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Kultur

Grass in der Diskussion

Seit sich Nobelpreisträger Günter Grass in einem Interview dazu bekannt hat, als 17-jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, schlägt die Diskussion hohe Wellen. Kritik und Solidarität halten sich die Waage.

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Grass muss sich den Geistern der Vergangenheit stellen

Das Bekenntnis des Schriftstellers Günter Grass schlug ein wie eine Bombe: Er sei als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen - dem militärischen Arm der SS, die sich selbst als Elite betrachtete und die maßgeblich am Massenmord an den Juden beteiligt war. Der 78-jährige Literaturnobelpreisträger hat diesen bisher unbekannten Teil seiner Vergangenheit am Samstag in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" öffentlich gemacht.

"Schweigen über all die Jahre"

Das habe ihn bedrückt, das musste endlich raus, so Grass im Hinblick auf seine im September erscheinende Autobiografie "Beim Häuten einer Zwiebel". "Mein Schweigen über all die Jahre", so Grass, "zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe". Die Reaktionen auf das vorab veröffentlichte Eingeständnis folgten sofort und werden vermutlich so schnell nicht abreißen: Sie reichen von heftiger Kritik bis zu verständnisvoller Anerkennung.

Verständnis äußerten vor allem prominente Schriftstellerkollegen wie Martin Walser, Erich Loest oder Walter Jens. Der 83-jährige Ralph Giordano, der als Jude selbst von den Nazis verfolgt wurde und nur knapp dem Holocaust entkam, betonte, dass Grass mit seiner Ehrlichkeit auf jeden Fall gutes geleistet habe: "Schlimmer als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, sich nicht mit ihm auseinander zu setzen: öffentlich oder innerlich. Innerlich hat Grass sich all die Jahrzehnte - davon bin ich überzeugt - damit auseinandergesetzt. Und nun endlich hat er es getan und gewagt und dazu kann ich nur sagen, gut, Günter Grass, dass Sie das getan haben."

"Genommen, was sie kriegen konnten"

Wie es zu seiner Mitgliedschaft in der SS kam, hat Grass in dem besagten Zeitungs-Interview so beschrieben: Ursprünglich habe er sich schon als Fünfzehnjähriger freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, vor allem, um aus der Enge der Familie zu fliehen. Dort habe man ihn aber nicht genommen. In den letzten Kriegsmonaten 1944/45 sei er dann doch noch einberufen worden: eben zu einer Division der Waffen-SS. Die habe zu diesem Zeitpunkt "genommen, was sie kriegen konnte". Wofür die SS verantwortlich war, habe er damals wie viele seiner Altersgenossen noch nicht gewusst. Schon in der Vergangenheit hatte Grass immer wieder selbstkritisch von seiner eigenen Unwissenheit und Verblendung als Jugendlicher gesprochen: "Zum Beispiel die Frage, wie konnte es dazu kommen, dass du, der du neugierig warst, wissensdurstig warst, bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt hast."

Kaum ein Kritiker wirft dem Nobelpreisträger allerdings seine jugendliche Unwissenheit oder die Tatsache der späten SS-Mitgliedschaft vor. Der Vorwurf lautet vielmehr, dass ausgerechnet er so lange geschwiegen hat. Er, der bedeutendste deutsche Nachkriegsautor, der seit seinem Roman "Die Blechtrommel" von 1959 weltweit dafür bekannt ist, sich mit der Schuld der Deutschen auseinander zu setzen. Der immer wieder öffentlich Stellung bezogen hat gegen die Verdrängung der Vergangenheit und dafür über Deutschland hinaus als moralische Instanz gilt.

Besonders für die Normalisierung des deutsch-polnischen Verhältnisses hat sich der gebürtige Danziger immer wieder aktiv eingesetzt. Der frühere polnische Präsident Lech Walesa hat Grass aufgrund seines Bekenntnisses zur Rückgabe der Danziger Ehrenbürgerschaft aufgefordert. Dass Grass als moralische Instanz schwer beschädigt ist, meinen jetzt etliche Politiker und Intellektuelle - unter anderem der Dramatiker Rolf Hochhuth oder der Publizist Joachim Fest. Auch Grass-Biograf Michael Jürgs zeigt sich enttäuscht: "Wenn immer ich jetzt was von ihm höre, was gegen eine Verdrängungsschuld der Deutschen geht, dann frage ich mich natürlich zu Recht 'Und du lieber Günter Grass?' Da bleibt ein Makel. Das ist etwas, mit dem er vor allem selbst leben muss, selbstverständlich; aber alle, die ihn bewundert haben, haben das Gefühl, sie seien getäuscht worden."

Nobelpreis zurück?

Die Enthüllung des Autors ruft auch bei Politikern Entrüstung und Schweigen, aber auch Solidarität hervor. Der CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen forderte in der "Bild"-Zeitung, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte sich in die Debatte um den Schriftsteller nicht einmischen. Der Bundesregierung stehe es nicht an, "jetzt öffentlich zu urteilen und den moralischen Stab zu brechen", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg. Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) hätte es allerdings begrüßt, wenn Grass sich früher offenbart hätte. Dies sei aber kein Grund, mit "Hochmut über ihn herzufallen", sagte Müntefering.

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek meinte sogar, bei einem früheren Bekenntnis hätte er den Nobelpreis nicht bekommen. "Ich sag mal so, wenn ich ganz zynisch an seiner Stelle denke, er hätte den Nobelpreis riskiert."

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