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Europa

Griechenlands Medienprimus vor dem Aus

Die griechische DOL-Mediengruppe ist bankrott, ihre traditionsreichen Zeitungen werden eingestellt. Doch viele Journalisten wollen weiterhin um ihren Job kämpfen, berichtet Jannis Papadimitriou aus Athen.

Angelos Kovaios will nicht aufgeben. Gemeinsam mit seinen Kollegen schreibt er weiterhin für die Sonntagszeitung To Vima - sozusagen in Eigenregie. Für die Mitarbeiter ist es wichtig, dass To Vimaweiterhin relevant bleibt. Auch wenn die Zeitung dünner wird, auch wenn die Journalisten seit sechs Monaten kein Gehalt mehr bekommen. "Solange noch Druckpapier da ist, machen wir weiter. Wie lange noch, kann ich nicht sagen", so Kovaios im Gespräch mit der DW. Rückendeckung durch die Geschäftsleitung können die Journalisten allerdings nicht erwarten. Vermutlich war es Verleger Stavros Psycharis höchstpersönlich, der am vergangenen Sonntag auf der Titelseite das Aus für sein Kronjuwel To Vima und auch für die auflagenstärkste Athener Zeitung Ta Nea verkündete. Begleitet wurde die Schock-Meldung von einem zornigen Leitkommentar mit dem Titel "Wer erwürgt die Presse?". Schuld am Untergang seien die Gläubiger, die linksgeführte Regierung und nicht zuletzt auch die Opposition, poltert der Medienbaron. Zwischen den Zeilen steckt der Vorwurf: Das traditionsreichste Presseimperium des Landes schickt man nicht einfach in die Pleite. Auch wenn seine Verbindlichkeiten derweil auf 240 Millionen Euro geschätzt werden.

Kaum ein anderer Medienkonzern ist mit der jüngsten Geschichte Griechenlands so eng verflochten wie die Athener DOL-Gruppe. To Vima, das Flaggschiff des Verlags, wurde1922 in Athen gegründet, als Gegenentwurf zum patriotisch-konservativen Gedankengut der damaligen Presse. Die Redaktion lag einen Steinwurf vom Parlament entfernt. Oft sympathisierten die Journalisten des Blattes mit linksgerichteten Kräften, etwa mit der Familie Papandreou, die in den vergangenen fünfzig Jahren drei Ministerpräsidenten in Griechenland stellte. Sie kamen allerdings auch mit dem konservativen Staatsmann Konstantin Karamanlis in den siebziger Jahren sehr gut zurecht - und nicht zuletzt auch mit seinem Neffen Kostas, der Griechenland in den turbulenten Jahren vor dem Ausbruch der Schuldenkrise regierte. Eine gute Vernetzung und die ständige Änderung der Redaktionslinie brachten To Vimaden Ruf ein, Politiker nach Belieben an die Macht zu hieven oder zu stürzen. Nur mit Linkspremier Alexis Tsipras konnte sich das Blatt nie richtig anfreunden.

Griechenland Tsipras PK Meese Thessaloniki (Reuters/A. Avramidis)

Mit Linkspremier Tsipras konnte sich die Zeitung To Vima nie richtig anfreunden

Als das Geld noch reichlich floss   

To Vima sei "Macht", erklärte der damalige Direktor und heutige Verleger der Zeitung Stavros Psycharis in aller Offenheit im Dezember 1989. "Unsere Zeitung lesen nach Expertenmessungen über eine halbe Million Menschen, die den besten Teil der Gesellschaft ausmachen. Die Macht einer Zeitung sind ihre Leser", sagte er damals im Interview mit dem Athener Lifestyle-Magazin Status. Es waren die goldenen Zeiten der DOL-Mediengruppe: Auflage und Werbeeinnahmen stimmten, die Banken gewährten reichlich Kredite, Journalisten wurden in Hochglanzmagazinen als Vorbilder gefeiert und der Konzern war gerade beim größten griechischen TV-Sender MEGA Channel eingestiegen, der möglichst schnell an die Börse wollte und dies 1994 auch schaffte. Zu diesem Zeitpunkt baute der Medienkonzern zudem sein Online-Angebot konsequent aus. Nur seine eigenen Finanzen konnte er nicht mehr sicher unter Dach und Fach bringen, meint Stamatis Nikolopoulos, Chef der Athener Journalistengewerkschaft ESIEA. "Weder die Geschäftsführung noch die involvierten Banken können behaupten, sie trügen keine Verantwortung für die heutige Lage der DOL-Mediengruppe. Es gab nie ein überzeugendes Konzept für die Zukunft, es gab nur Entlassungen", beklagt Nikolopoulos im Gespräch mit der DW. Im Jahr 2009, kurz vor Ausbruch der Schuldenkrise, haben 1.660 Menschen für DOL gearbeitet. Heute sind nur noch 550 dabei.

Domino-Effekt befürchtet

Angelos Kovaios wünscht sich, man hätte bei den Verwaltungskosten gespart oder nicht profitable Blätter rechtzeitig eingestellt. Vermutlich wollte die Geschäftsführung lieber den großen Wurf, der allerdings nie so richtig gelang. Irgendwann suchte die traditionsreichste Mediengruppe Griechenlands ihr Heil im Ausland. Kooperationsgespräche mit dem Essener WAZ-Konzern Ende 2003 waren erfolglos, obwohl die Option gemeinsamer Projekte in Südosteuropa zu diesem Zeitpunkt attraktiv erschien. Eine groß angekündigte "strategische Allianz" mit dem spanischen Medienkonzern Prisa im Jahr 2009 brachte nicht viel mehr als Anerkennung bei den Lesern. Doch deren Zahl schrumpfte immer weiter: 2016 verkaufte To Vima im Schnitt nicht mehr als 65.000 Exemplare, die Tageszeitung Ta Nea dümpelte zuletzt bei 15.000 Exemplaren vor sich hin. Dazu kam noch der Einbruch des griechischen Werbemarktes wegen der Wirtschaftskrise. Die Folge: Einbußen von mindestens 30 Prozent für alle griechischen Medienhäuser.

Wenn der Primus fällt, dann wackelt es auch woanders. Angelos Kovaios sagte der DW, ein Zusammenbruch der einst allmächtigen DOL-Gruppe werde mit Sicherheit einen verheerenden Domino-Effekt in der griechischen Medienlandschaft auslösen. "Schon jetzt hört man von Lohnkürzungen bei anderen Zeitungen. Und die aktuellen Wirtschaftsprognosen lassen nichts Gutes erahnen", beklagt der Athener Journalist.

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