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Asien

Graues China

Weil der Smog in Chinas Großstädten Überhand nimmt, meiden ausländische Touristen das Land als Reiseziel. Die ausufernde Umweltverschmutzung hält die gesamte Wirtschaft im Würgegriff, findet DW-Kolumnist Frank Sieren.

Jetzt bekommt China also die Quittung für seine verpestete Luft. Weil der Smog in den Metropolen immer dichter wird, bleiben viele Touristen aus dem Ausland weg. Rund drei Millionen weniger Reisende als im Vorjahr sind 2013 ins Reich der Mitte gekommen. Das berichten selbst staatliche chinesische Stellen. Besonders hart trifft es Peking: Die Hauptstadt verlor binnen eines Jahres über zehn Prozent seiner Besucher aus dem Ausland.

Dieser Einbruch kann eigentlich niemanden überraschen. Vergangenen Winter machte die Stadt fast täglich weltweit negative Schlagzeilen, weil die Smogwerte immer neue Rekordhöhen erreichten. Die Feinstaubbelastung lag bis zum Vierzigfachen über dem maximalen Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation.

Imagekampagnen helfen nicht mehr

Die Touristen haben die Bilder von vermummten Chinesen in grauem Dunst längst abgespeichert und machen einen weiten Bogen um China. Da hilft Peking auch keine schnelle Imagekampagne mehr. Zumal das Großreich von Nachbarländern umgeben ist, die sich gerne um die flüchtenden Touristen kümmern. Russen, die sich bisher gerne am Strand der südchinesischen Insel Hainan bräunten, zieht es mittlerweile eher nach Vietnam oder Thailand, so die offizielle Tourismus-Kommission der Regierung. Und ausgerechnet Taiwan erzielte im vergangenen Jahr einen neuen Besucherrekord und konnte in seiner Tourismusbranche über 9 Milliarden Euro umsetzen. Eigentlich sollte der internationale Tourismus dazu beitragen, dass Chinas Wirtschaft nicht nur daraus besteht, die Fabrik der Welt zu sein. Noch vor einigen Jahren schätzte die Welttourismus-Organisation, dass China im Jahr 2015 das weltweit meistbesuchte Land sein werde. Schon jetzt steht fest, dass dieses Ziel vorerst unerreichbar bleibt.

Verluste so hoch wie Belgiens BIP

GMF Foto Frank Sieren

Frank Sieren

Dabei ist die Reisebranche freilich nur einer der Sektoren, der die Folgen der Verschmutzung zu spüren bekommt. Zuletzt bezifferte die Weltbank die jährlichen Einbußen durch die Umweltverschmutzung in China auf 5,8 Prozent des BIP. Durch Umweltschäden werden also jährlich schon jetzt Beträge vernichtet, die so hoch sind wie die gesamte Wirtschaftsleistung Belgiens oder Argentiniens. Hoffnung macht, dass das Problem von der Regierung nicht länger totgeschwiegen wird. Selbst Chinas staatliche Medien berichten beinahe täglich über die Luftverschmutzung - es ist eine öffentliche Diskussion entstanden. Die neue Regierung unter Staatspräsident Xi Jinping, seit einem knappen Jahr im Amt, hat längst versprochen, stärker in erneuerbare Energien zu investieren. Darüber hinaus sollen veraltete Kohlekraftwerke - die die Hauptquelle der Verschmutzung sind - modernisiert und der öffentliche Nahverkehr in den Metropolen auf Elektrobetrieb umgestellt werden.

Das gesteckte Ziel zu erreichen und die Feinstaubbelastung in den nächsten 15 Jahren auch nur annähernd auf westliches Niveau zu drücken, ist eine große Herausforderung. Denn während die Umweltmaßnahmen greifen, wächst Chinas Wirtschaft selbstverständlich weiter und verschmutzt die Umwelt noch mehr als bisher. Die Tourismusindustrie jedenfalls kann nicht warten, bis die Luft wieder sauber ist.

Immerhin halten die chinesischen Touristen ihrem Land die Treue. Die Tourismus-Kommission zählte 2013 300 Millionen mehr einheimische Touristen als im Vorjahr - womit der Schwund an Ausländern wohl zu verkraften sein dürfte. Dennoch ist klar: Chinesen, die es sich leisten können, erholen sich lieber außerhalb der eigenen Staatsgrenzen.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.