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Politik

Groß, größer, am Größten

Wenn deutsche Politiker ans Mikrofon treten, dann scheppert es immer schriller und lauter - um durch das Dickicht von Telenovelas, Comedyshows und Schlagerparaden zumindest ein Fitzel vom Ohr des Wähler zu erreichen.

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Die Welt steht am Abgrund...Nichts wird mehr so sein wie es einmal war...Die Folgen werden tiefgreifend und hart sein...Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich darauf einstellen, dass die Zeiten rauer werden...Wovon ist die Rede? Von der Finanzmarktkrise? Von der Klimakatastrophe? Von der terroristischen Bedrohung? Vom demographischen Wandel? Von der Globalisierung? Vom Alarmismus! Und zwar vom Alarmismus der Politik als Dauerzustand. Achtung!

Kann man ja eigentlich auch machen, wenn es denn seinen Zweck erfüllt: Der Politiker hat eine Botschaft und bringt sie, wie auch immer, an Mann und Frau. Hat nur einen Haken: Der geneigte Bürger kann leider nicht mehr so ganz unterscheiden, ob jetzt mal wirklich die Hütte brennt, oder ob da nur ein Abgeordneter wieder sein Profilchen zu schärfen versucht. Denn nicht nur bei Börsencrash, Klimakatastrophe und Terror wird Alarm geschlagen, sondern auch bei Elterngeld, Föderalismusreform und Rauchverbot.

Und wie reagiert der Bürger? Ja, ach Gottchen, der lässt sein Mütchen kurz ein wenig von der Krisenjagd in Wallung bringen. Aber nur, wenn ein in den Straßen wegelagerndes Fernsehteam ihn zu einer Krisenreaktion nötigt. Und sonst? Vor dem Reichstag in Berlin demonstrierten vergangene Woche 10 Menschen gegen skrupellose Bankenmanager; in München demonstrierten dann 100 Menschen für anständige Bankenmanager. Und das zu Zeiten der Kernschmelze des Weltfinanzsystems. Der Rest ist Stille...

Und deswegen jetzt ernsthaft Alarm: Das ist nicht gut. Denn die Finanzmarktkrise ist ja eine sehr reale handfeste Krise, die im schlimmsten Fall allein in Deutschland hunderttausende Menschen ihren Job kosten kann. Und da wäre es angebracht, wenn nicht diese Woche, in Woche Eins nach dem Hauruckverfahren von Bundestag und Bundesrat, zur Rettung Deutschlands aus dem Bankensumpf gleich die nächste Krise heraufbeschworen wird: Achtung! Bildungsnotstand! Kanzlerin und Kabinett erklären auf Bildungsgipfel die Ausbildung des Nachwuchses zur obersten Priorität. Finanzkrise war gestern...

Gebraucht wird eine Art Abrüstungsbeschluss: Statt nach dem Motto "Groß, größer, am Größten" Krisen auszurufen, um damit dann als Siegfried der Politik die Aufmerksamkeit der Wähler zu gewinnen, könnte ja bei minderschweren Krisen, die früher mal einfach als normales politisches Tagesgeschäft bezeichnet wurden, in RUHE gearbeitet werden. Dazu müssten natürlich dann auch Wähler und Journalisten bei ihrer Erwartung abrüsten, dass Politik krachen muss. Denn das hat die Finanzkrise schon mal gelehrt: ein kühler Kopf entscheidet besser als Gier und Alarmismus.