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Europa

Griechenland und Europa - "Eine Hass-Liebe"

Mal wird er als "Anti-Grieche" beschimpft und mal für seine Selbstironie gelobt - der Autor Nikos Dimou. Sein Bestseller "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" wurde jetzt - 37 Jahre später - ins Deutsche übersetzt.

Nikos Dimou (Foto: DW)

Schriftsteller Nikos Dimou

Das Buch "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" ist eine Art nationale Standpauke des griechischen Schriftstellers und Philosophen Nikos Dimou an seine Landsleute. Obwohl das Buch bereits 37 Jahre alt, erscheinen die Thesen des Philosophen heute aktueller denn je. Fast schon so, als sei es ein Buch zur Griechenland-Krise.

Deutsche Welle: Wieso ist es Ihrer Meinung nach ein Unglück, Grieche zu sein? 

Buch Buchcover NIkos Dimou Über das Unglück, ein Grieche zu sein (Foto: DW)

"Griechen haben ein großes Identitätsproblem", sagt Nikos Dimou in seinem Buch

Nikos Dimou: Wir Griechen haben ein großes Identitätsproblem. Als Griechenland 1830 von der Osmanischen Herrschaft befreit wurde, waren über 90 Prozent der Griechen Bauern. Ein "Bürgertum" wie im westlichen Europa hatte sich bei uns nicht entwickelt. Wir haben keine Renaissance, keine Aufklärung und keine Reformation der Kirche erlebt. All diese Entwicklungen, die das moderne Europa begründet haben, fehlen bei uns. Die Griechen mussten in kurzer Zeit sehr viel nachholen. Gleichzeitig vermittelte man ihnen das Gefühl, sie seien sowieso etwas Besseres als andere Europäer - nämlich die erhabenen Söhne und Töchter der größten Zivilisation, die je auf dieser Welt gelebt hat. Auch heute sind wir sehr stolz darauf, die Nachkommen von Aristoteles und Platon zu sein – aber gleichzeitig ist das auch ein wenig deprimierend. Man fühlt sich wie der Sohn eines Nobelpreisträgers, der es selber nicht sehr weit gebracht hat und ständig mit dem berühmten Vater verglichen wird.

Gibt es eine Verbindung zwischen diesen Identitätsproblemen und der heutigen Griechenland-Krise?

Ja, natürlich. Meiner Meinung nach ist dieses Identitätsproblem ein zentraler Bestandteil der griechischen Seele. Unsere Beziehung zu Europa ist eine Art Hass-Liebe. Wir beneiden Länder wie Deutschland oder Frankreich und wollen gerne so sein wie sie. Auf der anderen Seite misstrauen die Griechen aber dem Westen. Wir neigen dazu, die Ursachen für unsere Probleme zu exportieren und uns einzureden, bösartige Mächte aus dem Ausland seien an allem Übel schuld. Dazu gehört auch die gegenwärtige Tendenz, Bundeskanzlerin Angela Merkel als Sündenbock für die griechische Krise zu sehen. Zu diesem Misstrauen gegen den Westen hat auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche beigetragen, die jahrhundertelang gegen den "ketzerischen" Westen polemisierte.

Heilige Drei Könige in Thessaloniki (Foto: AP/ Nikolas Giakoumidis)

Die Orthodoxe Kirche sei sehr einflussreich in Griechenland, sagt der Autor

Wie groß ist der Einfluss der Griechisch-Orthodoxen Kirche in der heutigen Zeit?

Die Kirche hat noch immer einen viel zu großen Einfluss auf Griechenland. Jedes Mal, wenn der Staat etwas ändern wollte, was der Kirche nicht passte, hat die Kirche den Streit gewonnen. Ich denke, die Griechisch-Orthodoxe Kirche ist so reich, dass sie den griechischen Schuldenberg in zwei Tagen zurückzahlen könnte. Ich finde es völlig verfehlt, dass in Griechenland die Kirche vom Geld aller Steuerzahler profitiert, egal ob diese Bürger religiös sind oder nicht. Dabei gehen die meisten meiner Landsleute nur zu Weihnachten und zu Ostern in die Kirche – die orthodoxe Religion ist für sie eher eine Tradition, ein Teil der nationalen Identität.

Haben Sie die Krise in Griechenland erwartet?

Abschlussfeier Olympische Spiele in Athen (Foto: Paul Chiasson)

Waren zu teuer für Griechenland - Die Olympische Spiele in Athen

Ja, das habe ich schon vor langer Zeit vorausgesagt. Wir Griechen haben immer mehr Geld ausgegeben, haben immer mehr Beamte eingestellt und uns sogar die Olympischen Spiele geleistet. Dieses Verhalten erinnert mich an arme Familien, die sich für den Rest des Lebens verschulden, um ein spektakuläres Hochzeitsfest für die Tochter zu organisieren. Wir konnten uns die Olympischen Spiele einfach nicht leisten. Und das schlimmste war: Sie wurden im griechischen Stil organisiert. Ursprünglich hätten sie zwei Millionen Drachme kosten sollen, aber die Endsumme war zehn Mal höher. Zuerst gingen die Vorbereitungen schleppend voran, und plötzlich hieß es: Es bleiben nur noch sechs Monate, aber die Zeit ist zu kurz. Also muss zehn Mal mehr Geld her, damit trotzdem alles fertig wird.

Wie sehen Sie die Zukunft Griechenlands in zehn Jahren?

Die Menschheit wird sich weiterentwickeln, Europa wird die Finanzkrise überwinden. Aber ich glaube nicht, dass ich noch auf dieser Welt sein werde, wenn das alles geschieht. Ich bin jetzt 77 Jahre alt, und auch wenn ich noch zehn Jahre oder mehr vor mir hätte, denke ich nicht, dass ich das Ende der Krise noch erleben könnte. Die Krise wird Europa noch lange in Atem halten.

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