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Deutschland

Graumann zum Nachfolger Knoblochs gewählt

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Dieter Graumann zum neuen Präsidenten gewählt. Der 60-Jährige hat als erster Vorsitzender den Holocaust nicht selbst erlebt. Nun will er "frischen Wind" in das Gremium bringen.

Der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Dieter Graumann (Foto: dpa)

Der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Dieter Graumann

Das Präsidium des Zentralrats wählte den bisherigen Vizepräsidenten Dieter Graumann am Sonntag (28.11.2010) in Frankfurt am Main zum Nachfolger der 78-jährigen Charlotte Knobloch, die nach vierjähriger Amtszeit nicht mehr kandidierte.

Charlotte Knobloch, die scheidende Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (Foto: AP)

Verzichtete auf erneute Kandidatur: Charlotte Knobloch

Er sei "bewegt und berührt", sagte Graumann nach seiner Wahl, die - bei Enthaltung des Gewählten - ansonsten einstimmig erfolgte. Graumann dankte Knobloch ausdrücklich für ihre Arbeit. Sie habe sich "große Verdienste" um den Zentralrat der Juden in Deutschland erworben.

Dem Führungswechsel waren Unstimmigkeiten innerhalb des Zentralrats vorausgegangen. Mehrfach war am Führungsstil von Knobloch Kritik geübt worden. Im Februar kündigte Knobloch dann ihren Verzicht auf eine weitere Kandidatur an.

Graumanns Amtsübernahme ist Zäsur

Graumann sagte nach seiner Wahl an, er wolle "frischen Wind" in den Zentralrat bringen und "Impulsgeber" für gesellschaftliche Debatten sein. Die jüdische Gemeinschaft stehe vor großen Herausforderungen. Pluralität sei die "neue jüdische Normalität" in Deutschland, sagte Graumann vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen Jahren Tausende jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. Es gelte, politische Aufspaltung zu verhindern und die nächste Generation an das Judentum heranzuführen.

Graumann nach seiner Wahl am 28.11.2010 vor Journalisten (Foto: dpa)

Graumann will "frischen Wind" in den Zentralrat bringen

Der 1950 in Israel geborene Graumann ist der erste Präsident des Rats, der die systematische Verfolgung der Juden während des Nationalsozialismus nicht selbst erlebt hat. Deshalb gilt seine Wahl als Zäsur für den Zentralrat. Er ist der Sohn osteuropäischer Holocaust-Überlebender. Mit seinen Eltern kam er als Kind nach Deutschland und lebt seither in Frankfurt. Er studierte Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft und arbeitete anschließend zunächst bei der Deutschen Bundesbank. Derzeit betreibt er in Frankfurt eine Liegenschaftsverwaltung. In der dortigen Jüdischen Gemeinde sitzt er seit 1995 im Vorstand. Seit 2001 ist er Präsidiumsmitglied des jüdischen Zentralrats. Vor vier Jahren wurde er Vizepräsident. Graumann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Gratulation aus Politik und Kirchen

Glückwünsche für Graumann gab es nach seiner Wahl sowohl von den christlichen Kirchen in Deutschland als auch aus der Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte die Leidenschaft und den hohen Einsatz Graumanns für das jüdische Leben in Deutschland. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) gratulierte dem neuen Präsidenten "auf das Allerherzlichste". Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nannte die Wahl Graumanns eine Zeitenwende für den Zentralrat. Von Graumann sei eine "neue, eine erweiterte Perspektive" zu erwarten.

Auch der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, gratulierte Graumann. Er sei zuversichtlich, dass der "katholisch-jüdische Dialog in ehrlicher und konstruktiver Weise" weitergeführt werde, erklärte Zollitsch. Für die Evangelische Kirche in Deutschland gratulierte Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider dem neuen Zentralrats-Präsidenten.

Korn und Schuster zu Stellvertretern gewählt

Ein Rabbiner in einer Berliner Synagoge (Foto: dpa)

"Jüdische Gemeinschaft steht vor großen Herausforderungen"

Bei den Beratungen wurden auch die zwei Vizepräsidenten gewählt: Der 67-jährige Salomon Korn aus Frankfurt wurde im Amt bestätigt, neu gewählt wurde Josef Schuster, 56 Jahre alt, aus Würzburg. Auch die Wahl der beiden Stellvertreter sei einstimmig gewesen, berichtete Graumann.

Graumann ist der siebte Präsident des 1950 gegründeten Zentralrats der Juden in Deutschland. Seine Vorgänger waren Heinz Galinski, Herbert Lewin, Werner Nachmann, Ignatz Bubis, Paul Spiegel und als erste Frau die in München lebende Knobloch.

Der Zentralrat repräsentiert 23 jüdische Landesverbände und 108 Gemeinden mit insgesamt rund 105.000 Mitgliedern in Deutschland.

Autorin: Ursula Kissel (dpa, dapd, rtr, afp, epd, kna)
Redaktion: Reinhard Kleber

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