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Europa

Griechenlands verlorene Generation

Das Ringen um EU-Hilfen für Griechenland wird immer mehr zur Hängepartie. Doch viele Griechen sind empört über die taktischen Spielchen ihrer Politiker und machen sich Sorgen um die europäische Zukunft ihres Landes.

Einkaufsmeile (Hermesstraße) in Athen (Foto: DW)

Die Athener Hermesstraße gehörte bis 2008 zu den zehn teuersten Einkaufsmeilen der Welt. Doch in nur drei Jahren sind die Mieten um 40% gesunken.

Für Kioskbesitzer Dimitris laufen die Geschäfte schlecht. Er hat sein Sortiment einschränken müssen. "Viele einst beliebte Zigarettenmarken werden nicht mehr verkauft, weil die Leute aus Kostengründen auf Selbstgedrehte umsteigen", berichtet der 50-Jährige. Zudem habe die Regierung seit Ausbruch der Schuldenkrise die Tabaksteuer mehrmals erhöht, um die Staatseinnahmen zu steigern - was Kettenraucher abgeschreckt hat. Dadurch mussten auch viele Kioskbesitzer herbe Verluste hinnehmen, denn sie machen traditionell rund zwei Drittel ihres Umsatzes mit Tabakwaren aller Art.

Das Gezerre der letzten Tage und Wochen um einen griechischen Schuldenschnitt ist Dimitris ziemlich egal. Was auch immer passiert, er habe nicht viel zu verlieren, da er kaum Ersparnisse besitze. Besonders sauer ist der Kioskbesitzer aber auf die griechischen Politiker. "Die sind doch alle gleich, sie haben nur ihre eigenen Interessen im Sinn." Und außerdem würden die sich dauernd in die Haare kriegen, "da ist es wohl kein Wunder, wenn die nichts entscheiden können", beklagt er.

Harte Einschnitte

Griechischer Rentner vor dem Finanzministerium (Foto: dapd)

Vor allem Rentner haben unter den Kürzungsmaßnahmen der Regierung zu leiden

Der 80-jährige Rentner Jannis Polimeridis fragt sich, ob eine Entscheidung zum griechischen Schuldenschnitt überhaupt nötig ist. "In der Zeitung steht doch, dass Italien, Deutschland oder die USA eigentlich noch viel mehr Geld schulden als Griechenland; warum nur wollen alle auf uns einschlagen?“ wundert sich der studierte Ingenieur und Offizier a.D. Neben seiner Militärrente erhält Polimeridis auch eine bescheidene Zusatzrente als ehemaliger Ingenieur, die jedoch im Zuge der Sparmaßnahmen drastisch gekürzt wurde. Er sehe zwar ein, dass jeder einen Beitrag zur Reduzierung der Staatsschulden leisten müsse, aber fair könne er die Kürzungen auch nicht finden. "Ich habe jahrelang in die Rente eingezahlt, in der Hoffnung, im Alter abgesichert zu sein. Dass ich mit 80 Jahren eine Rentenkürzung hinnehme, hatte ich mir damals gar nicht vorstellen können", beklagt der robuste Rentner.

Dass Griechenland die Eurozone verlässt, kann und will sich Polimeridis nicht vorstellen. Aber er glaubt auch, dass der Beitritt zur gemeinsamen Währung vor zehn Jahren etwas überstürzt war. Vor allem der damalige Euro-Eintrittskurs von 340 Drachmen pro Euro sei ungünstig gewesen und habe die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft untergraben.

Verlorene Generation

Verkaufsannonce und Anarchistenparolen in der einst blühenden Stadioustraße im Zentrum Athens (Foto:DW)

"Nieder mit den Staaten und mit der Armee" steht an dieser Wand in der einst blühenden Stadioustraße

Für den Verlagsangestellten Andreas Mavrommatis braucht Griechenland einen politischen Neustart. "Eine neue Koalitionsregierung nach italienischem Vorbild muss her, in der nicht Berufspolitiker, sondern vor allem Technokraten das Sagen haben", erklärt er. Die derzeitige Übergangsregierung sei gelähmt, da die Politiker aller Couleur in erster Linie ihre eigenen Interessen im Blick hätten und sich vor allem eine gute Ausgangsposition für die bevorstehenden Wahlen verschaffen möchten.

Der reiselustige Mavrommatis steht für das moderne, europabegeisterte Griechenland. Rund um die Uhr arbeitet er als Seminar- und Tagungsveranstalter in einem Athener Wirtschaftsverlag, im Urlaub jettet er mit Last-Minute-Flugtickets durch Europa.  

Sein Gehalt wurde zwar noch nicht gekürzt, doch der 36-Jährige muss immer mehr unbezahlte Überstunden leisten. Über das schleppende Reformtempo ärgert er sich. Im Moment würden nur die alten Schulden durch neue refinanziert. Wenn es dabei bleibt, brauche Griechenland mehr als zehn Jahre, um seine Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. "Wir sind eine verlorene Generation", empört sich Mavrommatis.

14 Gehälter

Zu-Verkaufen-Schild in einem griechischen Straßenladen (Foto: DW)

Zu verkaufen: In diesem Laden stehen gleich drei Etagen leer

Dass die griechischen Politiker in erster Linie an die nächsten Wahlen und erst danach an die nächste Generation denken, zeigen nach Meinung vieler Kommentatoren die schleppenden Verhandlungen zu den Gehaltskürzungen im Rahmen anstehender Arbeitsmarktreformen. Die aus EU-Kommission, IWF und EZB bestehende Troika fordert die Abschaffung oder Beschneidung des 13. und 14. Monatsgehalts, die von den großen Regierungsparteien vehement abgelehnt wird. Dafür schlagen griechische Politiker eine Herabsetzung des gesetzlichen Mindestlohns vor: von derzeit 750 auf ca. 600 Euro monatlich.

Wirtschaftsexperten warnen, dass Arbeitnehmer dadurch höhere Einkommensverluste hinnehmen müssten, als wenn ihr Weihnachtsgeld gestrichen worden wäre. Nur die Politiker würden in diesem Fall einen scheinbaren Sieg erringen. Anschließend im Wahlkampf könnten sie dann behaupten, sie hätten tapfer gegen die Kürzungspläne der Troika gekämpft und die zusätzlichen Monatsgehälter für alle Griechen gerettet.

Autor: Jannis Papadimitriou
Redaktion: Thomas Latschan

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