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Wissen & Umwelt

Großbritannien ohne Kohlestrom?

Kein Strom aus schmutziger Kohle – das ist das Ziel einer parteiübergreifenden Abmachung in Großbritannien. Kommt eine Energierevolution?

In Großbritannien soll weniger Kohlenstoff ausgestoßen werden. Das sieht ein Papier verschiedener Parteien vor – unterzeichnet von Premierminister David Cameron (Tories), seinem Stellvertreter Nick Clegg (Liberale) und Oppositionsführer Ed Miliband (Labour).

Das bedeutet unter anderem: Die ungefilterte Kohleverstromung soll beendet werden. Kohlekraftwerke, die ohne die CO2-reduzierende, sogenannte "CCS-Technologie" arbeiten, bei der CO2 in die Erde gepresst statt ausgestoßen wird, sollen bald der Vergangenheit angehören.

Großbritannien ist das erste Industrieland, das den Ausstieg aus herkömmlichem Kohlestrom ankündigt. Auf Kohlekraft basierte die Industrialisierung des Landes und noch heute wird über ein Drittel der Energie in Großbritannien in Kohlekraftwerken produziert.

Ein historischer Schritt?

Greenpeace–Kohleexpertin Susanne Neubronner sieht die Erklärung als eine wichtige Botschaft, vor allem im Zuge der internationalen Klimaverhandlungen, die Ende des Jahres zum Abschluss eines neuen, staatenübergreifenden Klimavertrags führen sollen.

"Generell ist es ein sehr gutes Zeichen für Europa und die Welt, dass Großbritannien als einer der großen Kohleverbraucher aus der Kohlekraft mittelfristig aussteigen will", sagte Neubronner der DW.

Politischer Zusammenhang

David Cameron England

Rüstet sich für die Wahl im britischen Unterhaus: David Cameron

Die Erklärung fällt in eine Zeit, in der Klimaverhandlungen auf dem politischen Parkett eine wichtige Rolle spielen: Sie wurde direkt nach den internationalen Klimaverhandlungen vergangene Woche in Genf veröffentlicht, bei denen die Delegierten eine Vorlage für einen neuen Klimavertrag erarbeiteten. Der neue Klimavertrag soll Ende 2015 in Paris unterzeichnet werden und verbindliche Klimaziele aller 194 Mitgliedsstaaten festhalten.

Die britischen Politiker werden sich in Paris für eine Vereinbarung einsetzen, die versucht, die globale Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Um das zwei-Grad Ziel zu erreichen, muss die Energiegewinnung aus fossilen Energien ohne CCS-Technologie bis 2100 fast komplett gestoppt werden, so die Einschätzung von UN Klimaforschern. Die Erklärung der britischen Regierung soll hierfür den Weg ebnen. In dem Papier stehen sie für eine Politik ein, die sich "an den Grenzen des Planeten orientiert und die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad hält."

Dass die Politiker parteiübergreifend das Papier unterzeichneten, sei ein wichtiges Signal, meint Antony Froggatt, Energieexperte des britischen Think Tank "Chatham House". Denn im Mai steht in Großbritannien die Wahl im Unterhaus an. Dass verschiedene Parteien das Papier unterzeichnet hätten, mache deutlich, dass in Großbritannien Klimaschutz in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen werde, egal wie die Wahl ausgehe, so Froggatt im Gespräch mit der DW.

Vorbild für Europa?

Kohle war bislang für Großbritannien ein Eckpfeiler der Stromproduktion: Nur Deutschland und Polen produzieren in Europa mehr Strom aus Kohle als das Vereinigte Königreich.

Könnte die Ankündigung, sich von den alten Kohlekraftwerken zu trennen, zu Nachahmern führen? Froggatt meint, die Energiemärkte der verschiedenen Länder seien dafür zu unterschiedlich, das Beispiel Großbritannien sei nur schwer übertragbar. Auch Greenpeace-Kohle-Expertin Neubronner ist skeptisch, dass die Erklärung eine Kettenreaktion in anderen Staaten auslösen könnte. "Dass sich ein anderes Land überzeugen lässt, aus Kohle auszusteigen, ohne einen Einstieg in Atomkraft oder andere Risikotechnologien, das steht in den Sternen. Letztendlich muss man sehen: Wie macht es ein Land vor, das nur auf erneuerbare Energien setzt?"

Mehr Symbol als Revolution

Windrad

Erneuerbare Energien statt Kohlestrom - eines der Ziele von Greenpeace

Obwohl die Erklärung positiv aufgenommen wird, geht sie Neubronner nicht weit genug: Zum einen fehle ein genauer Zeitrahmen für den Ausstieg – damit haben sich die Politiker bislang zurückgehalten. Zum anderen sei nicht klar definiert, welche Alternativen für die herkömmlichen Kohlekraftwerke geplant sind.

Neubronner befürchtet, dass Kohlestrom durch Atomstrom ersetzt wird. Denn ein Hauptargument für den Ausstieg Großbritanniens aus der Kohlekraft sei nicht unbedingt der Umstieg auf grüne Energien, sondern die Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Und der sei auch bei Atomkraftwerken gegeben - für Greenpeace keine wünschenswerte Alternative: "Es ist eine Hochrisikotechnologie, und gerade der britische Kraftwerkspark ist alt und störanfällig."

Neben der Atomkraft ist eine weitere Möglichkeit, statt bislang gewöhnlicher Kohlekraftwerke, Kohlekraftwerke zu betreiben, die die CCS-Technologie verwenden – ein Verfahren, bei dem CO2 nicht ausgestoßen, sondern unter hohem Druck tief in die Erde gepresst und dort gelagert wird. Ein vergleichsweise kostenintensives Verfahren, das Greenpeace als riskant ansieht.

Antony Froggatt kommt zu dem Ergebnis, dass die Erklärung weniger neue Strategien auf den Tisch bringt, sondern vielmehr bereits existierende Strategien und den Status Quo bestärkt. Damit sei sie zwar nicht revolutionär, aber dennoch wichtig für das kommende Jahr der Klimaverhandlungen.

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