Griechen zwischen Apathie und Angst | Europa | DW | 18.05.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Griechen zwischen Apathie und Angst

Ist Griechenland bald endgültig bankrott? Ungewissheit und Angst zerren an den Nerven der Bürger. Sie wollen sich für eine Zukunft wappnen, die sich gar nicht mehr einschätzen lässt, beobachtet Joanna Kakissis in Athen.

Pantelis Chatzisinakis neigt nicht zur Panik. Seit fünf Jahren versucht der 38-jährige Steuerberater aus Athen, Ordnung in den schwindenden Vermögen seiner Kunden zu halten. Ob Selbständige oder Inhaber mittelgroßer Unternehmen, alle suchen sie Rat bei ihm. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er damit, seine Kunden zu beruhigen, sie davon zu überzeugen, dass sich die Dinge in Ordnung bringen lassen, aller problematischen Zahlen zum Trotz.

Doch Chatzisinakis stellt fest, dass sich die Griechen - wie auch ihr Land - schwierigen Entscheidungen gegenüber sehen. "Sie fragen sich, ob sie zunächst ihre Rechnungen beim Lebensmittelhändler oder ihre Steuern zahlen sollen. Sollen sie ihre Darlehen bezahlen, ihre Wasser- oder ihre Stromrechnung?" Die Bilanz von fünf harten Jahren sei verheerend. "Die Leute sind müde. Wenn ihnen jemand sagt, das Land gehe pleite, wissen sie nicht, was sie sich darunter noch vorstellen sollen."

Seit fünf Jahren hören die Griechen nahezu täglich düstere Prophezeiungen zu möglichen Zahlungsausfällen und einer schmerzhaften Rückkehr zur Drachme. "Seitdem gibt es permanent Spekulationen darüber, ob Griechenland in der Eurozone bleiben wird oder nicht, seine Schulden bedient oder nicht. Darüber hat ein großer Teil der Bevölkerung längst abgeschaltet", sagt Nick Malkoutzis, Herausgeber von "Macropolis", einem Magazin, das sich mit den politischen und wirtschaftlichen Problemen Griechenlands und der Eurozone befasst.

25 Milliarden Euro Bargeld abgehoben

Es gibt keine Proteste, keine Zeichen der Unzufriedenheit gegenüber der seit vier Monaten amtierenden Regierung - einem Zusammenschluss linker Akademiker und Aktivisten und rechter Populisten mit wenig politischer, geschweige denn Regierungserfahrung. Finanzminister Yanis Varoufakis erklärte Journalisten in Brüssel, die Finanzminister der Eurozone hätten nicht erwogen, Griechenland Kapitalkontrollen aufzuerlegen: "Das widerspräche der Logik einer Währungsunion."

Zwar kam Griechenland am Dienstag seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Internationalen Währungsfond (IWF) nach. Doch Varoufakis warnte vor einem unmittelbar bevorstehenden Liquiditätsengpass. In zwei Wochen könnte Griechenland das Geld ausgehen. Angesichts dieses Szenarios sieht Malkoutzis keine Anzeichen einer um sich greifenden Panik. Dennoch bereiteten sich einige Griechen bereits auf ein Worst-Case-Szenario vor.

"Wenn man die Entwicklung der Bankeinlagen seit Anfang Dezember beobachtet, als die Ungewissheit einen neuen Höhepunkt erreichte, stellt man fest, dass es 15 Prozent mehr Abbuchungen von diesen Konten gibt. Wir sprechen von einer Summe von 25 Milliarden Euros. Das meiste davon wurde als Bargeld abgehoben. Die Leute haben Angst vor Kapitalkontrollen oder einem Ausstieg aus der Eurozone."

Griechen wollen den Euro behalten

Dieses Verhalten steht in Widerspruch zu den in Umfragen ermittelten Befunden. Danach halten die die meisten Griechen es für ausgeschlossen, dass ihr Land die Eurozone verlässt. Ebenso will die überwiegende Mehrheit der Griechen auch den Euro als Währung behalten.

"Ein Teil der Bevölkerung sorgt sich um seine Ersparnisse und die Zukunft des Landes. Ein anderer Teil hingegen meint, die Griechen hätten bereits so viel verloren, dass ihnen ein Auszug aus der Eurozone kaum mehr etwas nehmen könnte", sagt Malkoutzis. "Und wiederum andere meinen, dass politische Kommentatoren und EU-Politiker zu oft pessimistische Prognosen abgegeben hätten. Darum achten sie nicht mehr auf die Warnungen und nehmen sie nicht mehr ernst."

"Wissen sie, was sie tun?"

Für einige Griechen, wie etwa Christos Tsakirios, einen Fischer von der Insel Leros, klingen die Warnungen nach Erpressung. "Seit Jahren hören wir, wir stünden am Rande des Abgrunds, wir gingen pleite, es gäbe kein Geld mehr in den Bankautomaten, und eines Tages würden Panzer vor den Banken stehen, um die Leute daran zu hindern, ihr Geld abzuziehen, bevor es wertlos würde", sagt er. "Dann stimmen unsere Politiker weiteren Sparmaßnahmen zu. Wir sind wie gehorsame kleine Schüler. Darin stellen wir immer neue Rekorde auf."

Ein Grieche vor einem Bankautomat (Foto: DW/Marianthi Milona)

Nur Bares ist Wahres: Die Griechen heben ihr Geld ab

Tsakirios hat in den vergangenen fünf Jahren hart gekämpft. Es schätzt sich glücklich, noch eine Arbeit zu haben - auch wenn es schwieriger geworden ist, den Fang zu verkaufen. "Viele Leute kaufen keinen Fisch mehr, weil sie ihn für zu teuer halten."

Tsakirios unterstützt die Anti-Austeritätspolitik der Regierung, also ihre Versuche, weitere Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen zu verhindern. Denn die haben, glaubt er, Griechenland in eine tödliche Spirale gezogen. Er kann sich sein Land aber auch nicht außerhalb der Eurozone vorstellen, isoliert vom übrigen Europa. "Die meisten Griechen, die ich kenne, glauben auch nicht, dass das jemals geschehen wird."

Analyst Malkoutzis geht davon aus, dass das laufende Jahr für Griechenland noch gefährlicher werden könnte als die beiden vorhergehenden. Schon da hatte die Furcht vor einem Austritt aus der Eurozone zu Protesten, internationalem Lamento und Hysterie in den Medien geführt. "Jetzt haben wir eine unerfahrene Regierung, die mit Griechenlands Gläubigern in vielen Fragen nicht übereinstimmt. Das führt zu erheblicher Unruhe", sagt er. "Griechenland geht schlicht das Geld aus. Wenn es innerhalb der nächsten zwei Wochen zu keiner Einigung kommt - und einen anderen Weg zu einer Einigung gibt es nicht -, dann wird der Zahlungsausfall Wirklichkeit."

Steuerberater Chatzisinakis unterstützt prinzipiell die neue Regierung. Gleichzeitig zweifelt er: "Vielleicht wissen sie gar nicht, was sie tun. Und wenn nicht, dann möchte ich nicht daran denken, was passiert."

Die Redaktion empfiehlt