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Sport

Gretel Bergmann ist tot

Die Hochspringerin feierte in Deutschland ihren größten Erfolg und erlebte die schlimmste Zeit ihres Lebens. Von den Nazis missbraucht, erfuhr sie erst spät Wiedergutmachung. Jetzt ist sie mit 103 Jahren gestorben.

Gretel Bergmann war als Kind ein richtiger Wildfang: Die Tochter eines jüdischen Fabrikanten wuchs im württembergischen Laupheim auf. Sie liebte Fußball, Wasserball, Schlittschuh- und Skilaufen. Im Alter von 16 Jahren erkannte man ihre Vielseitigkeit als Leichtathletin. Bald wurde sie überregional bekannt im Hochsprung und fasste den Entschluss, Sport zu studieren. Nach Adolf Hitlers Machtergreifung jedoch wurden alle Juden aus dem Vereinsleben ausgeschlossen. An ihrem 19. Geburtstag, im April 1933, teilte man ihr mit, dass sie in ihrem Sportverein nicht mehr erwünscht sei. "Wenn ich Freunde auf der Straße traf, taten sie so, als würden sie mich nicht kennen. Wir durften nicht mehr ins Restaurant, ins Kino, ins Schwimmbad", erinnerte sich die Leichtathletin anlässlich eines DW-Interviews zu ihrem 100. Geburtstag.

Die "Alibi-Jüdin"

Von einem Tag zum nächsten wurde die jüdische Athletin rausgeworfen. Bergmann entschied sich daraufhin, nach England zu emigrieren, um dort Sport zu studieren. Sie trainierte weiter emsig und gewann am 30. Juni 1934 den britischen Hochsprung-Meistertitel. Dieser Erfolg verschaffte ihr Genugtuung: Sie hatte es den Nazis gezeigt. Ihre Hochstimmung verflog jedoch schnell, denn ihr Vater überbrachte ihr die Nachricht, dass die deutsche Sportführung sie für die Olympia-Mannschaft aufstellen wolle. Gretel Bergmann war nicht gewillt zurückzukehren. Ihr Vater aber gab ihr zu verstehen, dass eine Weigerung ihre Familie in Schwierigkeiten bringen könnte. "Also habe ich meine Sachen gepackt und bin zurückgefahren", sagte Bergmann.

Mit ihrer Eingliederung ins Olympiateam wollte Hitler der Welt zeigen, wie angeblich liberal er mit jüdischen Sportlern umgehe. Ein möglicher Olympia-Boykott der Amerikaner und Briten wurde so verhindert. Bergmann war sonnenklar, dass sie fortan als "Alibi-Jüdin" herhalten musste. Auch sportlich war ihre Lage nicht einfach: Sie sollte ins Olympia-Team - durfte jedoch in keinem Sportverein trainieren. Stundenlange Fahrten musste sie auf sich nehmen, um in Stuttgart auf einem Sportplatz zu üben. Doch der Aufwand zahlte sich aus: Bei einem regionalen Sportfest stellte sie mit übersprungenen 1,60 Meter den deutschen Rekord von Elfriede Kaun ein.

"Du bist meine Freundin"

In dieser Zeit freundete sie sich mit der gleichaltrigen Kaun an. Die Kieler Hochspringerin - sie verstarb 2008 mit 94 Jahren - traf Bergmann bei einem Trainingslager vor den Spielen 1936. Damals hatte Bergmann Angst, ihre Freundin in Schwierigkeiten zu bringen. Sie bemerkte die bösen Blicke des Trainers, woraufhin Kaun entgegnete: "Das ist wegen mir, der mag mich nicht!" Kaun verteidigte ihre Freundschaft. "Du bist Gretel Bergmann, Hochspringerin und meine Freundin, ob Jüdin oder nicht."

So ehrlich das von ihr gemeint war - von Integration konnte kaum die Rede sein. Wenige Wochen nach Bergmanns Rekordsprung kam die böse Überraschung: Am 16. Juli 1936 wurde ihr in einem Brief des deutschen Reichsbundes für Leibesübungen mitgeteilt, dass sie zu unbeständig sei und aufgrund der "ungenügenden Leistungen" nicht in das Olympiateam aufgenommen werden könne. "Für die Mühen der vergangenen zwei Jahre stehe mir aber auf Anfrage eine Stehplatzkarte zu. Heil Hitler", erinnert sich Bergmann noch genau an den Wortlaut des Briefs.

Elfriede Kaun gewinnt Olympia-Bronze

Gretel Bergman verstorben (picture alliance/dpa/J. Carstensen)

Gretel Bergmann zu ihrer sportlichen Glanzzeit zwischen Erfolg und Verfolgung

Der Zeitpunkt von Bergmanns Rauswurf war von Hitlers Helfern wohl kalkuliert. Das amerikanische Olympiateam hatte sich gerade auf den Weg nach Berlin gemacht. Der drohende Boykott gegen Nazi-Deutschland war somit abgewendet. Bergmann war ausgebootet worden, ihre Freundin Elfriede hingegen erlebte ihren sportlichen Höhepunkt im Berliner Olympiastadion: Sie gewann im Hochsprung mit 1,60 Metern die Bronzemedaille. Über den Verbleib von Gretel Bergmann verbreiteten die Nazis Lügen. Kaun wurde erzählt, ihre Freundin sei verletzt gewesen. "Alle haben es geglaubt", sagte Bergmann. Tief gedemütigt verließ sie Europa erneut und zog in die USA. Unter dem Namen Margret Lambert ließ sie sich zusammen mit ihrem Mann Bruno in New York nieder.

Um Wiedergutmachung bemüht

Zweimal gewann Bergmann in der Folge die amerikanische Hochsprungmeisterschaft. Die Freundschaft mit Sportkameradin Kaun legte sie zunächst auf Eis. Erst 1952 erhielt die Kielerin einen Brief aus New York, in dem sich Bergmann bitterlich darüber beklagte, dass keiner die Lüge der Nazis, sie sei 1936 verletzt gewesen, hinterfragt hätte. Nach einiger Zeit freundeten sich die beiden Sportlerinnen wieder an. Auch deutsche Sportfunktionäre bemühten sich um ein Zeichen der Wiedergutmachung. Schließlich kam Bergmann auf Einladung des damaligen NOK-Präsidenten Walter Tröger als Ehrengast zu den Olympischen Spielen 1996 nach Atlanta.

Laupheim taufte 1999 seine Sportanlage in "Gretel-Bergmann-Stadion"

Späte Ehre für Gretel Bergmann: In ihrer Heimatstadt Laupheim wird ein Stadion nach ihr benannt. (Foto: dpa)

Späte Ehre für Gretel Bergmann: In ihrer Heimatstadt Laupheim wird ein Stadion nach ihr benannt

Drei Jahre später kehrte sie erstmals nach dem Krieg in das Land ihrer Eltern zurück. Der Bürgermeister ihrer Heimatstadt Laupheim erklärte die Sportanlage der Kommune zum "Gretel-Bergmann-Stadion": "Als wir gemeinsam das Schild mit der Aufschrift 'Gretel-Bergmann-Stadion' enthüllten, bekam ich eine Gänsehaut", erzählt Bergmann. Die damals 85-Jährige konnte es kaum fassen: 1933 hatten die Nazis sie von allen öffentlichen Orten verbannt. "Und nun trug einer dieser öffentlichen Orte für immer meinen Namen. Oh my God, I can`t believe it."

Im November 2009 entschied sich der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV), Bergmanns Bestleistung von 1,60 Meter - als Einstellung des deutschen Rekords von 1936 - endlich in seine Rekordlisten aufzunehmen. Das mag weniger sein als eine wirkliche Wiedergutmachung, doch immerhin ein versöhnliches Zeichen gegenüber einer großen Sportlerin. Seit 2012 ist sie Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports.

Noch im April, bei ihrem 103. Geburtstag, zeigte sich Gretel Bergmann beim Besuch der SPD-Sportausschussvorsitzenden Dagmar Freitag bester Laune: "I feel great", ich fühle mich großartig, sagte sie damals. Nun ist sie in ihrem Haus im New Yorker Stadtteil Queens gestorben.