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Europa

Groß- oder Kleinbritannien?

Die Schotten entscheiden über ihren Austritt aus Großbritannien. Die Gegner der staatlichen Unabhängigkeit führen knapp in den Umfragen. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Der Wahlkampf weckt Gefühle.

John Patterson (Foto: Bernd Riegert, DW)

John Patterson aus Neuseeland: Wer ist eigentlich Schotte?

Er sieht aus wie ein echter Schotte. Kilt, Kniestrümpfe und Dudelsack, kräftige Statur. Wenn John Patterson nahe dem Edinburgher Schloss typische Melodien aus dem Hochland bläst, bleiben die Leute stehen und klatschen. Im emotionalen Wahlkampf um die Unabhängigkeit Schottlands hatte er gerade erst wieder einen Auftritt in einem lokalen Fernsehsender. "Das ist eine Menge Spannung in der Luft", meint John Patterson. "Die Leute wollen Gefühle." Dabei hat John Patterson gar keine klare Meinung zur Unabhängigkeit Schottlands. Abstimmen dürfte er sowieso nicht, denn er kommt aus Neuseeland, ist also gar kein Schotte. Nur sein Vater hatte ein paar schottische Vorfahren. John Patterson amüsiert sich immer köstlich, wenn alle ihn für den Vorzeigeschotten halten. Es sei eben schwer zu bestimmen, wer echter Schotte sei und wer nicht, grinst er. "Es gibt nur zwei Typen von Menschen: Schotten und solche, die es gerne wären."

Audry Sainsarnualt und Abigayle Sainsarnualt (Foto: Bernd Riegert, DW)

Mit Kindern im Wahlkampf: Audry und ihre Tochter haben Spaß

Audry Painsarnault ist mit Mann und vier Kindern sogar aus Kanada angereist, um sich in Edinburgh Aufkleber und Prospekte mit dem großen "Nein" an Passanten zu verteilen. Auch sie kann hier nicht abstimmen. "Mein Mann hat schottische Vorfahren. Darum haben wir uns entschlossen, unseren kleinen Teil beizutragen. Wir sind mit unseren vier Kindern gekommen, um hier zu helfen. Wir wollen die Leute überzeugen, wenigstens ihre Stimme abzugeben, egal wofür." Sie hofft aber, dass die Union zusammenbleibt. In Kanada habe man mit den Separatisten im französisch-sprachigen Quebec ja ähnliche Probleme.

Weil es gar nicht so einfach ist, zu bestimmen wer Schotte ist, hat sich Alex Salmond, der Erste Minister und Chef der schottischen Nationalpartei auf eine ganz einfache Definition festgelegt. Wer in Schottland wohnt, ist Schotte und darf am 18. September über die Fragen entscheiden, ob der Norden Großbritanniens nach über dreihundert Jahren wieder ein eigenständiger Staat werden soll. Die beiden Lager, Ja und Nein, sind nach den drei letzten Meinungsumfragen fast gleich stark. Die Gegner der Unabhängigkeit liegen mit 52 zu 48 Punkten leicht vorne, aber die Meinungsforscher sind sich nicht sicher, welche Rolle die rund acht Prozent immer noch unentschiedenen Wähler spielen werden.

Ben Walker (Foto: Bernd Riegert, DW)

Ben Walker: Bin ich Ausländer?

Ben Walker ein Geschäftsmann aus London, der sich aber als Schotte sieht, ist für den Verbleib seiner Heimat in der Union mit England, Wales und Nordirland. Er bedauert, dass er, wie 800 000 Schotten, die außerhalb Schottlands leben, keine Stimme haben werden. "Alle Schotten, die im Rest Großbritanniens leben, sind nach den Regeln des Referendums leider nicht berechtigt abzustimmen. Ich würde also Ausländer werden, ohne dass ich es beeinflussen könnte", sagt Walker.

In den letzten Tagen vor dem Referendum hat der Wahlkampf an Schärfe zugenommen. Die schottischen Nationalisten wollen sich von angeblicher Unterdrückung befreien und nennen Angebote aus London, noch mehr regionale Eigenständigkeit zu gewähren, "unglaubwürdige Last-Minute-Angebote." Die Unionisten wiederum bezichtigen die Nationalisten der Lüge. Der pro-britische Labour-Chef Ed Miliband wurde sogar während einer Wahlveranstaltung in Edinburgh tätlich angegriffen. Die britischen Boulevardblätter graben noch ein paar Skandale aus. Die "Scottish Daily Mail" wirft dem starken Mann der Nationalisten, Alex Salmond, Großmannssucht vor, weil er sich nach der Unabhängigkeit angeblich einen neuen Amtssitz zulegen will.

Die pathetischen Aufrufe zum Schicksal, das man in die eigenen Hände nehmen müsse, die beide Seiten in den letzten Stunden vor der Abstimmung verbreiten, findet Ben Walker, der Exil-Schotte aus London, übertrieben. "Die Gefühle sind ja eine ganz nette Sache. Ich bin Schotte und hier zur Schule gegangen. Ich fühle ganz leidenschaftlich mit meinem Land. Aber vom Verstand her muss ich sagen, dass wir uns das einfach nicht leisten können." Die wirtschaftlichen Folgen für Schottland wären gravierend, glaubt Ben Walker. "Wir springen in einen Abgrund. Uns würde es viel schlechter gehen. Warum sollte man einen ganz erfolgreichen Staat kaputtmachen? Großbritannien ist nicht perfekt, aber es hat nur die gleichen Probleme wie viele demokratische Staaten, so wie Frankreich oder Deutschland. Unabhängigkeit und wildgewordener Nationalismus lösen diese Probleme nicht."

Rachel Blair (Foto: Bernd Riegert, DW)

Rachel Blair: Näher an den Menschen

Ein paar Straßenzüge weiter, im Wahlkampfbüro der "Ja"-Kampagne, sieht das die örtliche Wahlkampfmanagerin Rachel Blair natürlich völlig anders. Schottland könnte durch seine Öl- und Gasvorkommen als unabhängiger Staat viel höhere Einnahmen haben, glaubt die Soziologie-Studentin. "Im Moment haben wir eine Regierung in London, von der sich die Menschen hier sehr weit entfernt fühlen. Wir brauchen eine Regierung, die hier zuhause ist und näher bei den Menschen ist. Ich denke, wir haben hier jede Menge Probleme. Eines von fünf Kindern lebt in Armut. Familien brauchen Lebensmittelspenden. Deshalb müssen wir unsere eigenen Ressourcen selbst kontrollieren, um dem abzuhelfen", sagt Rachel Blair. Schottland werde in der Europäischen Union bleiben und auch das Pfund als Währung behalten. Beides wird vom "Nein"-Lager bestritten. Das sei nur Angstmacherei, meint Rachel Blair. Am Freitagmorgen werde es nach einer langen Wahlnacht eine große Party geben. "Ich bin ganz zuversichtlich. Die Umfragen sind knapp, aber wir haben genug getan, um die Leute zu informieren, so dass sie verstehen, dass ein Ja die beste Zukunft für Schottland bringt."

Viele Unternehmerverbände haben vor der Unabhängigkeit gewarnt. Die Gewerkschaften sind gespalten. Die britische Königin, die sich wie immer im Sommer in Schottland aufhielt, hat sich offiziell nicht geäußert. Aber schon ein kleiner Satz der betagten Regentin nach einem Gottesdienst in der Nähe ihres Sommersitzes Balmoral hatte das Land in Atem gehalten. Die Menschen mögen sich gut überlegen, welche Tragweite die Abstimmung habe, hatte Elisabeth II. gesagt. Eines ist aber sicher: Die Queen soll Staatsoberhaupt auch eines unabhängigen Schottlands bleiben. Diese Tradition wollen selbst die eifrigsten Nationalisten nicht aufgeben.

Die Wahllokale schließen am Donnerstag um 23 Uhr MESZ. Mit einem Ergebnis rechnen die Medien in den frühen Morgenstunden. Deshalb ist in einigen Pubs in Edinburgh die Sperrstunde aufgehoben worden. An der Grenze zwischen England und Schottland hatten einige Scherzbolde bereits eine Grenzstation errichtet. Sie sah täuschend echt aus und einige Autofahrer in Carter Bar hielten tatsächlich an und zückten ihre Papiere. Jon Parker Lee aus Manchester steckte hinter der Grenzattrappe. "Ich bin weder für noch gegen die Unabhängigkeit. Ich wollte nur, dass alle mal so richtig lachen können", erklärte er.

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