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EU-Austritt

Großbritannien: Bratwurst oder Brexit?

Nicht nur im Unterhaus wird über die Brexit-Pläne diskutiert. Auch auf den Straßen Großbritanniens sind Befürworter und Gegner völlig uneinig, wie der EU-Austritt ablaufen soll. Aus Canterbury berichtet Abigail Rouch.

Ein kleiner Markt in einer Gasse in Canterbury. Geoff Richardson verkauft aus seiner Imbissbude heraus Bratwürste. "Auf dem Weihnachtsmarkt sind alle verrückt nach deutschen Bratwürsten", sagt Richardson der DW. "Deshalb haben wir uns überlegt, dass wir das doch auch das ganze Jahr über machen könnten."

Ungeteilte Liebe zur kontinentalen Bratwurst also. Nicht zu verwechseln natürlich mit der Haltung zum Kontinent insgesamt. Beim Brexit-Referendum haben sich hier in der historischen Stadt im Südosten Englands 49 Prozent der Abstimmenden für den Verbleib in der EU ausgesprochen. 51 Prozent wollten raus. Eine Stadt, so geteilt wie das Land.

Offene Gräben

Ja oder nein? Das war die Frage beim Referendum im vergangenen Juni. Doch den Wählern wurde eine Vielzahl von Themen um die Ohren gejagt: Das "Leave"-Lager sprach davon, dass man bei der Einwanderung die Kontrolle zurückgewinnen würde. Eine überlastete Infrastruktur wurde ins Feld geführt, unpopuläre Verordnungen aus Brüssel, die langsame Bürokratie und die Kosten der EU-Mitgliedschaft. Die EU-Befürworter hielten dagegen, allerdings weniger leidenschaftlich: Solidarität und Stabilität seien gefährdet, der britische Arbeitsmarkt brauche Migranten, die Finanzmärkte die EU und insgesamt müsse man die Ungewissheiten eines Brexits fürchten.

Brexit spaltet Großbritannien (DW/A.F.Rouch)

Wer liebt den Brexit? Alle lieben Bratwurst!

Das Referendum habe Gräben in der britischen Gesellschaft offen gelegt, die sich schon seit "ungefähr einem Jahrzehnt" gebildet hätten, sagt Chris Moreh, der an der Universität Southampton demoskopische Forschung betreibt. "Dadurch sind bestimmte Vorurteile gegenüber Migranten oder auch der Hass auf Richter salonfähig geworden." Die Richter sind auch von der rechten Presse dafür geschmäht wurden, dass sie der Regierung untersagten, ohne Zustimmung des Parlaments aus der EU auszutreten. "Gefühlt herrscht im Vereinigten Königreich weniger Einigkeit als vor dem Brexit-Referendum", sagt Moreh. "Das Land wird durch die Brexit-Debatte als weniger offen, weniger tolerant für unterschiedliche Meinungen und insgesamt als stärker gespalten wahrgenommen."

Zebrochene Freundschaft

Doch wie gespalten ist das Land wirklich? In Canterbury, der 49-zu-51-Stadt, sagten viele Passanten der DW, dass sie zwar sehr hitzige Diskussionen in den Sozialen Medien und mit Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen über den Brexit geführt hätten, dass diese nun jedoch der Vergangenheit angehörten.

Brexit spaltet Großbritannien Rory Edwards Elliot Hawkins (DW/A.F.Rouch)

Diese Freundschaft hat gehalten: Rory Edwards und Elliot Hawkins aus Canterbury

Zwei Freunde merkten erst beim Interview mit der DW, dass sie unterschiedlich abgestimmt hatten. Richard Board, der im Gegensatz zu seiner Frau für den Brexit gestimmt hatte, ist der Meinung, dass das Referendum nicht für einen Riss in der Gesellschaft gesorgt habe. Stattdessen würden sich die Menschen nun wieder aktiv mit politischen Themen auseinandersetzen, sagt er. Nur bei einem Befragten, Brexit-Gegner John Luckie-Downe, der im Finanzsektor in Bahrain arbeitet, war am Brexit-Streit eine Freundschaft zerbrochen.

"Jetzt müssen wir das durchziehen"

Bei vielen Europa-Befürwortern hat der Frust mittlerweile Platz gemacht für Pragmatismus. Chriss Ball, neunzehn Jahre alt und Schauspielschüler, war zunächst von den "Lügen der Leave-Kampagne" enttäuscht. "Jetzt müssen wir das durchziehen und dabei eine möglichst stabile Beziehung zur EU aufrechterhalten - falls das möglich ist."

Auch wenn es nicht möglich sein sollte: "Ist mir egal, wenn wir am Ende einen schlechten Handels-Deal mit der EU haben", sagt Pensionärin Lynn Fielding, "wir kommen schon alleine zurecht." Ihr Ehemann Kevin Burdett fügt hinzu, dass er sich auf mehr Handel mit Ländern wie Indien und China freue.

Nicht nur in beschaulichen Orten wie Canterbury, auch landesweit gibt es die Chance, dass Feindseligkeiten zwischen EU-Freunden und -Gegnern langsam verebben. Denn den Brexit-Skeptikern fehlt eine Führungsfigur, die anstachelt und agitiert, wie Nigel Farage das für das Brexit-Lager getan hat. Erst die nächsten Monate und Jahre werden jedoch zeigen, wie stark der Zusammenhalt im Vereinigten Königreich wirklich ist. Steigt der Hass gegen alles Fremde weiter, dann könnten die Briten noch stärker auseinander driften als bisher.

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