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Europa

Griechische Medien: Wende bei Tsipras

Der Antrittsbesuch des Premiers Alexis Tsipras bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin wird in Griechenland als Erfolg angesehen. Dennoch vermisst man konkrete Entscheidungen oder Zusagen. Jannis Papadimitriou aus Athen.

Positiv überrascht waren angesichts der jüngsten Spannungen zwischen Athen und Berlin sämtliche Kommentatoren vom anscheinend sachlichen Verlauf der Gespräche. Das Staatsfernsehen "NERIT" berichtet sogar von einem "warmen Empfang" durch Angela Merkel und auch von "Solidaritätskundgebungen deutscher und griechischer Bürger" für Tsipras vor dem Kanzleramt - allerdings ohne zu erwähnen, dass die allermeisten Demonstranten eindeutig als Sympathisanten der "Linken" zu erkennen waren. "Eingetragene Partnerschaft" titelt am Dienstag die linksliberale "Zeitung der Redakteure" und meint damit, dass Merkel und Tsipras zur Zusammenarbeit verdammt seien. Das konservativ-liberale Blatt "Kathimerini" bleibt sachlich und spricht von einem "Versuch, das Eis zu brechen".

Alexis Papachelas, Herausgeber der "Kathimerini", zieht jedenfalls eine positive Bilanz: Immerhin habe sich Alexis Tsipras fähig zur Selbstkritik gezeigt, meint der Analyst im TV-Sender "Skai". Der griechische Regierungschef habe nämlich zugegeben, dass es nicht zuletzt interne Ursachen für die Athener Finanzkrise gäbe und dass die Vorgänger-Regierungen auch Positives geleistet hätten. Derlei Äußerungen zeugten von einer "Wende zum Realismus", lobt Papachelas. Er fragt sich aber auch: "Wieso kam diese Wende nicht schon beim Regierungsantritt vor zwei Monaten? Wir haben wertvolle Zeit verloren und die griechische Wirtschaft hat dafür bereits büßen müssen."

Premier Alexis Tsipras mit Kanzlerin Angela Merkel (Foto: afp/Getty Images)

"Fähig zur Selbstkritik" - Der griechische Premier Alexis Tsipras bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin

Neue Politik oder neuer "politischer Mix"?

Jannis Pretenderis, Kommentator des TV-Senders "Mega", vermutet ebenfalls eine realistische Wende in Athen: Während Tsipras noch im Wahlkampf eine "völlig andere Politik" für Griechenland in Aussicht stellte, spräche er in Berlin nun lediglich von einem neuen "politischen Mix", bei der Strukturreformen und der Kampf gegen Steuerflucht Vorrang hätten. So sieht das auch die Zeitung "Makedonia": "Alexis Tsipras will den Kompromiss" titelt das Blatt aus Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, und nimmt zur Kenntnis, dass die Bundeskanzlerin zwar höflich bleibe, aber von ihrem Standpunkt nicht abweiche.

Dieses Problem meint auch TV-Journalist Jannis Pretenderis zu erkennen: "Während Tsipras von seinen ursprünglichen Positionen weit abrückte, kam ihm Angela Merkel kaum entgegen und verwies stattdessen auf die Euro-Finanzminister." Dass die Bundeskanzlerin über die Liquiditätsprobleme Griechenlands kein Wort verloren hat und keine Zusage in dieser Richtung gab, sei "eine Grauzone", befürchtet der Analyst.

In den sozialen Medien wird darüber gerätselt, ob der linke Ministerpräsident in der Tat einen sanften Rückzieher einleitet und ob die regierende Linkspartei Syriza diesen mittragen würde. "Das ist der Moment, in dem Tsipras das verhasste Memorandum der Sparpolitik zum fünfjährigen Wirtschaftsprogramm umtauft", erklärt eine Twitter-Nutzerin mit einem Hauch von Ironie. Ein anderer Nutzer kommentiert: "Die Pressekonferenz von Tsipras und Merkel lässt uns zu der Schlussfolgerung kommen, dass Tsipras wohl nicht der Syriza-Partei angehört." Die Parteizeitung "Avgi" kommentiert das Geschehen eher zurückhaltend: Der Antrittsbesuch des griechischen Premiers sei ein "erster Schritt“ zur Wiederherstellung von Vertrauen, heißt es auf dem Titelblatt. Überraschendes Lob über Facebook bekommt der linke Regierungschef vom ehemaligen konservativen Industrieminister Stefanos Manos, der eigentlich als Verfechter einer betont wirschaftsliberalen Politik gilt. Der Kommentar von Manos: "Tsipras war ausgezeichnet auf der Pressekonferenz mit Merkel, das muss ich zugeben. Ich hoffe nur, dass er die Hoffnungen, die er geweckt hat, in praktische Politik umsetzt und dass er den einen oder anderen Bekloppten in seiner Partei hinter sich lässt."

Die Frage der Reparationen

Überraschend lange und ausführlich referierte Tsipras in Berlin über die von Griechenland geforderten Reparationen aus dem zweiten Weltkrieg. "Erstmals spricht ein Ministerpräsident diese Frage überhaupt an", notiert die linksliberale "Zeitung der Redakteure" anerkennend. Der eigentlich für seine sachlich-nüchterne Art bekannte Journalist Nikos Chatzinikolaou kommentiert dazu im TV-Sender "Star": "Ich begrüße es ausdrücklich, und ich denke, das tun alle Griechen, dass ein griechischer Ministerpräsident erstmals in Berlin und in Anwesenheit der Kanzlerin über diese Forderungen spricht."

Trotz hochemotionaler Rhetorik in Athen plädiert Alexis Papachelas für einen realistischen Ansatz: "Diese Geschichte läuft auf die Errichtung eines deutsch-griechischen Zukunftsfonds hinaus. Damit hätte auch die deutsche Seite die Möglichkeit, eine Geste des guten Willens zu zeigen, ohne in juristische Auseinandersetzungen verwickelt zu werden", meint der Analyst im TV-Sender "Skai".