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Wirtschaft

Gründungsfreudige Osteuropäer

Fast jeder dritte neue Betrieb wird in Deutschland von einem Bürger ohne deutschen Pass gegründet. Die ausländischen Existenzgründer kommen vor allem aus Osteuropa. Polen machen sich besonders oft selbständig.

Eine geräumige Produktionshalle. Viel zu groß für die paar Geräte, die sich in dem Raum verlieren. Vorsichtig befestigen zwei junge Männer eine blau-grün-gestreifte Plastikplatte in einem Trockner. Nach ein paar Minuten ist das bunte Stück getrocknet. Firmenchef Artur Wasilewski schaut es sich gründlich an. Vor drei Jahren hat Wasilewski die Firma für Oberflächenlackierungen in Bad Honnef in der Nähe von Bonn gegründet. Er versieht Gehäuse und Oberflächen mit neuen Beschichtungen, erklärt der 44-Jährige: "Wir lackieren das weiße Plastik, in Holz-, Karbonfarben, je nach Wunsch. Das sieht dann viel edler aus."

Artur Wasilewski kommt aus Polen. Für den Standort in Deutschland hat er sich bewusst entschieden. Er wolle seine Produkte unter dem Label "Made in Germany" verkaufen, weil diese dann stärker gefragt seien. "Deutsche Qualität ist weltweit bekannt. Kaum eine ausländische Firma vergibt Aufträge an polnische Firmen", sagt er etwas verärgert. Kein Auftraggeber weiß, dass der Unternehmer Wasilewski nicht aus Deutschland kommt. Seine Firma ist in Deutschland angemeldet. Die Gespräche mit den Auftraggebern führt sein Betriebsleiter, er ist Deutscher.

Mehr Geld für gleiche Arbeit

Rund 20 Kilometer weiter nordwestlich, in Bonn, verputzt Roman ein zweistöckiges Haus. Seine Baufirma hat es fertig gestellt. Auch Roman kommt aus Polen. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Vor sieben Jahren hat er sich in Deutschland selbständig gemacht. Zunächst als Ein-Mann-Firma. Mittlerweile beschäftigt er acht Männer. "Hier verdiene ich dreimal so viel wie in Polen für die gleiche Arbeit", sagt der 50-Jährige auf die Frage, warum er sich in Deutschland selbstständig gemacht hat.

Roman und Artur Wasilewski sind Beispiele für hunderttausende Ausländer, die in Deutschland den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Inzwischen wird jedes dritte Unternehmen von Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft gegründet. Das ergab unlängst eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums. 2009, zur Zeit der Erhebung, sind rund 130.000 Gewerbebetriebe von einem Ausländer angemeldet worden. Vor vier Jahren waren es 100.000. Nach Angaben der Studie kommen die ausländischen Existenzgründer vor allem aus Osteuropa.

Spitzenreiter Polen

Karl Reiners arbeitet bei der Industrie und Handelskammer in Bonn. Seit Jahren berät er Existenzgründer. Das Ergebnis der Studie überrascht ihn nicht. Ein Viertel bis ein Drittel aller Existenzgründer, die er berät, seien Ausländer. "Das sind insbesondere Polen, dann aber auch aus dem früheren Jugoslawien und auch Russen", meint der Gründerexperte.

Noch bis vor wenigen Jahren lagen die ausländischen Firmengründer aus der Türkei und Italien vorne. Inzwischen haben die Osteuropäer sie überholt. Spitzenreiter sind Polen. Sie seien zum Teil gezwungen worden, sich selbstständig zu machen. "Sie haben es bis vor einem Jahr noch ziemlich schwer gehabt, hier als ganz normale Arbeitskräfte eine Erlaubnis zu bekommen. Und dann machte man sich hier oft selbstständig, um arbeiten zu können."

Dienstleister ganz vorne

Vor acht Jahren ist Polen der EU beigetreten, trotzdem benötigten polnische Bürger eine Arbeitserlaubnis, wenn sie in Deutschland eine Arbeit aufnehmen wollten. Wer aber selbständig tätig sein wollte, durfte es ohne weiteres tun. Diese Regelung galt sieben Jahre lang für alle osteuropäischen EU-Länder. Auch wenn jetzt die EU-Osteuropäer in Deutschland uneingeschränkt arbeiten dürfen, werde ihre Gründungsfreudigkeit nicht abnehmen, ist der Gründungsberater Reiners überzeugt. Das Niveau bleibe stabil, sagt er.

Die Studie des Wirtschaftsministeriums ergab zudem, dass nicht nur die Herkunft der Existenzgründer, sondern auch der Branchenschwerpunkt sich verändert hat. Die Gründungen in den klassischen Migrantenbranchen Handel und Gastronomie gehen zurück. Heutige Gründer mit ausländischem Pass suchen ihre Chance eher als Dienstleister. So seien etwa ein Drittel der polnischen Selbstständigen in der Baubranche tätig.

Arbeitsplätze schaffen

So wie Roman. Es gäbe viele Polen, die genauso wie er jahrelang in Deutschland schwarz gearbeitet hätten. Viele von ihnen auf Baustellen, erzählt Roman, während er von einem Baugerüst heruntersteigt. "Sie wollten hier legal arbeiten und sie haben sofort die erste Chance genutzt und sich selbstständig gemacht." Die meisten allerdings zuerst als Ein-Mann-Firma. Einige haben ihre Firmen ausgebaut und beschäftigen heute mehrere Mitarbeiter, "und sie führen Steuern ab wie ich", betont Bauunternehmer Roman.

Artur Wasilewski, der die Firma für Oberflächenlackierungen in Bad Honnef gegründet hat, beschäftigt zurzeit vier Leute. Sein Ziel ist es, im Zweischichtbetrieb zu arbeiten und in jeder Schicht zehn Leute zu beschäftigen. Bald möchte er damit starten. "Ich schaffe hier nicht nur Arbeitsplätze. Ich gebe auch Aufträge an deutsche Firmen", sagt er stolz. Während Wasilewskis Familie nach Deutschland gezogen ist, pendelt Roman alle zwei Wochen zu seiner Frau und Tochter rund 800 Kilometer weit ins polnische Posen. Sein lukratives Geschäft in Deutschland will er trotzdem nicht aufgeben.