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Sport

Grenzenlos ge- und überfordert

Sport verbindet. Sport überwindet. Und kann deshalb gut dabei helfen, Flüchtlinge zu integrieren. Aber durch ihre Unterbringung in Turnhallen findet oft gar kein Vereinssport mehr statt. Das birgt Gefahren und Chancen.

Kaum 14 Monate in Deutschland, ist Ahmed Ahmed ein Paradebeispiel der Integration. Im Irak als Kriminalpolizist von der IS verfolgt, als einziger von ehemals drei Geschwistern noch am Leben, wollten die Eltern wenigstens ein Kind gerettet wissen. Es folgte die Flucht in die Türkei. Nach Griechenland. Nach Polen. Nach Deutschland.

"Ich mag die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sehr. Deshalb wollte ich hier in das Land kommen und nicht in die Niederlande gehen", erzählt Ahmed in einem erstaunlich guten Deutsch. Doch er wurde weitergereicht. Immer wieder weitergereicht. Von einem Flüchtlingsheim ins nächste. Ohne Perspektive, ohne bis heute ein Lebenszeichen von seinen Eltern erhalten zu haben, wollte er sich das Leben nehmen - mit 14 Schlaftabletten.

Lebensmüde

Der Arzt im Krankenhaus sagte zu Recht, er sei dumm, erzählt der 30-Jährige. Wenn er hätte sterben wollen, dann hätte er auch im Irak bleiben können. "Aber ich war einfach ohne Hoffnung." Bis eines Tages der Sport zu ihm kam. "Ich hörte im Flur einen Ball titschen und war neugierig." Er wurde gefragt, ob er Lust hätte, regelmässig Fußball zu spielen."

Klar hatte er. Fußball hatte Ahmed auch schon im Irak immer gespielt. Jetzt spielt er im Team des SG Egelsbach Refugees United und macht eine Ausbildung als kaufmännischer Angestellter. Ein Leuchtturmbeispiel der Integration - "man findet sie immer im Sport", meint Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie-Magazins, auf einer Sportkonferenz des Radiosenders Deutschlandfunk.

Sport als Allheilmittel?

Sport als kleinster gemeinsamer Nenner. Denn Sport überwindet (Sprach-) Barrieren. Und er vermittelt spielerisch Werte und Regeln. "Wer zweifelt schon an der integrativen Kraft des Sports?" fragt Wolfram Eilenberger rhetorisch. Der Sport als Allheilmittel?

"Der Sport hat eine solche Bedeutung in unserer Gesellschaft angenommen, dass er fast eine Hegemonie hat, dass er den Blick für viele andere Möglichkeiten ausschaltet", gibt Eilenberger zu bedenken. Ob in Schulen oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Immer wenn es um Integration gehe, hieße es: Machen wir doch was mit Sport. "Das ist ein Zeichen der Einfallslosigkeit und der Hilflosigkeit in den Integrationsbemühungen."

Flüchtlingskrise im Vereinssport spürbar

Deutschland Rosenheim Flüchtlinge in Turnhalle

Alltägliches Bild: Flüchtlinge müssen vorerst in Turnhallen schlafen

Der Sport kann viel. Aber eben nicht alles. Vor allem kann er nicht die grundsätzliche Problematik der Massen-Flüchtlingsströme nach Deutschland lösen. Im Gegenteil: Die Unterbringung der Flüchtlinge gefährdet genau das, was den Sport in Deutschland ausmacht - den Vereinssport. 90.000 Vereine sind in Deutschland registriert. Knapp 24 Millionen Deutsche sind dort aktiv.

"Das größte Problem ist derzeit die um sich greifende Zweckentfremdung von Turnhallen, von Sportanlagen. Und damit auch die fehlende Möglichkeit, Sport und Integration zu betreiben", erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann.

Turnhallen sind besetzt

So werden im Bundesland Nordrhein-Westfalen derzeit 400 der 7000 Turnhallen für die Unterbringen von Flüchtlingen benutzt. Davon sind 1000 Vereine betroffen. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen und dem nahenden Winter dürfte die Zahl wohl weiter steigen, auch wenn die Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in NRW, Christina Kampmann, betont, "dass Turnhallen nur Übergangslösungen seien."

Alfons Hörmann

Appell an die Politik: DOSB-Präsident Hörmann

Durch die Belegungen können Sport-Integratonsprojekte gar nicht umgesetzt werden. Zudem fällt der Schulunterricht aus. Und in den Vereinen ist regelmässiges Training oft nicht mehr möglich. In NRW sind bereits 200 Ligaspiele gestrichen worden. "Ein Verein ist in seiner Existenz bedroht, wenn er seinen Mitgliedern keine Sportstätten mehr anbieten kann", beschreibt Ulrich Jeromin vom Stadtsportbund Bochum das Problem. In einigen Vereinen seien in den vergangenen Wochen bis zu 30 Prozent der Mitglieder ausgetreten, weiß Hörmann zu berichten. Menschen, die ihren Lebensunterhalt als Trainer verdienen, verlieren ihre Existenzgrundlage. "Die Gefahr besteht, dass die Stimmung kippt. Die Mitglieder nehmen ihren Frust mit nach Hause und wohin sollen sie mit dem Frust, der zu negativem Gedankengut führen kann", warnt DOSB-Präsident Hörmann.

Kreativität gefordert

Und er appeliert an die Politik: "Die Frage der fehlenden Mittel, sowohl was das Geld als auch die Personalresourcen angeht, stellt mehr und mehr Vereine vor große Herausforderungen und das führt dazu, dass der Sport nicht die volle Kraft entfalten kann, die er im Grunde in sich trägt", so Hörmann.

Derzeit arbeiten 8,6 Millionen Deutsche ehrenamtlich in den Vereinen und tragen zum großen Teil dazu bei, Flüchtlinge mit Hilfe des Sports in Deutschland zu integrieren. So wie Thomas Geiß, Initiator des Projekts SG Egelsbach Refugees United, bei dem Ahmed Ahmed spielt. Trotz der zunehmenden Problematik durch die steigenden Flüchtlingszahlen bleibt er optimistisch. "Wir müssen kreativ sein." So bietet sein Verein beispielsweise Mitternachtsfußball an, der auch öfter mal bis zwei Uhr in der Früh gehe. "Die Flüchtlingsproblematik ist auch eine Chance für uns, auch mal anders zu denken."

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