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Bulgarien

Grenzzaun gegen Flüchtlinge

Bulgarien hat einen Zaun an der Grenze zur Türkei gebaut, um zu verhindern, dass illegale Flüchtlinge ins Land kommen. In einem kleinen Grenzdorf spotten die Menschen darüber - und profitieren trotzdem von dem Zaun.

"Seitdem es den Zaun gibt, kommen nicht mehr so viele rüber", erzählt die 33-jährige Nikolinka Dimitrova, eine sogenannte "Sicherheitskraft" in Goljam Dervent, einem Dorf an der bulgarisch-türkischen Grenze. Ihre Aufgabe: die Telefonnummer 112 anrufen, falls sie etwas Außergewöhnliches beobachten sollte. Im lokalen Sprachgebrauch bedeutet dies nur eines: illegale Flüchtlinge melden.

Seit dem vergangenen Jahr tauchen sie verstärkt im kleinen Dorf auf, leidende Menschen mit verzerrten Gesichtern und in Kleiderfetzen. Ihre Sprache versteht hier keiner, denn die Flüchtlinge kommen überwiegend aus Syrien, einige auch aus Afghanistan oder Irak. Wenn sie einmal im Dorf sind, steht das Prozedere fest: Der Bürgermeister ruft die Grenzpolizisten an, dann werden die Flüchtlinge registriert und zu einem der Flüchtlingszentren eskortiert.

Drei Meter hoch - mit Stacheldraht

Ein paar Hundert Meter vom Dorf verläuft "der Zaun". So heißt im Volksmund die neue, hochkomplizierte Überwachungsanlage mit unterirdischen Sensoren, die bei registrierter Bewegung automatisch die Überwachungskameras einschalten. Der Zaun ist drei Meter hoch und knapp 30 Kilometer lang. Von der bulgarischen Seite sieht er "normal" aus, von der türkischen aber ist er auf der ganzen Höhe mit Stacheldrahtkugeln versehen. Der Eindruck: Den kann man unmöglich hochklettern.

Stojan Stojanov, Chef der bulgarischen Grenzenpolizei zeigt auf der Karte, wo der Grenzaun verläuft (Foto: Ivan Bedrov/DW)

Stojan Stojanov, Chef der bulgarischen Grenzenpolizei zeigt auf der Karte, wo der Grenzaun verläuft

Trotzdem versuchen sie es immer wieder. "Bislang war aber niemand erfolgreich. Manche versuchen es auch mit Leitern oder Baumstämmen, die sie an den Zaun lehnen. Wir beobachten all diese Einsätze und reagieren entsprechend“, erzählt Stojan Stojanov, Leiter der regionalen Grenzpolizei in Elhovo. Er ist für die Überwachung der Festlandsgrenze zwischen Bulgarien und der Türkei, insgesamt 271 Kilometer lang, zuständig. Zwölf Prozent von dieser Grenze sind mittlerweile mit dem Zaun versehen, für den die bulgarische Regierung 4,5 Millionen Euro bezahlt hat.

"Doch sie schneiden den Zaun durch und kommen trotzdem rein. Heute hat man den Zaun wieder flicken müssen, weil 'die' ihn immer wieder beschädigen. Umsonst das ganze Geld, umsonst die ganzen Milliarden", seufzt Nikolinka Dimitrova. Mit der übertriebenen Kostenvorstellung ist sie nicht allein. Die Einheimischen sprechen von der Anlage als "furchtbar teuer" und glauben, das Ganze habe die EU bezahlt.

"Es war die Hölle los!"

20 Kilometer weiter liegt die Kreisstadt Elhovo. Auch die Café-Besitzerin dort Maria ist auf den Zaun nicht gut zu sprechen: "Die bespringen den Zaun wie Affen! Werfen zuerst jede Menge Äste rüber, und dann springen sie darauf." All diese Geschichten werden immer mit der gleichen Quellenangabe verifiziert: "Tja, man spricht ja mit den Jungs von der Polizei." Offiziellen Angaben zufolge allerdings habe es noch niemand über den neuen Zaun geschafft. "Seitdem die Anlage in Betrieb ist, sind die Überquerungsversuche drastisch zurückgegangen", behauptet Kommissar Stojanov.

Grenzzaun zur Türkei (Foto: Ivan Bedrov/DW)

Hier beginnt der Zaun - mittlerweile sind 12 Prozent der Grenze zur Türkei damit versehen

In seiner Interpretation ist der Zaun nicht dazu da, um die Flüchtlinge zu stoppen, sondern lediglich, um sie zu den offiziellen Grenzübergängen zu steuern. Dort können sie sich ausweisen, werden registriert und zu einem der Flüchtlingszentren begleitet. Seit Anfang des Jahres haben die bulgarischen Behörden insgesamt 1728 illegale Einwanderer festgenommen. Im Jahr 2013 waren es ganze 11.500. "Es war die Hölle los!", fasst Kommissar Stojanov zusammen.

Bulgarien wird wegen des Zauns immer wieder international kritisiert. Die Einheimischen allerdings haben dafür meistens nur Spott übrig. Der gängige Fazit heißt: Man habe einfach die Eurogelder ausgeben müssen. Die Entscheidung sei weit weg in den oberen Etagen getroffen worden, vor Ort müssten nun die Polizisten die Anlage bedienen und das Volk dürfe ja darüber lästern. "Ich persönlich mag diese Anlage nicht besonders", gibt Kommissar Stojanov zu. Sie sei aber eine erhebliche Entlastung, denn so werde der Druck an der Grenze besser verteilt, so der Grenzbeamte.

Weiter reisen, Richtung Westen

Verfallene Häuser im nahegelegenen Dorf am Zaun - Goljam Dervent (Foto: Ivan Bedrov/DW)

Goljam Dervent - "Eine gottvergessene Gegend"

Der Zaun fängt aus dem Nichts heraus an - und endet im Nichts. Die Erklärung ist aber einfach: Es sind genau die 30 Kilometer, die von der türkischen Seite am besten an das Straßennetz angebunden sind. Auch das Flüchtlingslager bei der türkischen Stadt Edirne ist nicht weit.

Die Anlage macht den Menschenschleusern in der Türkei das Leben schwer. Denn davor hatten sie die Flüchtlinge einfach mit Kleintransportern zur Grenze gefahren und "abgeladen". "Im letzten Winter haben wir mehr als 40 lebensrettende Einsätze machen müssen. Nur dem Herrn im Himmel sei Dank, dass keiner gestorben ist. Es gab ja Babys und Greise darunter", erinnert sich Stojanov.

"Wieso meiden die Flüchtlinge die offiziellen Grenzübergänge?", fragen wir. "Na, ganz einfach. Nach den EU-Regeln müssen die Flüchtlinge in dem ersten EU-Land bleiben, dessen Territorium sie betreten und wo sie als Asylsuchende registriert werden. Das ist dann Bulgarien. Die meisten von ihnen aber wollen weiterreisen, also versuchen sie mit allen Mitteln, das Land illegal zu durchqueren und sich erst in Westeuropa den Behörden zu stellen." Deswegen wird in Bulgarien auch die deutsche Flüchtlingsdebatte sehr interessiert verfolgt.

Etwas Leben im Dorf

Grenzzaun zur Türkei (Foto: Ivan Bedrov/DW)

Drei Meter hoch, 30 Kilometer lang und mit Stacheldraht gespickt

Die Dorfeinwohner von Goljam Dervent und die Bürger von Elhovo haben nur selten einen direkten Kontakt mit den Flüchtlingen. "Oma Pena", eine ältere Frau aus Dervent, hat im vergangenen Jahr einige Flüchtlinge zu sich nach Hause eingeladen. Blätterteigkäsekuchen ("Banitza") habe sie für die Fremden gebacken, dann die Grenzpolizisten geholt. Wer sie waren und wo sie dann gelandet sind, das weiß Oma Pena nicht. "Man kann sie ja gar nicht verstehen. Sie schweigen, und wir schweigen auch."

Für die Einheimischen sind die Flüchtlinge fremde Leute, die hier einfach durchreisen. In Elhovo sind keine Kontakte möglich, denn das Flüchtlingszentrum selbst ist eine "geschlossene Anstalt". Deswegen lästern die hiesigen Bürger weniger gegen die Fremden, als anderswo in Bulgarien. Im Gegenteil: Der Bau der Zaunanlage ist die größte Investition seit Jahren hier, die entsandten Soldaten und Polizisten sorgen für Vollbelegung des einzigen Hotels, der Umsatz der Cafés und der Geschäfte ist gestiegen. "Jetzt ist ein bisschen Leben reingekommen. Es ist ansonsten eine von Gott vergessene Gegend", sagt Maria mit einem Lächeln, während sie die Kaffetassen aufräumt.

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