Grüne Woche: Käfer-Burger und Algen-Gugelhupf | Wirtschaft | DW | 18.01.2018
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Landwirtschaft und Ernährung

Grüne Woche: Käfer-Burger und Algen-Gugelhupf

Kein weiter so in der Landwirtschaft und bei der Ernährung. Die Lebensmittelproduktion ist in Verruf geraten. Was kann, was muss sich ändern? Darüber wird auf der Grünen Woche diskutiert. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Was essen wir und wie produzieren wir es? Angesichts von bald neun Milliarden Menschen auf der Erde ist Ernährung eines der größten Themen weltweit. Gleichzeitig ist es ein Mega-Geschäft. Das Agrarbusiness boomt und auf der Grünen Woche in Berlin sind mit 1660 Ausstellern aus 66 Ländern mehr internationale Unternehmen denn je vertreten. Spezialitäten aus allen Kontinenten sowie regionale Nahrungs- und Genussmittel füllen rund zwei Drittel der Ausstellungsfläche. Die 26 Hallen sind komplett ausgebucht.

Ein auf Hochglanz poliertes Schaufenster möchte die weltweit größte Leistungsschau aus Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau sein. Gleichzeitig ist die Grüne Woche aber auch ein agrarpolitisches Forum. Mehr als 70 Landwirtschaftsminister aus aller Welt kommen nach Berlin. Sie diskutieren darüber, wie Entwicklung, Ernährung und Umweltschutz unter einen Hut zu bringen sind. Fehl- und Mangelernährung hat inzwischen zwei Gesichter: In den unterentwickelten Ländern hungern die Menschen, in den Industrieländern essen sie sich krank.

Zu viel Zucker, Fett und Salz

Zu süß, zu kalorienhaltig, zu wenig wichtige Nährstoffe - viele industriell verarbeitete Lebensmittel machen süchtig, dick und ruinieren die Gesundheit. Pünktlich zum Beginn der Grünen Woche hat die SPD-Bundestagsfraktion ein Positionspapier verabschiedet, das Pizza, Cola und Co. gesünder machen soll. Nach dem Willen der Sozialdemokraten sollen Ärzte, Krankenkassen, Gesundheits- und Verbraucherorganisationen Grenzwerte für Zucker, Salz und Fett in verarbeiteten Lebensmitteln festlegen.

Foodtrends - Dr. Oetker Schokoladen Pizza (Dr. Oetker)

Pizza, jetzt auch mit Schokolade

Die deutsche Lebensmittelindustrie, die ihren Umsatz 2017 um 5,7 Prozent auf 181 Milliarden Euro steigern konnte, schäumt. Dem Verbraucher werde nur noch erzählt, "was für einen Mist" er esse, klagt Christoph Minhoff, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). "Wir sind sehr dafür und arbeiten gerne und intensiv mit bei der Entwicklung immer weiter verbesserter Rezepturen, aber nicht auf der Basis von Diktaten."

Der Kunde entscheidet

Die Forderung der SPD findet Verbandschef Minhoff "nicht zielführend". Es seien "sehr konkrete Eingriffe in die unternehmerische Freiheit und da hört der Spaß irgendwann auf, weil die Rezepturen auch den Wert der Unternehmen darstellen". 53 Prozent der Kunden würden das kaufen, was ihnen schmecke, heißt es in einer aktuellen Verbraucherumfrage. Rezepturen könnten daher nur "entlang des Marktes" verändert werden, betont Minhoff.

Ihren Messeauftritt auf der Grünen Woche stellt die Branche in diesem Jahr bewusst unter das Motto "So schmeckt die Zukunft". Verbraucher sollen darüber informiert werden, wie zukünftig eingekauft, gekocht und gegessen werde. Mit an Bord ist unter anderem der Einzelhandelskonzern Rewe, der einen Schokopudding in vier Varianten anbietet - mal mit mehr, mal mit weniger Zucker. Möge der Kunde entscheiden.

Nur keine Eingriffe der Politik

Sein Votum kann er zudem über die Ideen junger Startups abgeben. Über Hamburger, die aus Würmern hergestellt werden, Limonade aus Kaffeekirschen oder auch ein veganer Gugelhupf auf Algenbasis. "Ich glaube, dass die Industrie alle Wünsche, die die Politik an uns hat, bereits umsetzt oder dabei ist, sie umzusetzen", verteidigt Christoph Minhoff seine Branche. "Lassen Sie in Gottes Namen der Industrie die Möglichkeit, produktinnovativ zu sein und versuchen Sie, ihr nicht ihr so reinzuquatschen, dass sie das gar nicht mehr kann."

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Bux Burger - die Frikadelle aus Würmern

"Reingequatscht" wird auch der Landwirtschaft immer nachdrücklicher. Ein "weiter so" könne es nicht geben, da ist sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sicher. Auf einem Agrarkongress in Berlin wiederholte die SPD-Politikerin ihre Forderung nach einer an die Fläche gebundenen Tierhaltung, bei der nur so viele Schweine, Rinder und Hühner gehalten werden dürfen, wie Boden zum Ausbringen von Mist und Gülle vorhanden ist.

Das stößt nicht nur bei Umwelt- und Tierschützern auf offene Ohren, sondern auch bei der Wasserwirtschaft. "Wir sind nicht mehr in der Lage, den Grundwasserkörper in unserer Region zu erhalten", klagte auf dem Agrarkongress Olaf Schröder vom Wasserverband Peine in Niedersachsen. In seinem Bundesland gibt es besonders viel Massentierhaltung.

Quo vadis Landwirtschaft?

Viele Bauern sind alarmiert, haben sie in den zurückliegenden Jahren ihre Höfe doch auf Masse und Effizienz getrimmt, zum Teil mit erheblichen Investitionen in den Maschinenpark. Die Betriebe nun grundlegend umzustellen, das würde viele Bauern überfordern. "Landwirtschaft ist bereit zu weiteren Veränderungen. Das muss aber behutsam vonstatten gehen und unsere Familienbetriebe müssen da mitgehen können", warnt Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied auf der Grünen Woche. "Zu viel Geschwindigkeit, zu viele Vorgaben und Aufgaben bergen die Gefahr von Strukturveränderungen, sprich: Da können nicht alle mit."

Internationale Grüne Woche 2018 (picture alliance/dpa/W. Kumm)

Bauernverbandspräsident Rukwied auf der Grünen Woche

Nach wie vor hält der Bauernverband auf der Messe mit einer ganzen Halle, die in einen Erlebnisbauernhof verwandelt ist, das Klischee vom attraktiven Landleben hoch. Der Alltag im Agrargeschäft ist davon inzwischen jedoch meilenweit entfernt. Das zeigt auch die erbitterte Diskussion über den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln, die für das Massensterben der Insekten verantwortlich gemacht werden. Natürlich seien die Bauern bereit, die Biodiversität und die Artenvielfalt zu verbessern, so Bauernverbandspräsident Rukwied. Aber natürlich nur "unter Berücksichtigung einer ressourceneffizienten und ertragreichen landwirtschaftlichen Produktion".

Glyphosat und doch ein Ende?

Ende letzten Jahres hat die EU die Zulassung für Glyphosat um fünf Jahre verlängert. Möglich wurde das nur durch das "Ja" des deutschen Agrarministers Christian Schmidt (CSU), der sich damit über den erklärten Willen des Koalitionspartners SPD hinwegsetzte. Nach wie vor steht Schmidt auf dem Standpunkt, dass ein Bauer sein Einkommen nicht dadurch sichern könne, dass er sich für die Umwelt einsetze.

Glyphosat Pflanzenschutzmittel chemische Verbindung Demo (Imago / Steinach)

Demo gegen Glyphosat in Berlin

Umweltministerin Hendricks verweist aber darauf, dass der EU-Entscheid nicht automatisch bedeute, dass Glyphosat auch in Deutschland eine Zukunft habe. Dafür bedürfe es einer konkreten Neuzulassung durch das Landwirtschaftsministerium, die bis Ende 2018 zu erteilen sei, "aber nur im Einvernehmen mit dem Bundesumweltamt", wie Hendricks betont. Zudem hat die SPD in den Sondierungsgesprächen über eine große Koalition ein generelles Aus für Glyphosat auf die zukünftige politische Agenda gesetzt. Sollte eine Regierung von Union und SPD zustande kommen, würde ein entsprechendes Gesetz so schnell wie möglich auf den Weg gebracht, freut sich die Bundesumweltministerin.

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