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Europa

Größte Chance für Wiedervereinigung seit Jahrzehnten

Seit Jahrzehnten schwelt der Konflikt zwischen dem türkischen und griechischen Teil Zyperns. Jetzt lassen neue Verhandlungen zwischen den beiden Parteien hoffen, dass es zu einer Lösung kommt.

Der zypriotische Präsident Dimitris Christofias (r.) und der Führer der Türken auf Zypern Mehmet Ali Talat beim Handschlag in Nicosia, Zypern.

Der zypriotische Präsident Dimitris Christofias (r.) und der Führer der Türken auf Zypern Mehmet Ali Talat wollen eine Lösung finden

Der Führer der türkischen Volksgruppe auf Zypern und Präsident der Türkischen Republik Nordzypern, Mehmet Ali Talat, zeigte sich in letzter Zeit zuversichtlich: Wenn die Gespräche mit dem griechisch-zypriotischen Präsidenten, Dimitris Christofias, in Gang kommen, dann sei es durchaus möglich, so Talat, noch dieses Jahr eine Lösung des Konflikts herbeizuführen. In der Tat ist neue Hoffnung aufgekommen auf der größten Mittelmeerinsel, seitdem Christofias am 24. Februar gewählt wurde: Der einzige kommunistische Staatschef eines EU-Staates und sein türkischer Counterpart, dessen türkisches Nordzypern von niemandem außer der Türkei anerkannt wird, verstehen sich gut und beide haben wiederholt ihren Willen zu einer Lösung des Jahrzehnte alten Konflikts beteuert.

Landkartenausschnitt: Zypern

Zypern: Die größte Mittelmeerinsel ist seit jeher umkämpft

Zypern war als strategisch wichtiger Punkt im östlichen Mittelmeer immer schon ein begehrtes Objekt. So auch für die Briten, die von hier aus ihren Seeweg nach Indien mit abzusichern hofften. Die Osmanen verpachteten die Insel Ende des 19. Jahrhunderts an die Briten, die sie im Ersten Weltkrieg annektierten und 1925 zur Kronkolonie machten.

Die Griechen und "Enosis"

Die Inselgriechen sahen ihre Rettung lange in "Enosis" – dem Anschluss an das griechische Mutterland. Sie begannen mit einer Untergrundorganisation EOKA für dieses Ziel gegen die Briten und deren türkische "Kollaborateure" zu kämpfen. Die Briten entließen die Insel 1960 in die Unabhängigkeit. London, Athen und Ankara übernahmen die Rolle von Schutzmächten. Um die türkische Minderheit mit ihren 18 Prozent der knappen Million Einwohner aber vor griechischer Willkür zu schützen, wurde eine Verfassung entworfen, die den Türken in wichtigen Fragen ein Vetorecht einräumte. Dies wiederum empörte die Inselgriechen. Es kam zu interkommunalen Kämpfen, die erst mit Hilfe von UN-Truppen und UN-Polizei gestoppt werden konnten. Die Hauptstadt Nicosia aber blieb geteilt und auch in anderen Teilen der Insel mussten griechische und türkische Orte voneinander getrennt werden.

Makarios III., Erzbischof, 1. Staatspraesident Zyperns

Keine territorialen Zugeständnisse an die Türken: Makarios III.

1974 stürzten Anhänger der damals in Athen herrschenden Militärdiktatur den zypriotischen Präsidenten, Erzbischof Makarios, der als Hindernis für die "Enosis" betrachtet wurde. Eine Woche danach gab der türkische Premier Bülent Ecevit den Befehl zum Angriff: Türkische Truppen eroberten in zwei Phasen den Norden der Insel. Die griechische Bevölkerung floh in den Süden, Türken aus dem Süden wurden – zum Teil mit Hilfe der Briten, die zwei Basen auf Zypern besitzen – in den Norden umgesiedelt. Makarios kehrte Ende 1974 nach Nicosia zurück und wurde begeistert empfangen.

Versöhnlich wollte Makarios auf die Türken zugehen, territoriale Zugeständnisse empfand er aber als ein "Symbol der Schande und der Unterwerfung". Weder Land noch Wasser werde er abtreten, sagte er bei seiner Rückkehr nach Nicosia.

Beharren auf Unabhängigkeit

Türkische Soldaten bei einer Militärparade in der zypriotischen Hauptstadt Nicosia.

Die türkischen Soldaten sollen abziehen, das will der neue Präsident des griechischen Teils der Insel

Neun Jahre nach der "Friedensoperation" – wie die Invasion in der Türkei genannt wird – erklärte der Norden sich unter seinem damaligen Volksgruppenführer Rauf Denktas als Türkische Republik Nordzypern unabhängig. Niemand außer Ankara erkannte diesen Schritt jedoch an. Zu den knapp 40.000 türkischen Soldaten wurden im Lauf der Jahre über 100.000 Festland-Türken auf die Insel umgesiedelt, um das demographische Verhältnis zugunsten der Türken zu verbessern. Weil gleichzeitig aber viele Zyperntürken ins Ausland zogen, leben im türkisch kontrollierten Norden – der knapp 40 Prozent der gesamten Insel ausmacht – immer noch nur ein Viertel aller Einwohner.

Im Gegensatz zum Rest der Welt, zweifelte Rauf Denktas nicht an der Legitimität eines unabhängigen türkischen Teils. Die griechisch-zypriotische Partei habe die Verfassung annulliert, die darin festgeschriebenen Menschenrechte missachtet, und versucht, die Türken zur Minderheit zu machen. Denktas bezeichnete es als erbärmlich, dass die Welt ein solches Vorgehen akzeptiert habe.

Die Lösung?

Türkische Zyprioten überqueren den Checkpoint in Nicosia, Zypern.

Die türkische Bevölkerung auf Zypern ist mehrheitlich für, die griechische gegen eine Wiedervereinigung

Längst ist deswegen auch klar, dass Zypern nicht wieder eine einheitliche Republik werden kann, sondern dass die Lösung nur in einer Zweizonen-Regelung liegen kann, mit weitgehender Selbstverwaltung beider Teile und eine schwachen Zentralregierung. Die EU nahm Zypern 2004 auf - den griechischen Süden, der den Anspruch erhebt, für die gesamte Insel zu sprechen. Sie hat aber in den letzten Jahren immer wieder Hilfsprojekte auch für die Türken im Norden angestoßen und kleine Schritte der Entspannung unterstützt, wie die Öffnung der zunächst undurchlässigen Grenze.

Supporters of parliament president and leader of the left wing party AKEL, Dimitris Christofias, wave Cypriot flags during a final campaignrally in the capital Nicosia, Cyprus, Wednesday, Feb. 13, 2008. The presidential election is set for Feb. 17, 2008 and is likely to head into a runoff. (AP Photo/Petros Karadjias)***Zu Sternberg, Die Republik Zypern wählt ihren Präsidenten - und die Zukunft - Zu den Präsidentschaftswahlen in Süd-Zypern***

Bei den Präsidentenwahl im Februar entschieden sich die griechischen Zyprioten für Dimitris Christofias

Ein Rezept für die Beilegung des Konflikts hat die EU bisher nicht entwickelt. Das bleibt den beiden Konfliktparteien vorbehalten. Trotz der positiven Vorzeichen muss man aber skeptisch bleiben. Präsident Christofias will zum Beispiel den Abzug der türkischen Truppen und die Rück-Umsiedlung der Siedler vom Festland fordern. Sein türkischer Kollege Talat lehnt dies klar ab. Vor allem, da die Türkei im Gegensatz zum griechischen Teil Zyperns kein EU-Mitglied ist, würden sich die türkischen Zyprioten mit einer solchen Lösung nicht sicher fühlen, sagt er.

Beharrt Christofias auf der Forderung, dann dürfte eine Beilegung des Konflikts schon hieran scheitern, denn Ankara wird zu einem Abzug seiner Truppen und einer Rückumsiedlung nicht bereit sein. Und gegen das Wort Ankaras vermag auch der türkische Präsident Nordzyperns nicht sich aufzulehnen. Selbst wenn er das wollte.

Audio und Video zum Thema