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Kultur

Grenzenlos frei? Roma tanzen gegen Klischees

Roma sind die größte ethnische Minderheit in Ungarn. Häufig werden sie ausgegrenzt oder brutal verfolgt. Ein Tanzexperiment der Choreografin Constanza Macras will jetzt mit Vorurteilen aufräumen.

"There's a fire starting in my heart, reaching a fever pitch and it's bringing me out the dark.“ So lautet eine Zeile aus dem Song "Rolling in the Deep“ der britischen R&B Sängerin Adele. Auf Deutsch: "In meinem Herzen entzündet sich ein Feuer, die Fieberkurve steigt und führt mich aus der Dunkelheit.“ Laut rockt die Musik aus den Boxen einer Budapester Studiobühne, inmitten eines stillgelegten Fabrikgeländes. Dazu biegt ein Tänzer seinen Körper in bester Disco-Manier, so wie einst John Travolta. Ádám Horváth heißt der Tänzer, rot gefärbte Punkfrisur, Piercings in der Lippe und geschätzte 120 Kilo schwer, aber die bewegt er elegant und mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Ádám ist ungarischer Roma und einer von 12 Amateurtänzern, allesamt Roma aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei, die hier gemeinsam mit Profis ein Tanzstück erarbeiten. "Open for Everything“ – "Offen für alles“ – heißt das Projekt. Der Name ist Programm, denn die international renommierte Choreografin Constanza Macras entwickelt im Tanzlabor gemeinsam mit Roma-Tänzern und -Musikern sowie ihrer Compagnie DorkyPark eine künstlerische Annäherung an die Kultur der Roma.

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Heimatlos? - Ein Tanzprojekt mit Roma in Budapest

Ein nicht ganz einfaches Projekt sei das, sagt Macras. "Die Kultur der Roma ist nicht leicht zugänglich, selbst wenn ich sie Jahre studieren würde, wäre ich kein Teil von ihr.“ Sie nimmt einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche und signalisiert den Tänzern mit einer Handbewegung, noch mehr aus sich heraus zu gehen. Ádám wirft sich in einen Spagat. Für Constanza Macras steht vor allem die kulturelle Identität der Roma, aber auch die gegenseitige Annäherung im Mittelpunkt. "Eines der Vorurteile, das ich immer wieder über Roma höre, ist, dass sie skrupellos seien und stehlen würden“, sagt Macras. Das ist für sie ebenso Unsinn wie die Vorstellung, die Roma seien ein fahrendes Volk. Tatsächlich leben die meisten von ihnen seit vier Generationen sesshaft an einem Ort und sind doch nicht integriert in die Mehrheitsgesellschaft.

Verfolgt und bedroht in Europa

Die Geschichte der Roma ist seit Jahrhunderten überschattet von Ausgrenzung und Verfolgung. Bis zu einer halben Million Sinti und Roma sind während des Terrorregimes der Nationalsozialisten ermordet worden, doch dieser Genozid wird bis heute aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Pauschale Ängste der Mehrheitsgesellschaft vor dem vermeintlich "unehrenhaften Volk“ wirken auch in der Gegenwart. Vor allem in den neuen Mitgliedsstaaten der EU in Mittelosteuropa, wo im Verhältnis viele Roma leben, werden ihnen elementare Grund- und Menschenrechte vorenthalten. Sie sind benachteiligt bei den Bildungschancen, im Gesundheitssystem und bei der Arbeitssuche. Angesichts großer ökonomischer Spannungen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 in der Region zugenommen haben, entlädt sich regelrechter Hass gegen sie. Manchmal subtil, doch in Ungarn häufig offen und brutal. 2009 wurden hier in einer rassistisch motivierten Mordserie 11 Roma getötet. Immer wieder machen paramilitärische Bürgerwehren Jagd auf Roma. Vor einem Jahr eskalierte die Bedrohung im Dorf Gyöngyöspata, das Rote Kreuz evakuierte über 250 Roma - Frauen und Kinder - aus dem Ort.

"Wir haben hier keine Zukunft mehr“, sagt Ivan Rostás. Einer seiner Söhne wäre lieber irgendwo in Europa obdachlos als in Ungarn um sein Leben fürchten zu müssen. Der 58-jährige Rostás ist Lehrer und gehört zur gebildeten Roma-Mittelschicht. Wie zwei seiner Söhne und seine 11-jährige Enkelin Rebeka ist er Teil des Ensembles. Ein bisschen wird er tanzen, aber eigentlich will er Geschichten erzählen, in der Tradition seiner von mündlichen Erzählungen geprägten Kultur. Er will ein Stück seiner sonst verborgenen Welt an die Menschen in Europa weitergeben. Mythen über verehrte Ahnen, die während Begräbnissen erzählt werden, aber auch Geschichten von jungen Roma Mädchen, die von ihren Vätern bis heute als Bräute verkauft werden dürfen. Eigentlich wünscht sich Rostás nichts sehnlicher, als als Europäer anerkannt zu werden. "Aber unsere Stimmen werden nicht gehört, keiner nimmt uns wahr.“

Den Blick öffnen

Constanza Macras Stück ist ein Versuch, einen Dialog in Gang zu setzen und eine Auseinandersetzung mit Stereotypen anzuregen. Die Idee dazu hatte das Goethe Institut Prag bereits 2009. "Wir haben bewusst den Tanz gewählt, weil Tanz eine universelle Sprache ist, die überall verstanden wird. Diskursive Bildungsprojekte sind in der Vergangenheit oft gescheitert“, sagt Heinrich Blömeke, Leiter des Goethe Institutes Prag. Ganz bewusst habe man sich für Constanza Macras entschieden, weil ihr Ansatz darin läge, über den Tanz gesellschaftliche Strukturen offen zu legen. Über Monate reisten Macras und Goethe-Mitarbeiter durch die Roma- Ghettos der Slowakei, Tschechiens und Ungarns auf der Suche nach geeigneten Sängern und Tänzern.

Bislang hat das Stück erst grobe Konturen. Sechs Wochen haben die Tänzer und Sänger, Profis wie Amateure, bisher gemeinsam in Budapest geprobt. Weitere sechs Wochen in Berlin werden folgen. "Wir inspirieren uns hier gegenseitig“, erzählt Iveta Millerová, eine Roma aus Tschechien, die im Stück tanzt und singt. Die resolute Frau mit großen, schwarzen, hellwachen Augen ist Sozialarbeiterin und kennt die Probleme der Roma. Hier will sie nicht darüber sprechen. Es gehe um den Tanz "und nicht darum, Mitleid zu erregen.“ Besonders freut sie, dass Constanza Macras Roma-Lieder, die sie und eine andere Sängerin vorgetragen haben, sofort ins Stück integriert hat. Genauso wie typische Roma-Tänze – gemixt mit Elementen des modernen Tanzes. Wie das Stück aussehen wird? Iveta Millerová lacht. "Wir sind mitten in den Proben, keiner weiß das bisher.“

Alptraum ohne Gerechtigkeit

Für Choreografin Constanza Macras ist die Arbeit mit der gemischten Truppe eine Gratwanderung. Bei vielen ihrer Roma-Tänzer spürt sie die tief sitzenden Verletzungen und Traumata aus den alltäglichen Erfahrungen mit Diskriminierung und Gewalt. Umso mehr freut sie, dass die meisten sich nach und nach für diese neue Erfahrung öffnen. "Für die sinnlosen Morde gibt es keine Worte, und auch ein Tanzstück kann das nicht ausdrücken“, sagt Macras. Das sei ein Alptraum ohne Gerechtigkeit. Und sie will nicht, dass er verschwiegen wird. Die Choreografin ist sich bewusst, in einem delikaten Umfeld zu arbeiten: "Meine größte Angst ist es, bevormundend zu wirken, oder dass die Zuschauer mir vorwerfen, nicht politisch genug zu sein.“

Die erste Feuerprobe ist eine öffentliche Probe in Budapest. Es gibt Hip Hop-Einlagen, jede Menge Raufereien zu schnellen Roma Songs, Tango- und Flamenco-Elemente und dazu viele Koffer und Kleidungsstücke, die scheinbar wahllos getauscht werden. Die Fragmente werden von den etwa 50 Zuschauern frenetisch beklatscht, doch bei der anschließenden Diskussion kritisiert ein älterer Ungar, er habe "Gypsies gesehen, die feiern und die sich prügeln. Was das mit der Roma-Kultur zu tun hat?“

Macras nimmt die Kritik gelassen: "Man sieht in einem Stück, was man sehen will. Es sagt mehr über die eigene Sichtweise und reflektiert nicht das Stück.“ Aber noch ist ja alles offen. Ab Mai wird "Open for Everything“ auf Europa Tournee gehen. Premiere ist bei den Wiener Festwochen. Die Macher hoffen, Klischees zu brechen, den Roma eine Stimme zu geben.

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