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Kultur

Grenzverkehr zwischen Ost und West

Europas Grenzen öffnen sich. Das ermöglicht freien Handel. Auch mit der Ware Frau. An der deutsch-tschechischen Grenze boomt der Sextourismus. Die Künstlerin Ann Sofi Sidén hat dazu eine Video-Installation geschaffen.

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Käuflicher Sex ist in Tschechien billiger als in Deutschland

Dubi ist ein heruntergekommenes Städtchen in den tschechischen Bergen, sechs Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, an der E 55, zwischen Prag und Dresden. Dubi ist ein Zentrum des Sextourismus, der sich an den Grenzen zwischen den ehemaligen kommunistischen Staaten und dem westlichen Europa entwickelt hat.

Die Männer kommen in Scharen angereist, denn käuflicher Sex ist in Tschechien viel billiger als in Deutschland, genau wie Benzin, Alkohol und Zigaretten. Hier trifft der reiche Westen auf den verarmten Osten Europas, hier begegnen sich ein absoluter Konsumanspruch und ein totales Angebot.

"Warte Mal!"

Die renommierte schwedische Künstlerin Ann Sofi Sidén, die seit drei Jahren in Berlin lebt, hat monatelang im Rotlichtmilieu an der deutsch-tschechischen Grenze recherchiert. Ihre Video-Installation "Warte Mal!" hat schon in London, Paris und Wien Aufsehen erregt. Seit dem 14.2.04 ist "Warte Mal!" erstmals in Deutschland zu sehen, im Kölnischen Kunstverein.

Vom größten Freiluftbordell Europas erfuhr die Künstlerin Ann-Sofie Sidén eher zufällig. Freunde berichteten ihr von einer Reise nach Bulgarien, und was sie dabei hinter der deutsch-tschechischen Grenze beobachtet hatten. Dass dort überall Mädchen auf der Straße stehen, mitten im Wald. Dieses Bild habe sie nicht mehr losgelassen, erzählt Sidén. "Ich hatte Mühe, mir vorzustellen, dass dort eine Art Massenprostitution vor sich geht, mitten in der Natur."

Ann-Sofie Sidén wollte sich das selbst ansehen, und blieb gleich mehrere Monate in Dubi. Sie redete dort mit Prostituierten, mit Zuhältern, Polizisten, Zimmervermietern, Freiern. Ihre Videokamera hatte sie immer dabei. Heraus gekommen ist eine Videoinstallation mit dem Titel "Warte Mal!". Ein verwirrender Mischmasch von Bildern und Geräuschen umgibt den Besucher, sobald er die Ausstellung betritt.

Grell geschminkte Mädchen im Minirock

An einer langen Wand läuft die Videoprojektion einer Autofahrt, entlang der Fernstraße E55 im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Grell geschminkte Mädchen in Miniröcken stehen mitten auf der Fahrbahn, das Auto wird langsamer, die tschechischen Mädchen rufen auf Deutsch: "Warte Mal!" - eine Einladung zum schnellen Sex gegen Geld.

Entweder gleich hier am Straßenrand, oder in einem der zahllosen Bordelle, zum Beispiel in Dubi. In diesem kleinen Grenzort gibt es seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems kaum noch Arbeit. Deswegen verkaufen viele Frauen ihre Körper an die reiche Kundschaft aus dem Westen.

Ganz normale Leute

Wer sich auf die Installation einlässt, fühlt sich schon bald etwas heimisch in Dubi. Wenn Katja von den verwirrenden Wünschen ihrer Kunden berichtet, oder wenn ein Zuhälter erzählt, dass er eigentlich lieber wieder Kellner wäre, wie früher zu kommunistischen Zeiten, als es noch anständige Arbeit für alle gab, dann wirken die Menschen auf dem Straßenstrich fast wie Nachbarn. Wie ganz normale Leute, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs in eine unglückliche Lage geraten sind und nun versuchen, etwas daraus zu machen.

"Warte Mal!" präsentiert individuelle Lebensgeschichten mit intensiven Höhen, Tiefen, Abgründen, Hoffnungen - und das alles zugleich. In ihrer Vielschichtigkeit wird diese Video-Installation zu einem Symbol einer menschlichen Katastrophe großen Ausmaßes an der geöffneten Grenze zwischen West und Ost, zu einem Symbol extremer geopolitischer Spannungen mitten in Europa.

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