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Politik

Größer, höher, gewaltiger

An das griesgrämige Grau der Sowjetunion erinnern nicht mehr viele Bauten in Moskau. Nicht nur Besucher, sondern auch die Alteingesessenen staunen über das Tempo und die Gigantonomie des Moskauer Baubooms.

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Hat man erst einmal den Flughafen Scheremetjewo - ein finsteres Loch und Moskaus schlechteste Visitenkarte - hinter sich gelassen, kommen Besucher aus dem Staunen nicht mehr heraus. In den Außenbezirken schießen riesige Einkaufsmärkte, Kinos und Hochhäuser mit Luxusapartments wie Pilze aus dem Boden. An der Haupteinfallstraße ins Zentrum ist erst vor einigen Wochen Europas höchstes Wohnhaus "Triumpf Palace" fertig geworden. Genau 264 Meter misst der Gigant im Stil des Stalinschen Zuckerbäckerbaus.

In keiner anderen europäischen Stadt wird so viel und so hoch gebaut wie in Moskau. Allein in den letzten zwei Jahren und im Sog der hohen Erdölpreise stiegen die Preise für Immobilien um 60 Prozent an. Inzwischen liegt der Durchschnittspreis pro Quadratmeter auf einem Rekordniveau von 1600 Dollar. Analysten befürchten bereits eine neue Finanzkrise in Folge einer drohenden Überhitzung des Immobilienmarktes. Während sich Moskaus Bauherren und Immobilienmakler die Hände reiben, treibt die Denkmalschützer vor allem eine Sorge: Die Zerstörung des historischen Zentrums von Moskau.

Bausünden von Stalin bis Luschkow

Zu Sowjetzeiten war es vor allem Stalin, der mit seinen gigantischen Bauprojekten das Moskauer Stadtzentrum umpflügte - heute vergreife sich der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow an historischen Baudenkmälern, kritisieren Stadtplaner wie Denkmalschützer. Dass die Bausubstanz vieler alter Gebäude nach 70 Jahren Sowjetkommunismus marode ist, bestreitet kaum einer. Doch statt Restaurierung rollen die Bulldozer.

Seit der tatkräftige Bürgermeister 1992 ins Amt gewählt wurde, sollen mehr als 400 historische Bauten aus dem 17. Jahrhundert der Abrissbirne zum Opfer gefallen sein. Manche Bauten wurden als Kopie wieder aufgebaut, dazwischen entstanden topmoderne Bürogebäude. In den kommenden 15 Jahren will die Stadtregierung weitere 20 Millionen Quadratmeter an Altbauten abreißen, um Platz für Neubauten zu schaffen.

Ungeachtet aller Proteste ließ Luschkow im vergangenen Herbst mit dem Abriss des Hotels "Moskwa" beginnen - keine Schönheit, aber ein historisches Baudenkmal. Kritiker wurden damit vertröstet, dass das "Moskwa" als Luxushotel von außen nach den Originalplänen wiederaufgebaut werde.

Gattin als Baulöwin

Dass zahlreiche Ausschreibungen für Neubauten an das Firmenimperium der Gattin des Bürgermeisters gingen, wundert in Moskau niemanden. Und als in der Nacht der russischen Präsidentschaftswahlen direkt neben dem Kreml die Ausstellungshalle "Manege", ehemals eine Reit- und Exerzierhalle aus dem Jahr 1817, in einem riesigen Flammenmeer bis auf die Grundmauern abbrannte, sprach man schon von Brandstiftung noch bevor Ermittler Benzinkanister in den verkohlten Trümmern fanden.

Bereits kurz nach der Brandkatastrophe versprach Luschkow den Moskowitern, dass die "Manege" wieder aufgebaut werde. Allerdings soll unter dem historischen Ausstellungssaal nun noch eine Tiefgarage entstehen. Für die umfangreiche Neukonstruktion der Manege hatte der Bürgermeister bereits seit längerem geworben.