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Global Ideas

Grüner Energieträger mit begrenztem Potenzial

Pflanzenreste, Holz und Energiepflanzen haben es in sich: Sie zählen zur Biomasse und sind klimafreundliche Energieträger. Doch die Verfügbarkeit ist begrenzt. Welches Potenzial für die Energiegewinnung gibt es wirklich?

Traktor mit voll beladenem Anhänger (Foto: atmosfair/kptl)

Ein indischer Bauer lässt in einem Kraftwerk seine Erntereste wiegen, bevor sie zur Bioenergiegewinnung genutzt werden

Im Bundesstaat Uttarakhand im Norden Indiens liegen umweltfreundliche Brennstoffe quasi auf der Straße: Piniennadeln. Das Klima ist mild hier, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Das sind optimale Bedingungen für Pinien. Wenn die Bäume einmal im Jahr ihre Nadeln verlieren, bedecken sie den ganzen Boden. Diese trockenen Nadeln sind ideal, um daraus Brickets zu pressen, die anschließend verfeuert werden.

Die Nutzung von Biomasse wie diese indischen Piniennadeln ist eine Möglichkeit, Energie klimafreundlich zu erzeugen: Auf diese Weise wird der Verbrauch an fossilen Energieträgern wie Kohle gesenkt und Klimagas-Emissionen werden reduziert.

Biomasse - "Abfall" der es in sich hat

Rapsfeld (Archivfoto: ap)

Raps ist eine häufig verwendete Energiepflanze, steht aber in Konkurrenz zu Getreiden für die Nahrungsmittelproduktion

Biomasse umfasst sowohl Energiepflanzen wie Raps und Mais als auch Holz, Laub, Stroh und ähnliches. Auch organische Abfälle - darunter Pflanzenreste aus der Landwirtschaft oder Küchenreste - zählen zur Biomasse und werden zur Energiegewinnung genutzt, etwa in Müllverbrennungsanlagen.

Biomasse verhält sich bei der Energiegewinnung CO2-neutral. Denn beim Verbrennen wird lediglich das beim Erzeugen aufgenommene Kohlendioxid wieder frei, verändert also nicht die Kohlenstoffbilanz. Das ist auch mit den indischen Piniennadeln so, sie geben beim Verbrennen nur das CO2 ab, das die Pinienbäume beim Wachstum vorher aus dem Boden und der Luft aufgenommen haben. Es spielt also keine Rolle, ob die Nadeln sich auf natürlichem Weg zersetzen oder verbrannt werden - der CO2-Ausstoß ist jeweils der gleiche. Bei Öl und Kohle ist das anders: Diese fossilen Brennstoffe und der in ihnen enthaltene Kohlenstoff lagerte seit Millionen von Jahren unter der Erde. Bei ihrer Verbrennung setzen sie daher CO2 frei, das den natürlichen Kohlenstoffkreislauf belastet. Das ist schlecht für das Klima. Ein Vorteil der Biomasse liegt auch darin, dass sie ein nachwachsender Rohstoff ist. Er steht in regelmäßigen Abständen - zur Erntezeit - immer wieder als Energieträger zur Verfügung.

Begrenztes Potenzial

Zahlreiche Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass das Potenzial der Biomasse für die Energiegewinnung begrenzt ist. 10 bis 15 Prozent des weltweiten Energiebedarfs ließen sich maximal aus Biomasseenergie decken, meint etwa die Ingenieurin Daniela Thrän. Sie leitet den Forschungsbereich Bioenergiesysteme am Deutschen Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig und ist Sprecherin der Abteilung Bioenergie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Hohes Biomasse-Potenzial sieht Thrän in Osteuropa, Südamerika und Australien, teilweise auch in Nordamerika. Dort seien genügend Flächen vorhanden und die Zahl der Einwohner relativ gering: Energiepflanzen für die Biomasseproduktion und Nahrungsmittelernten konkurrieren nicht um knappe Ackerflächen.

Ziegelei-Arbeiter sammeln Biomasse-Briketts (Quelle: Christoph Kober)

Bioenergie aus Piniennadeln: Der Einsatz von Biomasse-Brennstoff erleichtert das Leben für die Arbeiter dieser Ziegelei in Nordindien. Die Brickets sind nicht so schmutzig wie Kohle, und sie wiegen weniger

Dicht besiedelte Regionen wie Südostasien haben dagegen nach Thräns Einschätzung eher geringes Biomasse-Potenzial. Afrika sei dagegen zwar nicht so dicht besiedelt und habe viele gute Anbauflächen, die sich für Energiepflanzen eignen. Die Agrarproduktion sei dort aber zu schwach und eine Verbesserung nicht absehbar. Deshalb seien in Afrika in den nächsten 20 Jahren keine Potenziale für Biomasse zu erwarten, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen, sagt Thrän.

Welche Konflikte das Thema birgt, wurde in Deutschland 2007 in der "Tank-versus-Teller"-Debatte deutlich. Damals ließ die weltweit steigende Nachfrage nach Energiepflanzen die Preise für Weizen, Mais und Reis in die Höhe schnellen; Nahrungsmittel verteuerten sich auch in den armen Ländern. In der Öffentlichkeit brach ein Streit darüber aus, ob es sinnvoll sei, essbares Getreide in Biokraftstoffe umzuwandeln und dann in den Fahrzeugtank zu schütten.

Gut verfügbarer Energiespeicher

Einen besonderen Vorteil der Biomasse sieht die Leipziger Ingenieurin darin, dass sie die Energie speichert und anders als Sonnen- oder Windenergie damit ständig abrufbar ist. "Die Chance von Bioenergie liegt daher künftig wohl vor allem in der Ergänzung von Wind und Sonne", sagt Thrän. "Wenn der Wind nicht weht, kann man das gezielt mit Bioenergie ausgleichen." Biomasse könne zudem in der Zukunft womöglich auch an die Stelle von fossilen Energieträgern treten, die durch andere erneuerbare Energie nicht ersetzt werden können - dazu zählt an erster Stelle Kerosin.

Abfälle als "grüne" Energieträger

Nahaufnahme von zwei Händen die Zweige und Holzreste halten (Quelle: BMU)

Das wohl bekannteste Beispiel für Biomasse: Holz und Holzreste kommen als Briketts oder Pellets in der Energieerzeugung zum Einsatz

Ungenutzte Potenziale der Biomasse gebe es auch noch in anderen Bereichen, meint Bernd Bilitewski, Leiter des Instituts für Abfallwirtschaft und Altlasten an der Technischen Universität Dresden. In Deutschland würden beispielsweise jedes Jahr zwölf Millionen Tonnen Bioabfall teilweise ungenutzt entsorgt, obwohl sie zur Gewinnung von Bioenergie geeignet seien, sagt Bilitewski und fordert: "Die Nutzung dieser Abfallstoffe muss weiter forciert werden, bevor wir anfangen Konkurrenzprodukte auf das Feld zu schicken." Zudem gebe es Agrarflächen, die für Nahrungs- und Futtermittelgewinnung nicht genutzt werden können, aber für den Anbau von Energiepflanzen geeignet seien. Dazu gehörten Bergbaufolgelandschaften und durch Industrie verunreinigte Gebiete.

In Deutschland gibt es zwar heute schon kaum eine Müllverbrennungsanlage, die die gewonnene Energie nicht irgendwie nutzt. Jedoch lasse sich diese Bioenergie-Quelle noch bedeutend effizienter einsetzen, meint Bilitewski. Die Sorge vieler Menschen, dass bei der Müllverbrennung giftige Gase freigesetzt würden, ist seiner Ansicht nach unbegründet. Vorschriften und Kontrollen bei der Abfallverbrennung seien viel zu streng und die Technik so stark ausgereift, dass keine giftigen Rückstände in die Luft gerieten. Die Abfallwirtschaft als Branche gehöre in Deutschland sogar zu den großen CO2-Senkern. Etwa ein Fünftel der CO2-Reduzierung, die Deutschland im Kyoto-Protokoll bis 2012 zugesagt hat, werde allein durch die Abfallwirtschaft erzielt.

Autor: Martin Schrader
Redaktion: Ranty Islam

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