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Grübeln

Ein bisschen Mathematik hier, eine logische Schlussfolgerung da, vielleicht noch eine Abwägung der Vor- und Nachteile, und schon haben wir die Lösung unseres Problems … Nein, genau das ist Grübeln leider nicht.

Bilden wir es uns ein, oder ist es tatsächlich so? Sind wir ein bisschen überfordert durch das, was so täglich auf uns einstürmt, was da in der großen Welt und in unserer unmittelbaren Umgebung passiert? Kommen wir nicht ein wenig ins Schwanken, geraten aus dem Gleis, können uns dies und das nicht erklären oder wollen gar nicht mehr wissen, weshalb es so und nicht anders ist? Dennoch suchen wir weiter. Überlegen hin und her, aber das befreiende "Aha, so ist es", will sich nicht einstellen. Sie warten auf das Stichwort der Woche? Ja, es ist ein sehr merkwürdiges diesmal, es heißt "grübeln", und man kann nicht so einfach sagen, was das ist.

Kein Licht im Tunnel

"Grübeln" – gut, es ist ein Verbum, es gibt Ableitungen, "Grübelei", zum Beispiel. Jemand, der oft grübelt, ist ein Grübler oder eine Grüblerin. Menschen, die oft grübeln, gelten als grüblerisch. So weit, so gut. Grübeln also. Wie hat man sich einen grüblerischen Menschen, einen grübelnden Menschen vorzustellen? Wir sehen ihn sitzen. An einem Tisch, vielleicht an einem Schreibtisch oder in einem Sessel. Oft hat er das Kinn in die Hand gestützt, die Stirn in Falten. Und so sitzt er und denkt, aber es will ihm nicht so recht gelingen, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.

Er grübelt. Er gräbt sich, bildhaft gesprochen, immer weiter in das hinein, worüber er eigentlich nachdenken will. Allein, es gelingt ihm nicht. Kaum hat er in seinen Gedankengängen etwas entdeckt, woran er sich halten könnte, schon ist der Gang verschüttet, und es geht in anderer Richtung weiter. Es will nicht hell werden in diesen Gängen, und so verbohrt er sich geradezu in ihnen, gräbt hier und da und dort – und kommt zu keinem Ende.

Ein Grübchen graben?

So ist das mit dem Grübeln. Es lassen sich lediglich Mutmaßungen darüber anstellen, worüber wohl am meisten gegrübelt wird. Wahrscheinlich ist es der Sinn des Lebens. Da dieser aber das Leben selbst ist, nimmt das Grübeln darüber kein Ende. Also grübeln wir doch besser über das Grübeln. Es hat – zumindest sprachlich – mit "graben" zu tun, auch mit "bohren", mit "in der Erde rumkratzen". Da haben wir doch tatsächlich etwas gefunden, woran wir uns halten können.

Kein Mensch sagt heute mehr "in der Nase grübeln", aber es ist noch nicht allzu lange her, dass dieser Ausdruck statt "in der Nase bohren" verwendet wurde. Und noch etwas: "Grübeln" war das Wort für ein beliebtes Kinderspiel, das später "Murmelspiel" hieß. Beim Grübeln wurden Kügelchen aus Ton, kleine Steine, Nüsse oder Bohnen in eine kleine Grube geworfen, die mit der Hand in die Erde gekratzt worden war. Eine kleine Grube ist ein Grübchen. Und ein Grübchen ist jene kleine Vertiefung, vornehmlich in den Wangen junger Mädchen, die besonders beim Lachen zur Geltung kommt und die Männer verrückt macht. Weshalb? Darüber ließe sich lange grübeln.

Herr Adelung erklärt …

Kehren wir zurück zu unserem Grübler. Er ist es leid geworden, allein im Dunkeln nachzugrübeln und hält nun ein altes Buch in Händen, welches ein gelehrter Herr namens Johann Christoph Adelung im Jahre 1796 in zweiter Auflage vorgelegt hat. Dort findet er den Hinweis, dass "grübeln" Folgendes bedeutet: "Mühsame, aber unnütze, vergebliche Betrachtungen und Untersuchungen anstellen."

Tja, dieses Gefühl haben wir in der Tat beim Grübeln – dass es letztlich zu nichts führt; und dennoch grübeln wir immer wieder mal vor uns hin. Vielleicht, weil wir einem geheimen Trieb folgend uns immer wieder auf die Suche nach dem Sinn der letzten Dinge machen? Aber was soll's! "Mancher grübelt den ganzen Tag und stiftet nicht den geringsten Nutzen damit", bemerkt Herr Adelung. Das ist es. Das quälende, vergebliche Nachdenken ohne die scharfen Klingen des logischen Verstandes, die beim Grübeln nichts nützen, weil es kein Ziel bietet.

Verändern statt vereinsamen!

So ist der Grübelnde mit sich allein, und so hat "grübeln" oft auch den Aspekt des Melancholischen, ja Traurigen. Grübeln kann einsam machen. Es ist eine nach innen gerichtete Form angestrengten Nachdenkens, die leider zu nichts führt. Oder so gut wie zu nichts. Immerhin könnte aber eines dabei herauskommen: Wenn wir schon die Welt nicht verstehen, wie sie ist, könnten wir uns ja nach aller Grübelei sagen, dass sie nicht so sein muss, nur weil sie so ist.


Fragen zum Text:

"Grübeln" hieß früher auch …
1. ein Kinderspiel.
2. eine Vertiefung in den Wangen.
3. ein dunkler Gang.

Wie heißt das Substantiv, das von "grübeln" abgeleitet ist?
1. Grübel
2. Grube
3. Grübelei

Häufig ist ein Grübler …
1. euphorisch.
2. aggressiv.
3. melancholisch.


Arbeitsauftrag:

Es gibt im Deutschen viele Verben, die sich dem Wortfeld "Denken" zuordnen lassen. Erklären Sie die Unterschiede zwischen den folgenden Verben: überlegen, sinnieren, in sich gehen, rätseln, brüten, reflektieren, erwägen, einschätzen, spekulieren.

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