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Kultur

Grass und Israel - kein einfaches Verhältnis

Günter Grass scheute weder öffentliche Debatten noch Konflikte – auch nicht mit Israel. Junge israelische Autoren haben ein ambivalentes Verhältnis zum wortgewaltigen Kritiker.

Drei Jahre vor seinem Tod verursachte Günter Grass mit seinem Israel-kritischen Gedicht "Was gesagt werden muss" einen Eklat. Die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden, warnte er. Die lyrische Einlassung erschien im April 2012 gleichzeitig in drei wichtigen internationalen Tageszeitungen auf Deutsch, Italienisch und Spanisch. Grass sei, reagierte der in Berlin lebende Publizist Henryk M. Broder damals, "der Prototyp des gebildeten Antisemiten".

Die Nachwirkungen dieser Kontroverse zeigen sich auch in den Stellungnahmen des Verbands hebräisch-sprachiger Schriftsteller in Israel zum Tod von Grass. Dessen Vorsitzender, Herzl Chakak, kritisierte in seiner Würdigung, dass der Autor bis zu seinem Tod "keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt" habe.

Doch wie interessant sind die Meinungen und das Werk des verstorbenen Nobelpreisträgers überhaupt für die jüngere Generation der israelischen Autoren? Drei von ihnen äußerten sich noch am Abend des Todestages dazu am Rande eines Symposiums in Berlin.

Gedicht «Was gesagt werden muss» Günter Grass

Sprengstoff: Das Gedicht "Was gesagt werden muss"

Kaum emotionale Verbindung

Amichai Shalev, geboren 1973 in Holon, arbeitet als Schriftsteller, Herausgeber und Literaturkritiker. Er sagt, Grass' Tod habe für ihn keine besondere Bedeutung: "Ich erinnere mich, dass ich schon als Teenager seine Bücher gelesen habe. Später hat er dann enthüllt, dass er als Jugendlicher in der SS war. Das hat die öffentliche Meinung in Israel ein wenig verändert. Man findet nicht sehr viele seiner Bücher in den Regalen der Buchhandlungen. Ich selber verbinde emotional kaum etwas mit ihm. Aber 'Die Blechtrommel', dieses Buch liebe ich. Im Gedächtnis ist mir besonders die Szene, in der das Kind Oskar Matzerath in der Schule sitzt, und immer, nachdem der Lehrer etwas gesagt hat, die Trommel schlägt. Ich weiß gar nicht, warum, aber das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe auch noch ein anderes gutes Buch von ihm gelesen, 'Im Krebsgang'. Aber, offen gesagt, wenn man von mir wissen wollte, wie ich seine Vergangenheit beurteile, dann finde ich, das ist etwas, was er mit sich selbst ausmachen musste."

Anerkennung für kritische Haltung gegenüber Israel

Yiftach Ashkenazi, 1980 in Carmiel geboren, ist Autor und Literaturkritiker für die Tageszeitung "Haaretz". Er lebt in Jerusalem: "Es ist ein befremdliches Gefühl, an dem Tag, an dem Grass gestorben ist, hier zu sein. Ich habe einige seiner Bücher gelesen, 'Die Blechtrommel' zum Beispiel, und auch eines seiner letzten Bücher, das, in dem er seine frühere Mitgliedschaft in der SS bekannt gab (Anm. d. Red., "Beim Häuten der Zwiebel", 2006). Er ist ein sehr interessanter und kompromissloser Autor. Ich mag sein Werk, und ich mag tatsächlich auch seine Kritik an Israel, im Ernst. Seine Kritik war nicht sehr zutreffend, aber mir gefällt seine Haltung, dass man Israel kritisieren darf. Er war ein mutiger Schriftsteller."

Israel-Kritik kein Grund zur Aufregung

EINSCHRÄNKUNG Deutsch-israelisches Symposium in Berlin - Anat Einhar

Schriftstellerin Anat Einhar

Anat Einhar, geboren 1970 in Petach Tikva, schreibt nicht nur Bücher, sondern ist auch als Zeichnerin und Autorin von Grafic Novels bekannt. Sie wohnt in Tel Aviv: "Ich habe 'Die Blechtrommel' gelesen, auch einige andere Bücher, an deren Titel ich mich gerade nicht erinnere. In den 80er-Jahren habe ich auch Schlöndorffs Film gesehen. Ich mag seine Romane. Grass ist sehr bekannt in Israel und hat viele Leser. Noch vor etwa drei Wochen haben ihn einige meiner Freunde in Leipzig getroffen, und sie waren begeistert, dass sie ihm begegnet sind - sie machten sogar ein paar Fotos, Selfies, mit ihm.

Wenn ich kritische Äußerungen von außerhalb Israels höre, wie die von Grass, dann geht es mir oft so, dass ich sie sehr interessant finde. Ich nehme sie ernst, aber ich denke dabei immer, dass die Dinge sehr viel komplizierter wirken, sobald man in Israel lebt. Ich war nicht aufgebracht über das, was er gesagt hat, ich teile viele seiner Ansichten. Auch die Menschen in meiner Umgebung sind durch solche Erklärungen nicht zu schocken. Für mich ist das kein Grund zur Aufregung. Als Israeli ist man daran gewöhnt, derartige Meinungen und Erklärungen aus allen Ecken der Welt zu hören zu kriegen. Daran ist absolut nichts Schockierendes mehr."

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