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Europa

Griechenlands muslimische Vorzeigekandidatin

In Griechenland finden am 15. und am 22. Oktober Kommunal- und Präfekturwahlen statt. Ungewöhnlich für das christlich-orthodox geprägte Land: Im Nordosten des Landes tritt eine Moslemin an und sorgt damit für Aufsehen.

Akropolis

Die Kandidatur der einzigen moslemischen Kandidatin bei den Kommunalwahlen schlägt Wellen bis in die griechische Hauptstadt

Sie hat kaum Aussicht auf Erfolg und zieht bei ihren seltenen Auftritten dennoch alle Blicke auf sich: Gulbeyaz Karahasan - jung, gut aussehend und - moslemisch! Sie ist die Vorzeigekandidatin der sozialistischen Partei PASOK. Seit zwei Jahren führt die 28-jährige Anwältin eine Kanzlei in ihrer Heimatstadt Xanthi. Sie gilt als zurückhaltend und medienscheu, es gibt für eine Politikerin vergleichsweise wenige Fotos von ihr. Dennoch mischt sie nun auch in der Lokalpolitik mit.

Gulbeyaz Karahasan (undatierte Presseaufnahme, Sommer 2005)

Gulbeyaz Karahasan (undatierte Presseaufnahme, Sommer 2005)

In einem Interview mit dem Journalisten Jannis Tzounos für den Athener TV-Sender SKAI nannte sie als eines ihrer Ziele "Gleiche Chancen für alle". Diese Ansage spricht für sich. Denn Karahasan gehört zur moslemischen Minderheit im Nordosten Griechenlands, wo mehr als 100.000 Menschen türkischer oder bulgarischer Herkunft leben und immer wieder zum politischen Zankapfel werden. Die Türkei spricht von einer "türkischen Minderheit" und fühlt sich berufen, deren Interessen zu vertreten. Karahasan selbst definiert sich als "griechische Staatsbürgerin moslemischen Glaubens".

Politisches Kalkül

Dem griechischen Minister für Mazedonien und Thrakien, Georgios Kalantzis, kam diese Aussage nicht patriotisch genug vor. Vor laufenden Kameras fragte er rhetorisch, ob Frau Karahasan am 25. März den griechischen Nationalfeiertag mitfeiern würde. An diesem Tag gedenken die Griechen alljährlich des Befreiungskriegs gegen die Türken im Jahr 1821.

Solchen Verbalattacken geht die junge Anwältin lieber aus dem Weg. Für sie ist die Zukunftsangst der Wähler wichtiger als die Vergangenheitsbewältigung. "Das größte Problem in unserer Region ist die Arbeitslosigkeit", antwortete sie. "Und ich kann Ihnen ganz konkrete Beispiele nennen: Sämtliche Textilbetriebe, sowie eine große Papierfabrik in der Stadt Drama sind stillgelegt worden. Genauso wie die Fabrikanlage für Düngemittel in der Stadt Kavala. Und auch unsere Zuckerraffinerie hier in Xanthi ist in Gefahr. Möglicherweise wird der Betrieb nächstes Jahr eingestellt."

Gebildete Außenseiterin

Karahasan spricht fließend griechisch, türkisch, bulgarisch und englisch. Urkonservative Lokalpolitiker werfen ihr dubiose Verbindungen zu pro-türkischen Vereinen vor, doch der Durchschnittswähler findet sie eher sympathisch. Ob er auch für sie stimmen wird, ist allerdings eine andere Frage.

Als Favorit gilt immer noch der Kandidat der Konservativen Konstantinos Tatsis, ein beliebter Arzt mit viel Erfahrung in der Kommunalpolitik. Doch Gulbeyaz Karahasan lässt nicht locker: "Unser Wahlkampf verläuft sehr ruhig und besonnen. Aber natürlich kämpfen alle politischen Parteien um den Wahlsieg", sagt sie. Ganz wichtig seien ihr die Wahlversammlungen vor Ort, denn es gibt viele entfernte Dörfer in der Region. "Darüber hinaus haben wir selbstverständlich alles, was zum Wahlkampf gehört, etwa Wahlplakate für unsere Kandidaten."

Harte Attacken

Keine Frage: Mit der Nominierung von Gulbeyaz Karahasan wollte der sozialistische Oppositionsführer und ehemalige Außenminister Jorgos Papandreou ein Zeichen setzen. Allerdings sorgte seine Entscheidung für heftige Reaktionen - sogar in der eigenen Partei. Am härtesten reagierte der ehemalige sozialistische Justizminister Stelios Papathemelis, ein religiös motivierter Nationalist: "Wir dürfen der Türkei nicht die Verwaltungshoheit überlassen" - ließ er verkünden.