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Kultur

Gottes Wort und Allahs Warten

Seit 60 Jahren flimmert das "Wort zum Sonntag" über die deutschen Fernsehbildschirme, das bekannteste Verkündigungsformat der christlichen Kirchen. Andere Religionsgemeinschaften müssen sich weiter gedulden.

Mit 60 Jahren ist das "Wort zum Sonntag" die zweitälteste Sendung im Deutschen Fernsehen, nur ein Jahr jünger als die Tagesschau. Über 300 Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sprachen in mehr als 3000 Ausgaben, darunter zwei Päpste, Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Eine stolze Tradition also, in die sich Gereon Alter einreiht. Der Essener Pfarrer empfindet sie als Chance. Als gläubiger Christ spreche er in den vier Minuten einen persönlichen Kommentar und trage nicht die "gesamte Last der Kirche", sagt der katholische Geistliche wenige Minuten vor der Aufzeichnung im Kölner WDR-Studio.

Dieses Mal spricht Alter über die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Und macht sich stark für Menschen, die Sterbenden zur Seite stehen - und gegen ihre gezielte Tötung mit Medikamenten. Eine klassische Kirchenposition, gezielt gerichtet auch an den Bundestag, der in diesem Jahr wohl über ein entsprechendes Gesetz entscheiden wird.

Muslime wollen gleich behandelt werden

DP Sendungsbild Wort zum Sonntag

So warb die Deutsche Welle über Jahre für das Wort zum Sonntag

Auch wenn der Einfluss der Kirchen in der Gesellschaft schwindet, der auf die Politik ist noch immer groß. Genau wie ihre Sonderstellung in vielen Bereichen, nicht zuletzt als vom Staat anerkannte Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dieser besondere Status erlaubt es den christlichen Kirchen, in Hörfunk und Fernsehen redaktionell eigenständig in Erscheinung zu treten. Bei muslimischen Verbänden, wie dem Zentralrat der Muslime in Deutschland, ist das anders.

Aiman Mazyek ist Vorsitzender dieses islamischen Dachverbands, mit rund 20.000 Mitgliedern einem der größten in Deutschland. Er war Sprecher des ersten "Islamischen Worts" im Jahr 2007. Das war begleitet von einer "politischen Diskussion", erinnert sich Mazyek, und der Angst, der Südwestrundfunk werde "zum Moscheesender". Seitdem habe sich viel getan: So sei das Format, eine Art Gegenstück zum "Wort zum Sonntag", inzwischen auch im Radio zu empfangen, nicht mehr "nur" im Internet. Außerdem sei der SWR kurz davor, Muslime in seinen Rundfunkrat aufzunehmen.

"Wir haben aber immer noch nicht genau das, was den Kirchen zugestanden wird", kritisiert der Zentralratsvorsitzende: eine Gleichbehandlung mit den anderen Religionsgemeinschaften, ein ähnlich publikumsträchtiges Format wie das Wort zum Sonntag im Fernsehen. Damit wolle er keine "Extrawurst", betont Mazyek, sondern "was rechtlich möglich ist".

Politik verweist auf Unterschiede

Er habe Verständnis für diesen Wunsch, sagt Martin Dörmann, medienpolitischer Sprecher der aktuell mitregierenden SPD. Eine "völlige Gleichbehandlung" sehe er allerdings nicht - und verweist auf die gesellschaftlichen Verhältnisse: Etwas weniger als zwei Drittel der Deutschen gehören den christlichen Kirchen an, nur gut fünf Prozent sind Muslime.

Das Wort zum Sonntag 50 Jahre

Pastor Peter Hansen sprach am 8. Mai 1955 das erste Wort zum Sonntag im Deutschen Fernsehen

Außerdem verweist Dörmann auf den fehlenden Kirchenstatus. Zwar wurden in Hessen sowie den Stadtstaaten Bremen und Hamburg zuletzt muslimische Gemeinden als Körperschaften öffentlichen Rechts anerkannt. Deutschlandweit ist dies aber noch nicht abzusehen - und damit auch kein neuer Status im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Kölner Bundestagsabgeordnete plädiert zwar im Gespräch mit der Deutschen Welle dafür, diesbezüglich in den Rundfunkräten die "Bestimmungen auf Ergänzungen zu überprüfen, damit sich da auch Muslime wiederfinden". Aber auch hierfür erwartet er kein Ergebnis, das den medienpolitischen Status von Muslimen und Christen "identisch" werden lässt.

"Man braucht Geduld"

Das erste "Wort zum Sonntag" am 1. Mai 1954 verhinderte übrigens ein technischer Defekt. Engagierte Protestanten vermuteten dahinter einen Sabotageversuch TV-kritischer Katholiken. Heute verursacht diese ökumenische Episode nur noch ein amüsiertes Lächeln. Das Format sei inzwischen extrem wichtig als "gesellschaftliche Plattform, wo wir mit Menschen ins Gespräch treten können", sagt Pfarrer Gereon Alter. Menschen, die die Kirche im Sonntagsgottesdienst so nicht mehr erreiche. Eine dem "Wort zum Sonntag" ähnliche Verkündigung für Muslime kann er sich gut vorstellen.

Auch Aiman Mazyek hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. "Man braucht Geduld, diesen Weg zu beschreiten." Für den Zentralratsvorsitzenden hat die deutsche Islamdebatte im Jahr 2014 eine Selbstverständlichkeit erreicht, die es noch vor wenigen Jahren nicht gab.