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Kultur

Greise und nicht weise

Am 22. August wird sie 100: Kurz vorher hat sich Leni Riefenstahl mit einem neuen Film zurückgemeldet. An dem umstrittenen Ruf der Regisseurin wird das nichts ändern.

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Bereut nichts: Leni Riefenstahl

Die deutsche Regisseurin Leni Riefenstahl ist bis heute umstritten, vor allem wegen ihrer Dokumentarfilme über den Parteitag der Nationalsozialisten (1934) und die Olympischen Spiele von 1936. Kritiker werfen ihr vor, sie habe sich mit viel politischer Naivität für die Zwecke der Nationalsozialisten einspannen lassen. Am 22. August 2002 wird sie 100 Jahre alt.

Unpolitische Korallenriffe

Nach fast 50jähriger Schaffenspause hat Riefenstahl nochmals einen Film fertig gestellt. Damit ist sie die wohl älteste aktive Regisseurin. In einer 45-minütigen Dokumentation mit dem Titel "Impressionen unter Wasser" hat sie Material von Unterwasserexpeditionen aus rund 30 Jahren montiert.

Der überlange, mit Giorgio-Moroder-Synthie-Symphonien unterlegte Chill-Out-Videoclip über die bunte tropische Unterwasserwelt ist einfach eine wirkungsvolle Montage ästhetischer Bilder – darin unterscheidet er sich nicht viel von ihren Olympiafilmen. Diesmal allerdings, in einem fast rührend-betulichen Vorwort der Regisseurin, sind die schönen Bilder mit dem Anliegen verknüpft, die Korallenriffe der Welt zu retten. Doch nicht erst mit ihrem jüngsten Werk rückt die Regisseurin wieder in das öffentliche Bewusstsein.

Unverkrampfter Umgang oder Verdrängung?

Eine regelrechte Riefenstahl-Renaissance erleben wir schon seit einigen Jahren. Es werden Ausstellungen gezeigt und neue Biografien veröffentlicht. Dabei deutet sich ein neuer Umgang mit der Regisseurin an: Weniger verkrampft, wie die einen meinen: Heute scheint es normal, dass der öffentlich-rechtliche Kulturkanal "arte" der Regisseurin einen Themenabend widmet und eine Auswahl ihrer Filme als Videoedition herausbringt. Kritiker sprechen hingegen von "Verdrängung". Sie kritisieren die Fotografin und Filmemacherin für ihren naiven Umgang mit der eigenen, der Nazi-Führung eng verbundenen Vergangenheit.

Leni Riefenstahl wollte ursprünglich Tänzerin werden. 1902 in eine Handwerkerfamilie in Berlin geboren, musste sie sich früh gegen den von ihr als Despoten bezeichneten Vater durchsetzen. Gegen dessen Wunsch absolvierte sie erfolgreich eine Tanzausbildung. Als eine Knieverletzung sie zur frühen Aufgabe dieses Berufs zwang, wandte sie sich mit Leidenschaft dem Bergsteigen und dem Film zu: Nach mehreren Rollen in den Bergfilmen Arnold Fancks inszenierte sie 1932 mit "Das blaue Licht" ihren ersten Film.

Kritikloser Schönheitsfanatismus

Filmemacherin Leni Riefenstahl Mai 1945

Leni Riefenstahl 1945

Während der Anfänge als Regisseurin entdeckt sie ihre Faszination für Adolf Hitler. Die bleibt nicht unerwidert. Weil der Diktator von ihrem Debütfilm angetan ist, kommt es zu einer ersten Zusammenarbeit. Riefenstahl soll einen Dokumentarfilm über den NS-Parteitag 1934 drehen - eine Aufgabe, die sie mit "Triumph des Willens" engagiert erfüllt. Das nächste Filmprojekt wartet bereits: 1936 dokumentiert sie die Olympischen Spiele in einem bis dahin einmaligen Stil - ohne Handlung, aber mit dramatisierendem Schnitt und Musikeinsatz. Damit macht sie sich endgültig zur größten Propagandafilmerin der Nazis. Sie gilt seitdem als Mitbegründerin einer spezifischen NS-Ästhetik.

Die Finanzierung ihrer heroischen Dokumentarfilme durch Partei und Staat, ihr Einsatz als Kriegsberichterstatterin, die Zwangsverpflichtung von Sinti und Roma für ihre Dreharbeiten zu "Tiefland" ab 1940 - das alles ist längst historisch dokumentiert. Dennoch will oder kann sich die Filmemacherin bis heute nicht von ihren Auftragswerken distanzieren; sie reklamiert für sich einen ebenso speziellen wie unpolitischen Film-Stil. Mit ihrer Selbstinszenierung als Künstlerin ohne politisches Wissen oder Intentionen leugnet sie jede Verantwortung für die Wirkung der Bilder, die sie geschaffen hat. Sinnlos erscheint vor dem Hintergrund eine Diskussion darüber, ob Riefenstahl Propagandafilme gemacht hat oder einfach "nur" Künstlerin war: Das eine schließt das andere nicht aus.

Karriereende in Depression

Das Ende ihrer Karriere als Filmemacherin nach 1945 ist begleitet von Depressionen - und vom Festhalten an dem letzten Projekt aus ihrer "guten Zeit": "Tiefland" erlebt 1954 in Cannes noch seine Uraufführung, nachdem Riefenstahl 1953 offiziell entnazifiziert worden war. Sie wurde damals als "Mitläuferin" eingestuft. Darauf bezieht sie sich bis heute, sie habe zudem "1934 nicht geahnt, was kommen würde".

Mit ihrer "unpolitischen" Haltung hat Riefenstahl alle Vorwürfe und Prozesse ausgesessen. Wollte man aufgrund ihres Alters ein bißchen Nachsicht walten lassen - und selbst wenn noch ein bißchen Einsicht von ihrer Seite käme - Riefenstahl muss klar sein: Ihr Ruf ist und bleibt ruiniert.

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