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Kunst

Griechenland: Kultur in einem Krisenland

Erstmals eröffnet die 14. Weltkunstschau Documenta nicht in Kassel, sondern im April in Athen. Was die Welt von den Griechen lernen kann, weiß die neue Kulturministerin Lydia Koniordou.

Deutsche Welle: Frau Koniordou, die Sparpolitik Griechenlands erscheint erfolgreich. Statt den mit den Kreditgebern vereinbarten 875 Millionen Euro weist der Haushalt 2016 einen Primärüberschuss von stolzen 4,4 Milliarden aus. Inwieweit hat die Kultur dazu beigetragen?

Lydia Koniordou: Mittlerweile wird jeder einzelne Euro auf die bestmögliche Art genutzt. Verschwendungen werden vermieden, es wird gespart und von jeder Ausgabe wird der bestmögliche Mehrwert erwirtschaftet. Zum ersten Mal überhaupt weisen die Haushalte der beiden Staatstheater in Athen und Thessaloniki einen – wenn auch kleinen – Überschuss aus. Dadurch sind wir immer mehr in der Lage, Forderungen der Öffentlichkeit nach Steigerung der künstlerischen  Qualitätsstandards und Schaffung von Arbeitsplätzen nachzukommen.

Also - Probleme gelöst?

Nein, keinesfalls. Es gibt noch genügend Probleme, aber wir arbeiten daran. Die Athener Philharmonie, die vor einem Jahr in Staatsbesitz übergegangen ist, hat immer noch beträchtliche Altschulden. Mehrere Ministerien sind an der Lösung dieser Frage involviert. Als Kulturministerium unterstützen wir diese Institution bei ihren Bemühungen, ihre großen materiellen und immateriellen Vermögenswerte besser zu nutzen. Mit der Staatsoper schlagen wir ein neues Kapitel auf. Mit einem geringeren Budget bringt sie ein bedeutendes Werk zustande. Eine neue Organisationsstruktur beim Archäologischen Einnahmefond (TAP) wird es erlauben, dass die eingenommen Gelder schneller genutzt werden. Können sie sich das vorstellen, dass die vom Staat beaufsichtigten Kultureinrichtungen bislang keinerlei Geschäftsordnung hatten, es gab keine Kompetenzverteilung? Das ändert sich gerade überall.

Das alles füllt aber noch nicht die Finanzierungslücken auf, die die andauernde Wirtschaftskrise aufgerissen hat?

Lydia Koniordou griechische Kulturministerin (picture-alliance/dpa/V. Prokofyev)

Griechenlands Kulturministerin Lydia Koniordou

Die Krise ist eine Herausforderung. Sie zwingt uns nicht nur dazu, unsere Prioritäten auf den Prüfstand zu stellen. Sie hat uns auch dazu gebracht, zur Finanzierung von Kultur- und Kunstprojekten stärker EU-Töpfe zu nutzen. Im letzten Jahr ist es uns gelungen, 94 Prozent der Griechenland zustehenden Gelder zu bekommen. Das war bislang nicht selbstverständlich.

Vor der Krise wurden die kulturellen Aktivitäten im Lande weitgehend von der öffentlichen Hand subventioniert. Inwieweit trifft es zu, dass sich in den letzten Jahren verstärkt private Stiftungen engagieren?

Zum Glück gibt es den bedeutenden Beitrag der Niarchos-Stiftung. Sie stellt ihre Infrastruktur zur Verfügung und unterstützt finanziell sowohl staatliche Kulturinstitutionen als auch private Träger. Die Onassis-Stiftung beteiligt sich an der Finanzierung der Renovierungsarbeiten des Staatstheaters. Andere Stiftungen haben ebenfalls Interesse gezeigt, der Kultur zu helfen. Es ist sehr wichtig, dass in dieser schwierigen Zeit der Geist der "großen Wohltäter" wieder erwacht, den wir aus dem 19. Jahrhundert kennen.

Die allermeisten Künstler sind nicht Angestellte einer staatlichen Kulturinstitution, sondern Freischaffende. Wie unterstützen Sie sie?

Ich leide nicht unter Amnesie – bis vor zwei Monaten stand ich noch auf der Bühne. Ich kenne mich sehr gut in der Kulturszene aus, ich kenne nur zu gut die Probleme. Es ist heroisch, was unter extrem schwierigen Bedingungen vor allem junge Künstler leisten. In der jetzigen Situation Kunst zu machen ist Ausdruck von Widerstand. Aber um ihre Frage zu beantworten - der Staat selbst hat kaum finanzielle Mittel, um die junge Kulturszene zu unterstützen. Was wir aber tun können, ist, Künstlern unentgeltlich Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, damit sie zum Beispiel für ihre Stücke proben können. Es darf in den nächsten Jahren zu keinem Vakuum im künstlerischen Schaffen kommen.

Griechenland Athen Akropolis (picture-alliance/dpa/A. Warnecke)

Griechenland hat mehr Kultur zu bieten als die Akropolis

Die 14. Documenta in diesem Jahr findet für jeweils drei Monate an zwei Orten statt: am 16. April startet sie in Athen und ab dem 10. Juni in Kassel. Das Motto der Kunstausstellung lautet "Von Athen lernen” - was kann man von Athen lernen?

Demokratie. Sehen sie, wir stehen weltweit an einem Kreuzweg. Wir lassen eine alte Epoche hinter uns und sind dabei in eine neue einzusteigen, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen wird. Aber eins scheint mir sicher zu sein: Demokratie, das Geschenk, das das kleine Athen im 5 Jahrhundert vor Christi der Welt gemacht hat, ist nicht etwas Selbstverständliches – man muss sich ständig darum bemühen. Man muss wachsam sein, dass gesellschaftliche Güter erhalten bleiben, dass Transparenz in den sich ständig wandelnden Institutionen herrscht.

Wird darüber im ersten Teil der Documenta in Athen die Rede sein?

Es werden eine Reihe von Veranstaltungen zu Themen wie Demokratie, Freiheit, Akzeptanz von Verschiedenheit mit vielen namhaften Teilnehmern stattfinden. Das wird der eine Schwerpunkt sein. In einem zweiten stehen die jungen Künstler im Mittelpunkt, das was sie uns zu sagen haben. Ihre Beiträge werden nicht nur in Museen zu sehen sein, sondern auch auf öffentlichen Plätzen. Und dann wird es darum gehen, aufzuzeigen, dass Kultur nicht isoliert für sich steht, sondern Teil von gesellschaftlichem Wandel ist beziehungsweise selbst der Anstoß dafür sein kann.

Lydia Koniordou, geboren 1953 in Athen, studierte von 1971 bis 1974 englische Literatur an der Universität Athen und von 1971 bis 1990 Germanistik, Musik, Theorie und Instrumente, Byzantinische Musik, Klassisches Lied und Kinesiologie. 1977 absolvierte sie die Dramaschule des Nationaltheaters. Sie arbeitete 40 Jahre lang als Schauspielerin und Regisseurin an zahlreichen Theatern in Griechenland. Seit dem 5. November 2016 ist sie Ministerin für Kultur und Sport in der Regierung von Alexis Tsipras.

Das Gespräch führte Panagiotis Kouparanis