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Welt

Großbongardt: "Bei einem Raketenangriff hat man keine Chance"

Nach dem Absturz eines Passagierflugzeugs in der Ost-Ukraine wird ein Raketenangriff vermutet. Bisher galten Flughöhen von 10.000 Metern als sicher, meint Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt im DW-Interview.

DW: In der Ukraine ist ein Passagierflugzeug abgestürzt, möglicherweise wurde es auch abgeschossen. Das Flugzeug flog in gut 10.000 Metern Höhe, der normalen Reiseflughöhe für Passagierflieger. Wie bewerten Sie die Möglichkeit, dass in einer solchen Höhe ein Flugzeug abgeschossen werden kann?

Heinrich Großbongardt: Das ist sehr ungewöhnlich. Rebellenorganisationen oder Guerillas verfügen zwar über schultergestützte Flugabwehrraketen, aber das sind relativ kleine Kaliber, zum Beispiel Stinger-Raketen, die eine maximale Flughöhe von 3000 bis 4000 Metern haben. Um auf 10.000 Meter Höhe zu kommen, braucht man schon ganz andere Sachen. Über so etwas haben Rebellenorganisationen in der Vergangenheit nicht verfügt.

Über dem Konfliktgebiet Ost-Ukraine sind in den vergangenen Wochen immer wieder Flugzeuge abgeschossen worden. Trotzdem sind weiterhin Passagierflugzeuge über das Gebiet geflogen. Galt die große Flughöhe als ausreichende Sicherheit?

Nach der bisherigen Erfahrung galt das als sicher. Die ukrainischen Militärflugzeuge, die abgeschossen wurden, flogen alle sehr viel tiefer. Der zivile Luftverkehr über der Ukraine ist die ganze Zeit unbehelligt geblieben. Große Waffenlieferanten - ob es nun Amerikaner oder Russen sind - haben bisher sehr genau darauf geachtet, dass Luftabwehrrakten, die Verkehrsflugzeugen gefährlich werden könnten, nicht an Widerstandsorganisationen geliefert werden. Falls es Rebellen waren, muss genau geprüft werden, wie sie in Besitz einer solchen Waffe kommen konnten.

Einige US-Fluglinien überfliegen die Ost-Ukraine offenbar schon seit April nicht mehr. War es nicht fahrlässig von anderen Fluglinien, weiterhin dort zu fliegen?

Nein, das war nicht fahrlässig. Vielleicht hat die US-Luftsicherheitsbehörde eine entsprechende Meldung herausgegeben. Aber für Europa ist die europäische Luftsicherheitsbehörde zuständig, die sich auch auf jahrelange Erfahrung berufen kann. Verkehrsflugzeuge in Reiseflughöhen sind bislang nur von Militär abgeschossen worden, sei es die Korean Air 007 in den 80er Jahren oder der Airbus A300 über dem Persischen Golf, der von einer amerikanischen Fregatte abgeschossen wurde. Armeen haben solche Waffen, aber bisher keine Rebellenorganisationen.

Welche Chance hat man als Pilot, in einem Passagierflugzeug einen Raketenangriff zu erkennen?

Man hat keine Chance. Warnvorrichtungen gegen Raktenbeschuss gibt es nur in Militärflugzeugen und in Maschinen von gefährdeten Personen wie zum Beispiel Staatsoberhäuptern. Verkehrsflugzeuge haben solche Systeme nicht an Bord.

Fliegen die Raketen so schnell, dass eine Reaktion aussichtslos wäre?

Ja, das wäre aussichtslos. Verkehrsflugzeuge sind einfach relativ träge.

Ist es Thema bei der Ausbildung von Piloten, dass solche Angriffe passieren könnten, zum Beispiel auch bei Starts oder Landungen?

Nach 9/11 war das ein großes Thema. Es ist auch dann Thema, wenn man besonders gefährdete Flughäfen anfliegt wie Kabul oder Bagdad, wo es schon Zwischenfälle gab. Dort werden sicherlich auch spezielle Verfahren bei Starts und Landungen angewendet, um das Risiko zu verringern.

Heinrich Großbongardt ist Luftfahrtexperte der Hamburger Expairtise Communications GmbH.

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