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Global Ideas

Grüne Spurensuche in der Kindheit

Was begeistert Kinder an der Natur? Wie sehen sie sie, wer lässt sie sehen? Für die Suche nach Antworten hat sich unser Autor auf eine Reise in die eigene Kindheit begeben.

Drei Kinder betrachten eine Pflanze aus unmittelbarer Nähe (Foto: Jens Schlueter/ddp)

Immer mehr Kindergärten in Deutschland setzen auf Natur-Begegnungen.

Wir standen mit den gelben Gummistiefeln in der trüben Brühe, die sich Modau nennt, ein kleiner Fluss, der den Odenwald durchfließt und in einer alten Schleife des Rheins mündet. Wir standen da zu dritt, einer hielt einen blauen Müllsack auf und die anderen stopften hinein, was sie im grauen Wasser finden konnten: Rostige Cola-Dosen, braun-ölige Plastiktüten oder Reste davon, Schrauben, einen Schuh. Es war Abfall, den die Dorfbewohner über die Jahre in unseren Fluss geworfen hatten.

Wir drei waren wütend. Wir wollten dem Fluss helfen, etwas verbessern, einfach machen. Und das große Ziel verfolgen: der Lachs soll wieder rein. Wir angelten seit dem sechsten Lebensjahr und kannten die Arten. Außerdem faselten alte Angler etwas vom Programm "Lachs 2000" für den Rhein, der Ende der 80er Jahre eine stinkende, blickdichte Brühe war. Heute schwimmen wieder Lachse im Rhein. Aber damals, 1992, war vieles anders.

Junger Enthusiasmus und erwachsene Vorbilder

Zwei kleine Kinder spielen an einem matschigen Flussufer (Foto: ddp/Jens Schlueter)

Graben, Wühlen, Schaufeln: Erde riecht, schmeckt, klebt – und ist eine elementare Erfahrung für die Kleinsten.

Als wir da so standen, hielt plötzlich ein Mann oben am Geländer der Promenade und rief zu uns herunter. Es war der Jugendpfleger unseres Dorfes. Als wir ihm erklärten, was unsere Ziele waren, hatte auch er plötzlich eines: die Jugendumweltgruppe Mühltal war gegründet. Und damit ein erster Ort für Umweltpädagogik in unserer Gemeinde. Was in den drei Jahren danach folgte, waren Spaß-Aktionen und echte Lehrstunden – Förderung im besten Sinne. Der Jugendpfleger trieb eine Umweltpädagogin auf. Mit ihr rammten wir kleine Schwarzerlen in Bachufer, um sie wieder fester und natürlicher zu machen. Gingen mit Detektoren nachts auf Fledermaus-Wanderungen. Und siebten Insekten aus Bächen.

Irgendwann war das matschige Umweltgruppendasein vorbei, des Alters wegen. Mit 16 wurde ich politischer, wollte auch mal auf die Straße, etwas gegen Atomkraft rufen und als eine Art Dorf-Widerständler etwas vor der Haustür verändern. Dafür gab es unverhofft Gleichgesinnte. Dass sie auch alle Tischtennis spielten, war wohl eher Zufall, auf jeden Fall schlug Tarek, ohne Rückhand aber mit vielen Einfällen gesegnet, vor, dass wir doch junge Sozialisten werden konnten. Und so kam es. Worum es ging, war bald klar: Ein Jugendbus für die Nacht, Fahrradwege entlang der Bundesstraße, Anti-Atomkraftdemos – und vor allem Solarenergie für die Kommune. Wir recherchierten monatelang und verfassten einen Solar-Reader. Ich schrieb darüber meine erste Pressemitteilung.

Wenn ich heute zurückdenke, frage ich mich, was gut gelaufen ist und was nicht? Die eigene unmittelbare Umgebung war entscheidend. Da zu wirken, im Vertrauten, reichte tief. Und Bestätigung zu bekommen aus dieser vertrauten Umgebung. Ohne gezielte Förderung gelingt das aber nicht. Der Jugendpfleger war ein Glücksfall, unser Übermut gepaart mit Lachs-Wahn wohl auch.

Neue Ära für die Umweltbildung

Kinder stehen im flachen Wasser, suchen den Grund ab (Foto: ddp/Martin Oeser)

Insektenkunde mit dem Becherglas: Anhand der gefundenen Arten bestimmen die Kinder die Gewässergüte

Heute gibt es ein besseres Klima für Umweltbildung. Mein Eindruck ist, dass das Thema Anfang der 90er Jahre eher nachrangig behandelt wurde; die deutsche Wiedervereinigung und ihre Folgen dominierten die Agenda. Jetzt aber fragen viele Menschen immer öfter öffentlich, welche Natur wir für unsere Kinder wollen. Der Umweltphilosoph Andreas Weber plädiert in seinen Büchern und Essays dafür, Kinder freier auf die Natur loszulassen. Der Natursoziologe Rainer Brämer untersucht die Beziehungen der Kleinsten zu dem Grünsten und fordert, sie neu mit der Natur vertraut zu machen. Die Diskussion ist auch aus den USA zu uns gekommen, wo das Buch "Last Child in the Woods" 2005 mächtig einschlug und eine breite Debatte auslöste.

Ich habe das Gefühl, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Das sagt auch Hannah Heinevetter, die unter uns wohnt und als freie Umweltberaterin von einer Konferenz zur nächsten reist. Sie erzählt von den vielen neuen Ideen in der Umweltpädagogik: Seien es Geocaching-Touren, die Schüler interaktiv durch Hamburgs Flusswelten führen, auf der Spur des Fischotters. Das Klima-Erlebnis-Camp, das sie selbst gerade plant. Wildnis-Kurse für Kinder, Fortbildungsprogramme für Lehrer, neue Studiengänge. Und Programme wie "Kita 21", wo Kindertagesstätten für ein nachhaltiges Leben eintreten. Dazu kommen ganz andere Einfälle wie etwa Schüler-Firmen, die unter Anleitung der Freien Universität Berlin umweltfreundlich wirtschaften wollen - und so auch ältere Jugendliche nachhaltig begeistern, die schneller das Interesse verlieren.

Die augenblickliche Ideenvielfalt macht Mut. Lässt denken, dass unsere Kinder vielleicht doch mehr begreifen, schützen und klug aufbauen, als wir jetzigen Bauherren. Sie können es nur, wenn sie von der Natur nicht ferngehalten werden.

Verbote entfernen uns von der Natur

Die allgemeine deutsche Verbots- und Trennungsgesellschaft hat es geschafft, dass die eigentlich so greifbare Natur heute etwas Fremdes, Fernes, vielleicht noch Lustiges ist, das hinter Zäunen und auf Bildschirmen bestaunt werden kann. "Anfassen verboten" oder "Bringt nichts", steht auf unsichtbaren Schildern.

Wir versuchen auch, die Welt unserer Tochter von diesen Barrieren zu befreien. Aber die angewöhnte Trennung ist auch in uns. Und nimmt zu: Die durchwateten Bachbetten sind genauso weit weg von mir wie die gesammelten Insekten oder gepflanzten Bäume. Und meine journalistischen Buchstaben können eben nicht laufen. Manchmal bilde ich mir aber ein, dass sie es doch können. Heute zum Beispiel. Gerade ist ein Artikel fertig geworden, in dem ein Absatz von den Lachsen im Rhein und der Sieg handelt.

Sie springen bei Bonn im Herbst über ein 1,80 Meter hohes Wehr, wie in Alaska. Die Leute kommen dorthin und staunen. Vor 20 Jahren hätte das keiner geglaubt, dort nicht und nicht bei uns im Dorf.

Autor: Torsten Schäfer
Redaktion: Ranty Islam

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