1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Gras ist nur für die Kühe da" …

… hat Ivan Lendl einmal gesagt und hinzugefügt, als Untergrund für ein Tennismatch seien die grünen Halme völlig ungeeignet. Im englischen Wimbledon haben die 117. All England Championships begonnen.

default

In Wimbledon fragt man sich, warum Tennis überhaupt noch als Rückschlag-Sport bezeichnet wird. Denn hier ist das Grün so schnell und holprig, dass der Rückschläger meistens keine Chance hat, den Aufschlag des Gegners überhaupt zu erreichen. Und so sind Ball-"Wechsel" in Wimbledon schnell protokolliert: Aufschlag – Fifteen Love, Aufschlag – Thirty Love. Ab und zu heißt es: Aufschlag – Return ins Netz – Forty Love. Und eine Menge Glück braucht man schon für: Aufschlag – Return – Volley – Game Becker.

Vom Ergattern der Tickets und Regenschauern

Seit 1877 gibt es den Tennis-Anachronismus Wimbledon – und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn alle Jahre wieder steht der "All England Lawn Tennis and Croquet Club" im Sommer vierzehn Tage lang unter Belagerungszustand: Hunderte Camper übernachten auf dem Bürgersteig vor den Kassenhäuschen, nur um sich die besten Plätze für den Run auf die Eintrittskarten am nächsten Morgen zu sichern. Denn einen ernstzunehmenden Ticket-Vorverkauf lehnt Wimbledon seit jeher aus Prinzip ab. Und so dauert die Warterei in kilometerlangen Schlangen entlang der Church Road sechs, acht oder manchmal auch zehn Stunden. Manchmal grenzt Tradition an Menschenverachtung.

Auch innerhalb der Heiligen Mauern vollziehen sich stets dieselben Rituale: Alle paar Stunden beschert ein Regenschauer den Zuschauern eine unfreiwillige Dusche. Die Herzogin von Kent und andere zweitklassige Blaublüter auf der Tribüne wirken so gelangweilt wie eh und je. Sieben lauwarme Erdbeeren in flüssiger Sahne kosten sagenhafte drei Euro – und das Restaurant bestätigt alle Vorurteile über die "British Cuisine". Teuer ist der ganze Spaß auch noch: Schon bei den Erstrundenspielen (in diesem Jahr wohl die einzige Chance, die meisten deutschen Tennisprofis bei ihrer Arbeit zu sehen) kostet das Ticket für den Centre Court 40 Euro. Wimbledon – warum?

Tennis auf Rasen ist Tennis zum Abgewöhnen

Vielleicht sind es gerade die Unbequemlichkeiten, die den Reiz von Wimbledon ausmachen. Schließlich geben sie dem Zuschauer das Gefühl, sich gegen alle Widerstände hinein ins Tennis-Mekka geboxt zu haben und nun an etwas Einzigartigem teilzuhaben. Für letzteres sorgt Wimbledons größter Trumpf: Der Rasen. Viele Spitzenspieler fürchten die als Gleichmacher bekannten, exakt 6,35 Millimeter kurze Grashalme, denn diese sorgen dafür, dass in Wimbledon regelmäßig Tennis-Geschichte geschrieben wird. Wo sonst verliert Steffi Graf in Runde 1 gegen Lori McNeil, Pete Sampras gegen Georg Bastl – oder Ivan Lendl gegen einen gewissen David Wheaton? Lendl hat in seiner Karriere alles gewonnen, was man im Tennis nur gewinnen kann – nur Wimbledon nicht. So gesehen ist seine Gras-Phobie verständlich.

WWW-Links