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Kultur

Grenzen testen

Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" wird in Deutschland seit 1985 nicht mehr aufgeführt. Es sei antisemitisch, sagte der Zentralrat der Juden. Nun wird es neu inszeniert - und sorgt für Verstimmung.

Szene aus 'Der Müll, die Stadt und der Tod' (Foto: dpa)

Mord, Sex und Perversion: Szene aus Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod"

Vieles hat der Schriftsteller und Regisseur Rainer Werner Fassbinder mit seinen sozialkritischen Stücken und Filmen in Bewegung gebracht. Bereits zu Lebzeiten testete er Grenzen aus und überschritt sie bisweilen auch, etwa mit dem Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", das er 1975 schrieb. Jetzt sorgt das Stück erneut für Kontroversen und Fassbinder ist, 27 Jahre nach seinem Tod, in aller Munde.

Regisseur Roberto (Foto: picture-alliance/KPA)

Regisseur Roberto Ciulli: "Autonomie der Theaterkunst"

Das in Teilen als antisemitisch kritisierte Stück wird definitiv am 1. Oktober am Theater Mülheim/Ruhr trotz aller Proteste wieder aufgeführt werden. Das betonten am Sonntag der Intendant und Regisseur Roberto Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer vor mehreren hundert Zuhörern auf einer Matinee. Für ihn sei es kein antisemitisches Stück, sondern eines, "das den Antisemitismus thematisiert", so Ciulli.

Ein Jude als Mörder

Der Müll, die Stadt und der Tod, von Rainer Werner Faßbinder (Foto: Andreas Köhring)

Szene aus "Der Müll, die Stadt und der Tod"

Worum geht es eigentlich in "Der Müll, die Stadt und der Tod"? Das Stück erzählt von der fiktiven lungenkranken Hure Roma B., deren Stammkunde - ein reicher Jude - Bau- und Grundstücksspekulant ist. Der ebenfalls fiktive Spekulant benutzt die Prostituierte als Werkzeug seiner Rache nach dem Holocaust, denn ihr Vater war an der Judenvernichtung der Nationalsozialisten im Dritten Reich beteiligt. Mord, brutale Homosexualität, sexuelle und psychische Perversion sind Elemente des Theaterstücks sowie die von der Polizei vertuschte Ermordung der Prostituierten durch den Juden.

Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer (Foto: dpa)

"Die Inszenierung ist gescheitert": Stephan J. Kramer

Während Intendant Ciulli die "Autonomie der Theaterkunst" beschwört, werden beim Zentralrat der Juden in Deutschland Erinnerungen an das Jahr 1985 wach. Damals hatte der frühere Präsident, Ignatz Bubis, die deutschsprachige Uraufführung in Frankfurt am Main verhindert. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt stürmten seinerzeit in Kostümen von KZ-Häftlingen die Bühne des Theaters am Turm. Sie wehrten sich gegen die Fassbindersche Inszenierung, in der ein Jude als Mörder dargestellt wird. Eine Vorstellung, die nicht in die Gedankenwelt vieler Juden passte, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende der Naziherrschaft.

Zentralrat der Juden fordert Verzicht

Und wie ist es heute? Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland und der örtlichen Jüdischen Gemeinde Duisburg/Mülheim haben sich die Mülheimer Inszenierung von Roberto Ciulli in der vergangenen Woche angeschaut. Es sei ein "konstruktives Gespräch" über das Stück und die Bühnenfassung geführt worden, so der Intendant. Anders, weil detaillierter, klingt das, was Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, zur Proben-Aufführung sagte: der Regisseur sei mit seinem Versuch gescheitert, im Rahmen der Neuinszenierung einen mahnenden Charakter gegen Antisemitismus und die Verbreitung von Klischees und Vorurteilen gegenüber Juden aus dem Fassbinder-Stück zu gewinnen. Aus Respekt vor den Überlebenden des Holocaust und den Millionen von Toten sollte auf die Aufführung des Stücks verzichtet werden, forderte Kramer.

Theater verweist auf andere Inszenierungen

Das aber wird, nach Ciullis Aussage, definitiv nicht geschehen, denn Fassbinders umfängliches Werk liege zu Unrecht im Schatten antisemitischer Vorwürfe. Außerdem sei "Der Müll, die Stadt und der Tod" schon in den USA, in Israel, in Amsterdam, Mailand, Paris und Kopenhagen aufgeführt worden. Im Mülheimer Theater wird es allerdings eingebettet in zwei andere Inszenierungen Fassbinders und ist somit Teil eines insgesamt gut dreistündigen Theaterabends.

Grenzen ausloten?

Rainer Werner Fassbinder (Foto: AP)

Kultregisseur Fassbinder

Bleibt allerdings die Frage, warum ausgerechnet das Theater an der Ruhr dieses Stück aufführt, war es doch bisher eher dafür bekannt, auf das Thema Völkerverständigung zu setzen. Die mehrfach ausgezeichneten Inszenierungen Ciullis tourten in vielen Ländern zwischen Deutschland, über den Nahen Osten bis nach China. Warum also jetzt ein Stück, das spaltet, statt versöhnt? Will man mit einem provozierten Skandal die Besucherzahlen steigern? Oder wollen Regisseur Roberto Ciulli und Dramaturg Hartmut Schäfer einfach nur im Sinne Fassbinders Grenzen ausloten? Vermutlich wird der Zentralrat der Juden in Deutschland bei dieser Grenzziehung ein gewichtiges Wort mitreden.

(epd/dpa/ap/KK)