Griechisch-türkischer Konflikt neu aufgelegt | Europa | DW | 09.03.2018
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Griechenland und die Türkei

Griechisch-türkischer Konflikt neu aufgelegt

Griechenland bangt um zwei Soldaten, die weiterhin in türkischer Haft bleiben. Während sich die Politik um Entspannung bemüht, warnen Analysten vor einer Eskalation.

Türkei Griechische Soldaten unter Spionageverdacht inhaftiert (picture-alliance/AP/DHA-Depo)

Griechische Soldaten wurden unter Spionageverdacht inhaftiert

Noch weiß niemand, wie es dazu kommen konnte: Am 1. März wurden zwei griechische Soldaten nach dem unerlaubten Überschreiten der Landesgrenze zur Türkei festgenommen. Sie sitzen in Untersuchungshaft in der westtürkischen Stadt Edirne. Ihnen wird "Eindringen in ein militärisches Sperrgebiet" vorgeworfen. Anscheinend wird der ursprünglich erhobene Verdacht der Militärspionage nicht mehr aufrechterhalten.

Trotzdem befürchten Militärexperten in Athen eine neue Konfliktlinie zwischen den beiden NATO-Partnern und einstigen Erzfeinden. Ex-Militärstabchef Manoussos Paragioudakis erklärt im TV-Interview, die Soldaten seien vermutlich in einen Hinterhalt gelockt und durch ein türkisches Sonderkommando entführt worden. Manche Analysten bezweifeln sogar, dass die Verhaftung tatsächlich auf der türkischen Seite der Grenze stattfand.

Neuentflammte Spannungen

Fest steht jedenfalls aus griechischer Sicht, dass ungewollte Grenzübertritte wegen schlechter Wetterbedingungen und Sichtverhältnisse in der Region oft vorkommen - und in beiden Richtungen. Die Athener Zeitung Kathimerini zitiert einen Soldaten, der neun Monate lang dort stationiert war und berichtet, allein während dieser Zeit hätten sich griechische Patrouillen dreimal in die Türkei verirrt und auch Türken seien zweimal auf griechischem Boden festgesetzt worden. "Solche Vorfälle sind nicht selten und werden in der Regel durch die lokalen Vorgesetzten beigelegt", bestätigt Paragioudakis. Im Klartext: Der griechische Offizier vor Ort ruft seinen türkischen Amtskollegen an - oder anders herum - und die Angelegenheit wird auf dem kurzen Dienstweg bereinigt, ohne dass jemand vor Gericht kommt.

Grenze zwischen Griechenland und Türkei (picture-alliance/dpa/N. Arvanitidis)

Den beiden griechischen Soldaten wurde "Eindringen in ein militärisches Sperrgebiet" vorgeworfen

Warum kam es diesmal anders? "Weil in den griechisch-türkischen Beziehungen derzeit eine ganz andere Tonlage herrscht", klagt Konstantinos Filis, Forschungsdirektor am Athener Institut für Internationale Beziehungen, im Gespräch mit der DW. Es gäbe mehrere Konflikte, in denen die Türkei wie ein Bestrafer agiere. Dazu gehöre die Forderung in Richtung Athen, kurdische Aktivisten an die Türkei auszuliefern. Oder auch der Vorwurf Ankaras, die Griechen hätten Migranten illegal in die Türkei zurückgeschickt, sagt der Analyst.  

Soldaten als Faustpfand?

Besonders angespannt sind die bilateralen Beziehungen seit dem gescheiterten Putsch in der Türkei im Sommer 2016. Damals flohen acht türkische Offiziere mit einem Hubschrauber ins Nachbarland und beantragten dort Asyl. Bis heute lehnt die griechische

Justiz ihre Auslieferung an die Türkei ab. Ankara protestiert, Athen verweist auf die Unabhängigkeit der Gerichte. In den nächsten Wochen wird ein klärendes Urteil des Obersten Verwaltungsgerichtshofs in Griechenland erwartet. Der Gedanke liegt nahe, dass die griechischen Soldaten in türkischer U-Haft womöglich als Faustpfand dienen. "Wir sind doch nicht im Krieg mit der Türkei, wo man Gefangene austauscht", mahnt Vizeaußenminister Jorgos Katrougalos. Auch die türkische Regierung bestreitet, einen Austausch anzustreben.

Dennoch: "Sollte Regierungschef Alexis Tsipras seinen Amtskollegen in Ankara wegen der verhafteten Soldaten anrufen, können wir davon ausgehen, dass sein Gesprächspartner den andauernden Streit um die türkischen Offiziere erneut zur Sprache bringt", meint Konstantinos Filis. Bis dahin würden erst einmal die Rollen vertauscht: Athen fordert die Freilassung der eigenen Soldaten, die türkische Seite verweist nun ihrerseits auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Warnung vor Extremisten

Noch hat Tsipras nicht zum Hörer gegriffen. Das sei auch richtig so, findet Alexis Papachelas, Direktor der Zeitung Kathimerini. "Zu viel Kontakt mit jemandem wie Erdogan verheißt auch nichts Gutes", mahnt der Journalist. Am Donnerstag erklärte der Linkspremier im Parlament, er werde zum richtigen Zeitpunkt anrufen und zwar dann, wenn feststehe, dass ein Gespräch auch zu Ergebnissen führe. Die konservative Opposition wirft Tsipras Untätigkeit vor. Kritik kommt auch vom Koalitionspartner, der rechtspopulistischen ANEL-Partei: "Tsipras hätte schon im ersten Moment anrufen müssen", moniert ANEL-Abgeordneter Dimitris Kamenos.

Griechische Grenzsoldaten (picture-alliance/AP Photo/D. Messinis)

Zu unbeabsichtigen Grenzübertritten zwischen Griechenland und der Türkei kommt es immer wieder - auf beiden Seiten

Auffallend ruhig bleibt unterdessen Parteichef und Verteidigungsminister Panos Kamenos, der zum Arbeitsbesuch in Rumänien weilt, während Tsipras im Parlament Rede und Antwort steht. Dass ausgerechnet der zuständige Minister schweigt, kommt nicht überraschend, findet Politikwissenschaftler Filis: "Kamenos hat kaum Kontakt zu seinem türkischen Amtskollegen oder zu sonst jemandem in der Türkei. Es ist nur logisch, dass er außen vor bleibt; denn wir wollen gerade bestehende Probleme lösen und nicht auch noch neue schaffen."

Der Konflikt ruft nicht zuletzt die ganz Extremen auf den Plan: Am vergangenen Montag versammelten sich Anhänger der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte vor der türkischen Botschaft in Athen und verbrannten türkische Flaggen. Wenig später kam es zu einer Protestkundgebung türkischer Nationalisten vor der griechischen Botschaft in Ankara. Dazu die Warnung von Politikwissenschaftler Filis: "Die Extremen auf beiden Seiten liefern sich gegenseitig Munition. Sie werden ihren Zweck erreichen, falls wir ihnen die Möglichkeit geben, die Agenda zu bestimmen."