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Wirtschaft

Grenzüberschreitungen bei Spargelbauern

Die Bundesanstalt für Arbeit setzt auf Reformtempo: Vorstandsmitglied Alt kündigte an, Arbeitslose verstärkt in die Landwirtschaft zu vermitteln. Doch die Bauern wollen lieber ihre bewährten Helfer aus Osteuropa.

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Anlass für Diskussionen: Polnische Helfer bei der Spargelernte

"Sie sind zuverlässig, pünktlich und machen ihre Arbeit gut", sagt Spargelbauer Heinz-Wilhelm Hecheltjen über seine 13 Erntehelfer aus Osteuropa. Die Arbeitskräfte hätten noch ein anderes Verhältnis zu Nahrungsmitteln als die Westeuropäer, viele seien das Arbeiten im Garten oder der Landwirtschaft gewohnt. Ganz anders die Deutschen, die ihm das Arbeitsamt ab und zu schicke: "Die meisten kommen erst gar nicht", sagt Hecheltjen. Ein 23-Jähriger habe zwar mal den Weg zu ihm geschafft, dann aber entschieden, dass das Bücken nichts für seinen Rücken sei.

"Lächerlich" nennt der Bauer deswegen den Vorschlag des Vorstandsmitglieds der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, Langzeitarbeitslose quasi zwangsweise bei der Ernte einzusetzen. "Der Einsatz für rund 40 Tage beim Bauern kann doch nicht die Probleme am Arbeitsmarkt lösen", sagt Hecheltjen und will lieber weiter mit seinen Osteuropäern arbeiten. Auch der Präsident des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, hatte erklärt, dass die Mehrheit der einheimischen Erntehelfer unzuverlässig sei, während die Bauern mit ausländischen Kräften immer positive Erfahrungen gemacht hätten.

Zahl der Saisonkräfte steigt

Spargelernte in Beelitz

Viel Arbeit in Bellitz in der Nähe von Berlin: Hilfe bei der Ernte kommt aus Osteuropa.

Knapp 300.000 Erntehelfer aus Osteuropa - zu 90 Prozent aus Polen - waren im vergangenen Jahr in Deutschland im Einsatz. "Die Zahlen sind kontinuierlich gestiegen", sagt der Sozialreferent des Deutschen Bauernverbandes, Burkhard Möller. 1998 seien es nur 195.000 osteuropäische Erntehelfer gewesen. Die Osteuropäer haben eine Arbeitserlaubnis als Saisonkräfte, in der Regel wird vorher überprüft, ob nicht Deutsche für die Arbeit zur Verfügung stehen. Das ist oft überflüssig, denn: "Deutsche melden sich aber meist überhaupt nicht", weiß Bauer Hecheltjen aus Erfahrung.

Der Einsatz von Helfern aus dem Osten reicht weit zurück. Schon 1873 hieß es in einer Zeitung über den Einsatz von polnischen Knechten im Kreis Ludwigshafen: "Die Leute sind kräftig, genügsam und fleißig (...), greifen tüchtig zu und geben unseren verwöhnten Arbeitern, die zwar viel fordern, aber wenig leisten wollen, ein beschämendes Beispiel."

Skeptische Stimmen

In der BA wird der Vorstoß Alts nach der heftigen Kritik der Bauern allerdings etwas relativiert. "Wenn wir unmotivierte Arbeitslose vermitteln, könnte für den Arbeitgeber wirtschaftlicher Schaden entstehen, und das will die BA nicht", sagt BA-Pressereferentin Ilona Mirtsin. Deswegen plädiert sie für ein Vorgehen "mit Augenmaß", auch wenn es nach den neuen gesetzlichen Regelungen zu Hartz IV theoretisch möglich wäre, etliche Langzeitarbeitslose zum Ernteeinsatz zu verpflichten. Ziel müsse sein, die Arbeitslosen für ihre Jobs zu motivieren.

Eine Frage der Bezahlung

Besuch beim Arbeitsamt

Werden auf den Arbeitsämtern bald Langzeitarbeitslose zum Ernteeinsatz verpflichtet?

Sozialreferent Möller argumentiert ähnlich: "Wenn es egal ist, ob ich gut oder schlecht arbeite, weil keine Chance auf einen Dauerarbeitsplatz besteht, woher soll da die Motivation kommen?" Auch gingen Deutsche nicht gerne für die rund fünf Euro, die durchschnittlich gezahlt würden, arbeiten, sagt Möller. "Es ist eine Frage der Bezahlung", sagt auch Theo Olligschläger aus Moers. Der Spargelbauer beschäftigt zur Erntezeit vier Osteuropäer und zwanzig Deutsche und zahlt sieben Euro fünfzig die Stunde. Bei dem guten Lohn finde man auch Deutsche, die gut arbeiteten, ist Olligschläger überzeugt. Matthias Dittmann, Gesamtvorsitzender des Arbeitslosenverbandes Deutschland, hat dann nichts gegen den Einsatz von Arbeitslosen als Erntehelfer, wenn "die Löhne angemessen sind". Für angemessen hält er einen Stundenlohn von sieben Euro fünfzig durchaus. "Bei dem Lohn wäre ich durchaus dafür, dass auch Akademiker zum Einsatz vermittelt würden", sagt Dittmann.

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