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Wirtschaft

Grünes Start-up unter Strom

Jeder kann die Energiewende selbst vollziehen, meinen die Gründer von "Polarstern". Das junge Ökounternehmen verkauft 100 Prozent Ökostrom. Kunden werden vor allem über soziale Netzwerke geworben.

Ein grünes Klingelschild, naturnaher Industrie-Schick aus Holz und Filz im Gemeinschaftsraum, ein alkoholfreies Flaschenbier für Besucher: Mehr braucht es nicht, um zu ahnen, dass gleich von "Nachhaltigkeit" die Rede sein wird, vom "verantwortungsvollen Miteinander" und von der "kommenden Generation". In einem begrünten Hinterhof direkt am Münchner Fluss Isar trägt man an Sommertagen lässig Shorts zu Nerd-Brille und Undercut, dem Oben-lang-unten-kurz-Haarschnitt hipper Großstädter. Natürlich wird geduzt, und auch auf sommerlich verschwitze Gesichter wird ein "Bussi" - ein bayerischer Wangenkuss - gehaucht, oder besser: geklebt. Willkommen beim Start-up "Polarstern".

Simon Stadler (Foto: Polarstern GmbH)

Simon Stadler: "Du kannst doch nicht jammern, aber selbst mitmachen!"

Dann wird's schnell grundsätzlich - und politisch: "Die Energiewende ist die größte Herausforderung unserer Generation", erklärt der 31-jährige Jakob Assmann entschieden. "'Polarstern' ermöglicht es Menschen, die private Energiewende zu vollziehen." Fragt man die drei jungen Start-up-Gründer nach ihrer ganz persönlichen Herausforderung, erhält man eine zweigeteilte Antwort. Erstens: den Planeten retten, klar. Und zweitens: profitabel werden. Oder vielleicht umgekehrt. Doch dazu später.

Zwischen Idealismus und Misstrauen

Das Geschäftsmodell von "Polarstern" stützt sich auf drei Säulen: Öko-Stromversorgung, Förderung erneuerbarer Energien und aktive Entwicklungszusammenarbeit. Die kleine Firma beliefert Privathaushalte mit Strom und Gas, die zu 100 Prozent aus ökologischen Kraftwerken stammen. Zudem fördert Polarstern mit jedem Kunden den Bau von Ökokraftwerken. Und mit jedem neuen Vertrag wird anteilig eine Familie in Kambodscha bei dem Bau einer Biogasanlage unterstützt. "Stromversorgung ist ein globales Problem, das sich nicht lokal lösen lässt”, diesen Satz sagen die drei Jung-Gründer oft, zu Kunden, zur Presse, zur Konkurrenz. Ob das überzeugt?

"Meine Schwester hat mir den Internetauftritt gezeigt, davon war ich sehr begeistert", meint ein 26-jähriger Student, der gerade einen Vertrag abgeschlossen hat. "Zufällig war ich eine Woche vorher mit meiner Freundin zusammengezogen, und wir hatten noch keinen Stromanbieter. Ich habe meine neue Postleitzahl in eine Maske eingegeben und meinen Tarif berechnen lassen - und der war nur 30 Cent im Jahr teurer als bei der Konkurrenz." 30 Cent fürs gute Gewissen.

Familie in Kambodscha, Polarstern (Fotot: Polarstern GmbH***ACHTUNG: Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über Polarstern) genutzt werden)

Pro Neukunde wird eine Familie in Kambodscha unterstützt

Teamarbeit gegen die Zweifel

Vor ein paar Monaten sah es dennoch nicht gut aus für die junge Firma, denn Social Entrepreneurship - also der Versuch, mit einer guten Sache Geld zu verdienen - rechnet sich selten. Nur zehn Prozent aller Start-ups hielten längerfristig durch, "reine Statistik", erklärt Assmann und zuckt die Schultern. Und die Materie von "Polarstern" ist vergleichsweise komplex: In vielen Ohren klingt der Begriff "Energieversorgung" zu sperrig, und viele Anwohner vertrauen dem regionalen Energieversorger “Stadtwerke München”, der "ein grünes Image" habe: "Berlin wäre ein leichterer Markt, denn Vattenfall" - der größte Energieversorger der Hauptstadt - "gilt als böse".

Misstrauen erfahren die drei Jungunternehmer, zwei Betriebswissenschaftler und ein Wirtschaftsgeograph Anfang dreißig, oft genug: "Wer sich auf den Strommarkt wagt, steht unter Generalverdacht", erzählt Assmann. "Manchmal werden wir behandelt wie Staubsauger-Vertreter. Dann denke ich schon, hallo, wir hätten nach dem Studium auch in Unternehmensberatungen gehen können - wollten wir aber nicht." Und Simon Stadler ergänzt: "Es geht gar nicht um den riesigen Schuldenberg, falls 'Polarstern' scheitern sollte. Viele meiner Bekannten nützen diese Zeit Anfang dreißig für die Karriere. Andererseits habe ich keine Familie, es geht 'nur' um meine Existenz - und ich glaube daran, dass das, was man hier an Lebenserfahrung gewinnt und über Teamwork lernt, unbezahlbar ist." Und schließlich wurde ein neuer Sponsor gefunden, "jemand, der an uns glaubt".

Werbung über Social Media

Porträt von Dr. Jakob Assmann (Foto: Polarstern)

Jakob Assmann: "Öko kochen mit Atomstrom geht nicht."

Und jemand, den vielleicht auch ein modernes Marketing-Konzept überzeugt hat: Potentielle Neukunden erreicht "Polarstern" besonders über soziale Netzwerke. An älteren, weniger computeraffinen Verbrauchern mag diese Strategie vorbeigehen, jedoch: "Wenn wir allein die Facebook-Nutzer bekämen, die sich für Energie interessieren, wäre das eine ganze Menge."

In einem Blog schreiben die Mitarbeiter über vieles, was die Lebenswelt ihrer Kunden bestimmt und nebenbei der Umwelt gut tut: Veganismus im Selbstversuch, Carsharing, Recycling-Mode, Yoga für Einsteiger, Selbermachen statt Shopping. Die Botschaft: Nachhaltigkeit kann Spaß machen.

"Earth Hour" bei Kerzenschein

Und Nachhaltigkeit kann sogar romantisch sein: Zur letzten "Earth Hour", wenn einmal jährlich auf Initiative der Umweltschutzorganisation "World Wildlife Fund" (WWF) auf der ganzen Welt eine Stunde lang die Lichter ausgehen, luden "Polarstern" ihre Facebook-Fans in ein Münchner Szene-Café ein, zum Akustikgitarrenkonzert bei Kerzenschein. "Später haben wir gemeinsam 'Man in the mirror' gesungen, darin geht es ja auch um gesellschaftlichen Wandel. Wir wollen den Leuten ja kein schlechtes Gewissen machen", sagt Stadler. "Wir wollen nur, dass sie bewusster Energie verbrauchen."

Dr. Jakob Assmann, Simon Stadler und Florian Henle vom Start-up Polarstern. (Foto: Polarstern GmbH)

Drei Gesichter der Energiewende (v.l.): Jakob Assmann, Simon Stadler, Florian Henle

Fischer, Papa, Koch

"Ein Fischer, ein Papa und ein Koch" charakterisieren sich die Start-up-Gründer auf ihrer Homepage. Und in der augenzwinkernden Selbstbeschreibung ist versteckt, was die drei - den finanziellen Risiken zum Trotz - antreibt. "Schon als Kind habe ich 'Gepa'-Honig vor der Kirche verkauft", sagt Assmann, "und Öko kochen mit Atomstrom geht eben nicht." Stadler hat als Student in einem Weinhandel gejobbt. "Da habe ich gelernt, dass man Qualität eben nachfragen muss." Ihn habe das auf bewussten Konsum gebracht: "Du kannst doch nicht jammern, aber selbst mitmachen!"