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Deutschland

Gregor Gysi: Anwalt mit Redegewalt

Gregor Gysi kann die Politik nicht lassen - trotz Herzinfarkt und Hirn-Operation. Er ist und bleibt das Zugpferd der PDS. Sein Talent als Redner ist unbestritten, selbst unter Kritikern genießt er Sympathien.

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In Ostdeutschland populär

Gysis Entscheidung fiel nach langen Gesprächen mit Freunden und seiner Familie. Anfang Juni beendete der 57-jährige seine Auszeit aus der Politik. Er kündigte an, er werde im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick für die PDS antreten. Das Leben als Anwalt und Publizist war ihm vielleicht doch zu langweilig. Als offizielle Gründe gab er an, er wolle seiner Partei helfen, wieder auf die Beine zukommen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Partei Umfragen zufolge gerade mal bei vier Prozent. Außerdem hatte ihn sein langjähriger Freund, der PDS-Parteichef Lothar Bisky, eindringlich darum gebeten, wieder in die Politik einzusteigen.


Gregor Gysi, PDS

Gregor Gysi auf dem PDS-Parteitag 2002 in Münster. In einer schonungslosen Abrechnung mit seiner Partei sagte Gysi der PDS das politische Aus vorher.

Wie wichtig der charismatische Politiker für seine Partei ist, zeigte sich zum Beispiel im Jahr 2000. Damals hatten sich Gysi und Bisky aus der Parteispitze verabschiedet, die Partei geriet in Turbulenzen. 2002 konnte Gysi zunächst einen großen Erfolg verbuchen: Mit ihm an der Spitze bildete

die Berliner PDS im Januar 2002 den ersten rot-roten Senat in der Hauptstadt. Doch die Freude währte nur kurz. Gysis Bild als Vorzeige-Sozialist bekam wegen seiner Verwicklung in die Bonusmeilen-Affäre des Bundestags kurzfristig Kratzer. Gysi trat als Wirtschaftssenator zurück.

Gysi setzt auf das Linksbündnis

Gysis erneuter Rückzug verhagelte der PDS auch gründlich die Bundestagswahl 2002. Sie scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und ist seitdem nur mit zwei direkt gewählten Abgeordneten im Bundestag vertreten. Jetzt will Gysi wieder in den Bundestag zurück und setzt dabei ganz auf das Bündnis mit der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG).

Vehement hat Gysi in der eigenen Partei für das neue Linksbündnis gekämpft. Die PDS dürfe sich die historische Chance nicht entgehen lassen, von der ostdeutschen Regionalpartei zur gesamtdeutschen Linken aufzusteigen, lautet sein Argument. "Ost und West gehen zusammen, um diese Gesellschaft wieder anders zu organisieren", sagte er einmal auf einer Veranstaltung.

Beliebter Politiker im Osten

Der ehemalige SPD-Vorsitzende und jetzige WASG-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine hatte die Zusammenarbeit wiederholt offeriert. Nachdem Lafontaine nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai ungefragt anbot, er würde für ein Linksbündnis von PDS und WASG für den Bundestag kandidieren, begannen die Parteien zu verhandeln. Und die Chancen stehen gut für das neue Linksbündnis. Es ist zum Sammelbecken vieler enttäuschter Wähler geworden - vor allem im Osten. Zwischenzeitlich konnte sich das neue Linksbündnis aus PDS und WASG dort in der Wählergunst vor die Union schieben.


Gregor Gysi und Oskar Lafontaine

Alte Bekannte. Gysi und der zurückgetretene Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD) im März 2001 in Berlin bei der Vorstellung des Gysi-Buchs "Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn"


Gysi ist bereit, sich erneut dem Stress des Jobs des Berufspolitikers auszusetzen. Allerdings bleibt der Schatten seiner schweren Krankheiten, die er durchleiden musste. Erst war es ein Herzinfarkt, dann Ende vergangenen Jahres eine Gehirnoperation.

Das der promovierte Jurist aber Durchhaltevermögen besitzt, hat er mehrfach bewiesen. Nicht zu Unrecht ist er als politisches Stehaufmännchen beschrieben worden. Gysi hat 1989 das Ende der SED und die Wende zur PDS gemeistert. Später überstand er als Star der Linkssozialisten scheinbar mühelos massive Stasi-Vorwürfe, Rote-Socken-Kampagnen und die Rücktritte als Fraktionschef im Bundestag und als erster Berliner PDS-Wirtschaftssenator. Sein vorübergehender Rückzug ins Privat- und Berufsleben als Rechtsanwalt änderte nichts daran, dass der brillante Redner der beliebteste PDS-Politiker blieb.

Unauffällige DDR-Vergangenheit

Gysi, am 16. Januar 1948 in Berlin geboren, trat politisch in der DDR nie groß in Erscheinung. SED-Mitglied wurde er 1967. Nach dem Fall der Mauer wendete er die DDR-Staatspartei SED durch Bruch mit der stalinistischen Vergangenheit in die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Stasi-Vorwürfe kamen von DDR-Bürgerrechtlern. Sie vermuteten, dass ihr früherer Anwalt mit dem Mielke-Ministerium zusammengearbeitet hatte. Gysi hatte stets dementiert.

Mit seiner Kandidatur bei einer neuen Bundestagswahl will Gysi offensichtlich wieder einen neuen Lebensabschnitt eröffnen. Mit einem gemeinsamen Auftritt von PDS und WASG bei der möglichen Bundestagswahl im Herbst wird nach seiner Meinung ein Beitrag zur "europäischen Normalisierung" geleistet. In fast allen europäischen Ländern gebe es eine Kraft links neben der Sozialdemokratie, sagt der PDS-Spitzenpolitiker. "Jetzt haben wir die Chance, das zu realisieren." (stl)