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Europa

Großbritannien setzt auf Atomenergie

Die britische Regierung hat den Neubau von mehreren Atomkraftwerken genehmigt. Auch deutsche Unternehmen wollen auf der Insel Kraftwerke bauen. Ein europäisches Comeback der Atomkraft ist trotzdem nicht in Sicht.

Eine Anti-Atom-Demonstrantin vor einem Atomkraftwerk (Foto: dpa)

Im April erinnerten britische Atomkraftgegner an die Katastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren

Für den britischen Energieminister Ed Miliband führt kein Weg an der Atomenergie vorbei. Gegenüber der BBC sagte er am Dienstag (10.11.2009), das sei eine Entscheidung der öknomischen und ökologischen Vernunft.

Am Montag hatte Miliband die Pläne seiner Regierung präsentiert, an zehn Standorten neue Atomkraftwerke durch Energiekonzerne errichten zu lassen. Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) wird Großbritannien damit europäischer Spitzenreiter beim Ausbau der Atomenergie.

Ed Miliband, Der britische Minister für Energie und Klimawandel(Foto: dpa)

"Klimaminister" Ed Miliband setzt auf Atomenergie

Miliband begründete den Neubau mit der notwendigen Energiesicherheit und dem Klimaschutz: "In einer Welt, in der unsere Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee zurückgehen, ist ein stärkerer Energie-Mix mit geringem CO2-Austoss die sichere Variante." Die konservative Opposition applaudierte, forderte aber gleichzeitig den beschlossenen Ausbau noch zügiger voranzubringen.

RWE und E.ON machen mit

Auch deutsche Unternehmen wollen an dem neuen britischen Atom-Boom mitverdienen. Die Energiekonzerne RWE und E.ON haben für ihr Großbritanniengeschäft ihre Atomsparten unter dem Namen "Horizon Nuclear Power" zusammengelegt. An dem Gemeinschaftsunternehmen halten beide Partner 50 Prozent.

Die E.ON Zentrale in Düsseldorf (Foto: dpa)

Wenn es um Atomkraft geht, ist E.ON mit dabei - die Konzernzentrale in Düsseldorf

Das erste AKW mit deutscher Expertise soll schon 2020 in Kirksanton in Nordengland in Betrieb gehen. Aber auch die Standorte Wylfa und Oldbury hat sich "Horizon Nuclear Power" bereits gesichert. In den nächsten 15 Jahren wollen sie im Vereinigten Königreich 16,7 Milliarden Euro investieren.

An der größten europäischen Atombaustelle wird außerdem der französische Energiekonzern Électricité de France (EDF) mit vier Reaktoren vertreten sein. Nur für einen weiteren Meiler in Dungeness in Kent erhielt EDF - aus Sorge vor Umweltschäden - keine Genehmigung.

Öffentliche Gelder sollen nicht investiert werden

Miliband versicherte, dass es keine "spezifische" öffentliche Förderung der Kraftwerke geben werde. Durch steigende Preise für CO2-Zertifikate werde der Bau sich in Zukunft rechnen. Die Anwohner seien "enthusiastisch", wenn es um die Atomkraft gehe und es würden 9000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Das Atomkraftwerk Sizewell B in Großbritannien (Foto: AP)

"Sizewell B", kein gutes Beispiel für die Wirtschaftlichkeit der Atomenergie

Frühere Anläufe in Großbritannien, neue Atomkraftwerke zu errichten, zeigen ein anderes Bild. Nach einer Recherche der Universität Birmingham hat es den britischen Staat - unter Einbezug aller Nebenkosten - mehr als vier Milliarden Euro gekostet, den "Sizewell B" Reaktor in Südengland zu bauen, der 1995 fertig gestellt wurde. Die Stromkosten betragen noch heute ein Mehrfaches der ursprünglichen Planung. Hinzu kommt, dass die britische Regierung sich 2003 gezwungen sah, den Betreiberkonzern "British Energy" für weitere 1,6 Milliarden Euro vor dem Bankrott zu retten.

Atomenergie als Klimaschützer

In Großbritannien ist das Energieministerium gleichzeitig auch für Belange des Klimawandels verantwortlich. So verpackt "Klimawandelminister" Ed Miliband die Rückkehr zur Atomenergie dann auch in ein Paket, das auch einige große Windparks enthält. Bis 2050 will Großbritannien den Ausstoß an Treibhausgasen auf 80 Prozent unter den Stand von 1990 drosseln. Um dieses Ziel zu erreichen, soll die Atomkraft bis 2025 rund 40 Prozent des britischen Strombedarfs decken, während für die erneuerbaren Energien nur 30 Prozent vorgesehen sind.

Ein offshore Windpark aus der Vogelperspektive (Foto: dpa)

Zweite Wahl - Erneuerbare Energien sollen bis 2025 rund 30 Prozent des britischen Energiebedarfs decken

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fürchtet, dass durch die hohen Kosten der neuen Atomreaktoren wichtige Investitionen in den Erneuerbare-Energien-Sektor und die Energieeffizienz verpasst werden. Tatsächlich würden die neuen Reaktoren nur wenig zum Klimaschutz beitragen, dafür aber zehntausende Tonnen gefährlichen Atommüll produzieren, dessen Lagerung weitgehend ungeklärt sei. Hinzu komme, dass Miliband durch seinen Plan, auch die Kohleernergie weiter zu fördern, in Sachen Klimaschutz wenig glaubwürdig wirke.

Ein Comeback der Atomenergie ist nicht in Sicht

Dass die britische Entscheidung ein Comeback der Atomenergie in Europa einläutet, ist unwahrscheinlich. Zurzeit sind weltweit 436 Atomkraftwerke in Betrieb. Durch altersbedingte Abschaltungen wird diese Zahl in den nächsten Jahrzehnten stark sinken. In einem vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Gutachten heißt es, dass in den nächsten 15 Jahren etwa 234 neue Atomkraftwerke gebaut werden müssten, wenn die alten durchschnittlich 40 Jahre durchhalten.

Bei der IAEA sind zurzeit - außerhalb von Großbritannien - nur 5 weitere europäische Bauprojekte registriert (Rumänien, Bulgarien, Frankreich). Hinzu kommt, dass auch bereits geplante Projekte sich oft stark verzögern. Rekordhalter ist "Watts-Bar 2" in den USA, wo mittlerweile seit 37 Jahren gebaut wird.

Autor: Martin Heidelberger (mit ap, rtr, afp)

Redaktion: Martin Schrader

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