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Wirtschaft

Griechenlands Banken behindern Aufschwung

Während der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras um die nächsten Geldspritzen aus Europa wirbt, fühlen sich Geschäftsleute und Bürger im eigenen Land von ihren Banken im Stich gelassen.

"Irgendwie sitzt er mit uns im selben Boot", erklärt Jiannis Kounavis, während er das Rollgitter seines Werkzeuggeschäftes in Thessalonikis Innenstadt nach oben schiebt. Er verfolge den Kampf des jungen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras um frisches Geld seit Monaten täglich im Fernsehen, sagt er, und er könne sehr gut nachempfinden, wie sich das anfühlt: Geld zu brauchen und niemand zu haben, der es einem gibt.

Wie das ist, wenn einem das Geld ausgeht, hat der erfahrene Geschäftsmann am eigenen Leib erlebt. Kurz bevor die Krise in Griechenland ausbrach, brummte sein Laden noch. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Täglich musste er mit ansehen, wie seine Einnahmen immer weniger wurden. Bald konnte er weder den Großhändler bezahlen, noch die Miete pünktlich überweisen, geschweige denn für seine Krankenversicherung aufkommen.

Auch die Hausbank kneift

Als er beim Großhandel plötzlich keinen Kredit mehr erhielt und seine Neueinkäufe sofort und bar auf die Hand bezahlen musste, entschloss sich Jiannis Kounavis, zu seiner Hausbank zu gehen. Als langjähriger seriöser Kunde, so glaubte er, wäre es kein Problem, einen Kredit aufzunehmen. Schließlich hatte ja gerade seine Regierung, unter Antonis Samaras damals, die ersten Kredite aus Europa erhalten: um die griechische Wirtschaft zu stützen.

Doch obwohl alle Banken auf ihren offiziellen Webseiten die griechischen Bürger dazu auffordern, neue Kredite zu beantragen, sieht die Praxis ganz anders aus. "Ich bin zu allen großen Banken der Stadt gegangen und habe um einen Kredit gebeten, doch keine hat mir einen gewährt", erklärt Jiannis Kounavis, während er vor Wut im Gesicht rot anläuft. Er ist kein Einzelfall. Momentan berichten vier von fünf Geschäftsleuten über ähnliche Erfahrungen mit den Banken.

Griechenland Kostas Laliotis Geschäftsmann

Geschäftsmann Kostas Laliotis bekommt kein Geld von seiner Hausbank

Nichts fließt in die Wirtschaft

"Diese Leute haben die EU-Gelder dafür benutzt, um sich selbst zu sanieren. Doch diese Summen sollten in die Wirtschaft und den Handel fließen, damit der inländische Binnenmarkt wieder floriert", bekräftigt auch Kostas Laliotis, der Kollege im Geschäft nebenan. Sein Elektronikgeschäft geht seit Jahren systematisch den Bach herunter. Ohne einen Bankkredit wird sich Kostas Laliotis nicht mehr lange über Wasser halten können, erklärt er.

Der gelernte Fernsehspezialist kann sich noch gut daran erinnern, wie ihn die Banken vor einigen Jahren noch täglich mit Kreditangeboten bombardierten: Kredite für die nächste Reise, Kredite für einen Neuwagen, Kredite für die Ostereinkäufe. Niemand fragte damals nach Sicherheiten. Als die Krise ausbrach und die Griechen die Kreditraten auf einmal nicht mehr bedienen konnten, erwachten die Banken aus ihrem Dornröschenschlaf. "Warum muss jetzt diese Fahrlässigkeit der kleine Mann ausbaden?", fragt sich Jiannis Kounavis.

Kleinstdarlehen wären hilfreich

"Glauben Sie bitte nicht, es ginge im Augenblick um hohe Kredite! Die meisten Leute, brauchen fünf- bis zehntausend Euro, um ihren Laden auf Vordermann zu bringen und mit Neuwaren aufzufüllen, so dass unser Umsatz wieder etwas steigen kann." Doch für diese kleinen Beträge verlangten die Banken so viele Sicherheiten, die niemand mehr geben kann. Eine Flut von Daten und Fakten musste der Werkzeugmeister vorlegen, ohne zu wissen, ob er am Ende einen Kredit bekommen würde oder nicht. Jiannis Kounavis hat es jetzt viermal versucht. Ohne Erfolg.

Die Wahrheit ist: Griechenlands Banker sind zu stark verunsichert. Sie trauen niemand mehr. Die Verluste, die sie in den letzten Jahren durch die zahlreichen Kredite eingefahren haben, sind extrem hoch. Dazu kommen noch Tausende von Privatinsolvenzen. Geld, das die Banken vermutlich für immer verloren haben. Wahr ist aber auch, dass der Druck auf die Bankangestellten täglich steigt. Sie haben strikte Anweisungen, keine Informationen über den offiziellen Stand der Dinge nach außen zu geben. Journalisten erhalten seit Jahren keine Interviews mehr.

Endstation: Pfandhaus

Jiannis Kounavis sieht jetzt nur noch einen einzigen Weg, um an frisches Geld zu kommen: Das Pfandhaus der Hellenic Postbank. Dieser sogenannte "Soziale Service" der Postbank existiert seit 1933 und soll den griechischen Bürgern helfen, nicht wegen geringer Geldschulden in die Privatinsolvenz zu geraten. Rund 15 Prozent der Bürger Thessalonikis greifen momentan auf dieses Angebot zurück. Die Pfandleiher der Hellenic Postbank wissen, dass die griechischen Bürger erst zu ihnen kommen, wenn nichts anderes mehr möglich ist. Die Erfahrungen, die sie machen, sind positiv. Rund 92 Prozent der Kunden zahlen die geliehenen Beträge wieder zurück, ohne ihre Gold- und Silberwertgegenstände zu verlieren.

Jiannis Kounavis weiß noch nicht, wie Griechenland in zwei Jahren dastehen wird, aber er fühlt sich momentan an erster Stelle gar nicht von den EU-Geldgebern missverstanden. Eher von den eigenen Geschäftspartnern verlassen. "Wenn selbst unsere eigenen Banken uns nicht unterstützen, wie können wir dann Hilfe von den europäischen Partnern verlangen?", fragt der Geschäftsmann und wirkt dabei ein wenig müde. Er habe von einem Freund gehört, dass ein Bankberater ihm nach dem Wahlsieg von Alexis Tsipras geraten habe, sein Geld ins Ausland zu schaffen. Was er darauf geantwortet habe, wollte Jiannis Kounavis wissen. "Ich habe ihn gefragt, ob er sich eigentlich dafür nicht schäme", erwiderte ihm sein Freund.