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Fokus Südosteuropa

Griechenland will in der Eurozone bleiben

In Griechenland sorgt das laute Nachdenken einiger EU-Politiker über Athens Euro-Ausstieg für Aufregung. Finanzexperten geben der Regierung aber eine Mitschuld an der Verschärfung der Krise.

Eine Euro- und eine Drachmemünze vor der griechischen Flagge (Grafik: DW)2_22_drachme_euro.psd

Die meisten Griechen wollen den Euro, nicht die Drachme

Bei allen Zweifeln an den Sparanstrengungen der Regierung Giorgos Papandreou: Gedankenspiele über einen Ausstieg aus dem Euro stehen in Griechenland nicht ernsthaft zur Debatte. Alle politischen Parteien haben den Verbleib in der Eurozone zur nationalen Aufgabe erklärt. Eine Ausnahme bilden die einst moskautreuen Kommunisten, die am liebsten die EU insgesamt abschaffen würden, sowie die Rechtspopulisten, angeführt vom ehemaligen Bodybuilder Giorgos Karadzaferis, der eine "Eurodrachme" als Parallelwährung zum Euro ins Spiel bringt.

Kürzungen unausweichlich

Ein Rotstift vor hellblauem Hintergrund (Foto: dpa)

Rotstift nun auch in der Privatwirtschaft

Die meisten Finanzexperten in Athen sind sich einig: Die Wiedereinführung der Drachme wäre ökonomischer Selbstmord, zumal auch eine kräftige Abwertung der Währung die Strukturprobleme der griechischen Wirtschaft nicht lösen würde. Andererseits wäre Griechenland bei einem Verbleib in der Eurozone dazu gewungen, Kosten zu sparen, was zu einem weiteren Rückgang bei Löhnen und Preisen führen könnte. Die griechischen Politiker würden aber leider verheimlichen, dass auch dieser Weg sehr schmerzhaft sein kann, beklagt der Währungsexperte Kostas Melas. So oder so, Griechenland müsse um mindestens 40 Prozent abwerten, um den Verlust seiner Wettbewerbsfähigkeit zu kompensieren, erklärt Melas. Schon heute würden Gehälter, Einkommen und Renten durch Griechenlands 'interne Abwertung' gekürzt - und dieser Anpassungsprozess könnte noch lange dauern. Im öffentlichen Sektor haben bereits viele Arbeitnehmer auf 40 Prozent ihres Jahreseinkommens verzichten müssen. Ähnliches erwarte man jetzt auch in der Privatwirtschaft, sagt der Athener Ökonom.

Finanzminister in der Kritik

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou gestikulierend (Foto: AP/dapd)

Papandreou appelliert an den Ehrgeiz der Griechen

Gerüchte über einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro waren aufgekommen, nachdem die so genannte "Troika" aus Experten von EU, IWF und EZB sich mit dem griechischen Finanzminister Evangelos Venizelos überworfen hatte und vorzeitig aus Athen abgereist war. Viele Griechen sehen da einen Zusammenhang: Angeblich habe Europa Ausstiegsgerüchte in Umlauf gesetzt, um den Druck auf die griechische Regierung zu erhöhen, heißt es in Athen. Venizelos bestreitet vehement, dass es jemals Streit mit der Troika gab. Doch er habe sich die aktuelle Verschärfung der Schuldenkrise selbst zuzuschreiben und sei damit mitverantwortlich für die Gerüchteküche, glaubt Stelios Katranidis, Wirtschaftsprofessor an der Universität Thessaloniki.

Grund für die explosive Lage sei der unglückliche Versuch des Finanzministers, eine Neuverhandlung der Sparmaßnahmen mit der Troika durchzusetzen, sagt Katranidis. Davor wurde er immer wieder gewarnt. Neu verhandeln könne doch nur, wer bestimmte Voraussetzungen erfüllt, nämlich Zuverlässigkeit, großes Verhandlungsgeschick und das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt. Mit ausgestreckter Hand sei man dagegen nicht in der Lage, Neuverhandlungen zu erzwingen, beklagt Katranidis.

Papandreou appelliert an die Griechen

Ministerpräsident Papandreou macht jetzt aus der Not eine Tugend: Taktisch geschickt appelliert er mit blumigen Worten an seine Landsleute, den Kampf gegen ihre eigene Ausweglosigkeit aufzunehmen, den Bankrott zu verhindern und alle Bedenkenträger im In- und Ausland Lügen zu strafen. Der in solchen Krisensituationen übliche Appell des Ministerpräsidenten an den Stolz der Griechen soll nicht nur Schlimmeres verhindern helfen, sondern auch sein eigenes politisches Überleben sichern. "Manche Stimmen fordern unverblümt den Ausstieg Griechenlands aus dem Euro. Viele in Europa, aber auch hierzulande, wetten auf unser Versagen, um ihre eigenen politischen oder wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen oder sie wünschen sich den Bankrott, um ein schönes Leben zu führen im Billigland Griechenland mit dem Geld, das sie rechtzeitig ins Ausland geschafft haben", mahnt Papandreou. Die Bürger müssten jetzt die richtige Antwort geben. Sie müssten den Beweis liefern, dass Griechenland es schaffen kann, fordert der Ministerpräsident.

Doch vorerst sind die griechischen Bürger viel zu sehr mit dem eigenen Überlebenskampf beschäftigt. Nach Einkommenskürzungen von bis zu 30 Prozent in vergangenen Jahr, muss jede griechische Familie auch in diesem Jahr auf ein weiteres Monatsgehalt verzichten. Und zusätzliche Sparmaßnahmen bis Ende 2011 werden nicht ausgeschlossen.

Autor: Jannis Papadimitriou
Redaktion: Mirjana Dikic/tko

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