird, überschatteten Terroranschläge in Manchester und London diese Debatte und lenkten den Blick der Wähler auf die innenpolitischen Versäumnisse Mays als Innenministerin in der Regierung von David Cameron. Sie ist es, die unter anderem massive Kürzungen bei der Polizei zu verantworten hat.

"Ich bin sehr beunruhigt über Mays Aussagen, für die Terrorbekämpfung grundlegende Menschenrechte opfern zu wollen", sagt die junge Wählerin Emily. May hatte nach dem jüngsten Anschlag in London angekündigt, Grundrechte zu beschneiden. "Ich bin nicht sonderlich hoffnungsvoll heute, denn ich stimme für Labour", sagt Emily. Auch ihre Nachbarin in der Warteschlange ist Labour-Wählerin. Gail steckt sich gerade eine große rote Rosette an ihre Jacke, um das zu zeigen.

Labour wählen, um die Tories in Schach zu halten

"Ich wünsche mir mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft", sagt sie. Unter weiteren fünf Jahren konservativer Regierung, befürchtet sie, werden Bildung, Gesundheit und Sozialausgaben noch mehr leiden. "Wir haben einen wunderbaren nationalen Gesundheitsdienst, der systematisch privatisiert wird. Sie sei sich zwar sicher, dass es wieder eine konservative Regierung geben wird, "aber ich hoffe, dass ein Wahlerfolg Labours die Mehrheit der Tories deutlich beschneiden wird."

Wählerinnen Gail (vorne) und Emily (dahinter) (Foto: DW/M.Koschyk)

Warten auf die Stimmabgabe: Gail (vorne) und Emily (dahinter)

Viele Anhänger kleiner Parteien und Gegner der Konservativen könnten sich wie Gail heute für eine strategische Stimmabgabe zugunsten Labours entscheiden. "Ich stimme ihr zu", sagt auch May-Kritikerin Emily. "Wir müssen unsere Stimme nutzen, um die Macht der Labour-Partei im Parlament zu stärken, damit sie sich gegen die schlechten Entscheidungen der Tories stellen können."

Ihre Stimme trägt mit dazu bei, Labour-Chef Jeremy Corbyn den nach jüngsten Umfragen unverhofften Stimmzuwachs unter Jungwählern zu bringen. Er erzielt demnach bei den 20- bis 40-Jährigen eine knappe Zweidrittelmehrheit. Das mag auch daran liegen, dass nach dem Brexit-Desaster sich rund 500.000 jüngere Wahlberechtigte neu für die Wahlen registriert hatten.

In manchen Wahlkreisen wird es eng

Kombi-Bild Jeremy Corbyn Theresa May TV-Debatte

Noch lächeln beide. Am Ende wird nur einer lachen. Aber wer: Corbyn oder May?

Corbyn selbst wählt an diesem Tag im nur wenige Kilometer östlich gelegenen Londoner Bezirk Islington North. Von hier wurde er schon zum ersten Mal 1983 ins Parlament entsandt. Der Sitz ist seit 80 Jahren fest in der Hand von Labour und gilt als eine sichere Bank für Corbyns Mandat.

Wie der Spitzenkandidat insgesamt abschneidet, ist noch völlig offen. Als wahrscheinlich gilt nur, dass sein Bezirk noch vor dem Theresa May ausgezählt werden könnte. Auf nationaler Ebene sind es Wahlkreise wie der Londoner Bezirk Hamstead und Kilburn, wo es zu einem Kopf-an-Kopfrennen der Parteien kommt, die über das Endergebnis entscheiden. Und das lässt nach dem britischen Auszählungsverfahren auf sich warten.

Die Briten zählen langsam aus

Der erste entscheidende Sitz der Wahlnacht soll gegen ein Uhr bekanntgegeben werden: in Nuneaton im Bezirk Warwickshire. Hier entscheidet sich traditionell die politische Richtung der Wahl. Der frühere Premierminister David Cameron freute sich 2015, als Nuneaton für ihn stimmte. Er habe ab dem Zeitpunkt gewusst, dass die Tories die Wahlen gewinnen würden.

Die ersten regionalen Ergebnisse werden bereits gegen zwölf Uhr aus Sunderland im Nordosten erwartet. Gegen drei Uhr soll das vorläufige Ergebnis bekannt gegeben werden, und noch bevor der letzte Bezirk - voraussichtlich in Cornwall - gegen Mittag ausgezählt wird, wissen die Briten, wer künftig ihr Land führen soll.

Amit vor dem Wahllokal (Foto: DW/M.Koschyk)

Amit wählt - aber wen?

In der Antrim Grove-Bibliothek können die Anwohner noch bis zehn Uhr abends Ortszeit abstimmen. Es ist nur eines von 40.000 Wahllokalen, in dem die Briten heute nicht nur über eine neue Regierung, sondern auch über die Zukunft des Landes in Europa entscheiden. Selbst wenn der größte Schritt dazu laut Wähler Amit schon längst getan wurde: "Die Wahl über den Brexit selbst ist schon entschieden", sagt er. "Jetzt brauche ich eine Partei, die das handhaben kann." Und zwar für mehr als nur die nächsten fünf Jahre.

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