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Asien

Gottes Weg nach China

Nicht nur Unternehmen müssen sich nach neuen Märkten umsehen. Auch der Papst will Gottes Gefolgschaft stetig vergrößern. Deshalb tut Papst Franziskus gut daran, sich um China zu bemühen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Seit über einem Jahr haben sich der Vatikan und die Regierung in Peking nicht mehr auf einen gemeinsamen Bischof in China geeinigt. Zum Stillstand der Weihe kam es aufgrund eines spektakulären Falles im vergangenen Jahr, als ein von der kontrollierten chinesischen Staatskirche ernannter Bischof, nur wenige Stunden nach seinem Amtseintritt gleich wieder seinen Rücktritt verkündete. Seitdem steht Ma Daqing, der Bischof, der die chinesische Staatskirche verlassen hat, unter Hausarrest. Und die bis dahin schon wackeligen Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und Katholisch-Patriotischen Vereinigung (CPA) in China ruhen.

Streitpunkt: Wer darf Bischöfe einsetzen

Zwar ist die römisch-katholische Kirche 400 Jahre länger in China als die Kommunistische Partei, das macht sie allerdings nicht beliebter. Das hat verschiedene Gründe. Der wichtigste dürfte sein, dass das moderne China Religion und Politik streng trennt, was im Grunde sehr fortschrittlich ist. In Chinas Fall ist aber noch einmal etwas Besonderes zu betonen. Denn hier hat Religion im Staatsbetrieb nichts verloren. Und Gott ist noch weniger gern gesehen. Kein Wunder also, dass schon kurz nach Gründung der Partei 1951 die katholisch-patriotische Vereinigung gegründet wurde und die römisch-katholische Gemeinde fortan verfolgt und unterdrückt wurde. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Peking unterhält zum Papst und zum Vatikan keinerlei Beziehungen. Allein über eine Außenstelle in Hong Kong findet ein spärlicher Austausch satt, aber der beschränkt sich meist auf Unmutsäußerungen über die Behandlung der Katholiken in China.

Der größte Reibungspunkt ist nach wie vor: die Ernennung der Bischöfe und wem diese unterstehen. Bisher funktioniert es so, dass die Bischöfe der KP-nahen katholisch-patriotischen Kirche von deren Gemeinden in China gewählt wurden. Für die vatikantreuen römisch-katholischen Chinesen allerdings ist klar, dass das Oberhaupt ihrer Gemeinde der Papst selbst ist und ihre Bischöfe einzig vom Vatikan ernannt werden. Doch genau das ist für die Führung in China ein Tabu. Denn das würde ja bedeuten, dass die zweitgrößte Organisation nach der KP in China, Ausländern unterstünde.

Spirituelle Selbstfindungsphase

Doch allmählich beginnen die Fronten zu bröckeln. Nach drei Generationen Katholikenverfolgung zeichnet sich nun eine Entspannung ab. In manchen ländlichen Gegenden werden die römisch-katholischen Gemeinden nicht mehr verfolgt. Möglicherweise setzt auch in China eine spirituelle Selbstfindungsphase ein. Denn je schneller sich der Wirtschaftsboom dreht, desto schneller wächst die Sehnsucht nach Glauben. Das erkennt nun auch Peking.

Darin sieht man im Vatikan eine große Chance. Als Chinas Präsident zu seiner ersten Europareise aufbrach, schrieb ihm Papst Franziskus einen Brief, in dem er seine Liebe zum chinesischen Volk zum Ausdruck brachte. Auf eine Antwort musste der oberste Heilige nicht lange warten. Was Xi Jinping auf diesen Brief erwiderte, ist allerdings nicht öffentlich bekannt. Diese Art der Beziehungen zwischen dem Vatikan und China hat es so noch nicht gegeben. Und es geht noch weiter. Pietro Parolin, der frühere Chef der Abteilung für China, ist seit neuestem im Vatikan als Außenminister für die Beziehungspflege mit der säkularen Welt zuständig. Ein klares Zeichen, dass sich der Vatikan um das Reich der Mitte bemüht. Zurecht: China bietet mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern einen gewaltigen Markt für die Kirche. Mit schwindenden Anhängern in Europa und anderen Teilen der Erde sucht der Papst in China nach neuen Anhängern. China bietet sich dafür natürlich an, nach dem Motto: Es ist einfacher jemanden zum Glauben zu bringen als seinen Glauben zu ändern.

China stellt allerdings eine Bedingung an den Vatikan. Nämlich die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan zu beenden. In Taiwan ist die römisch-katholische Kirche gut etabliert. Doch der Pragmatismus scheint auch beim Papst größer zu sein als die Treue zu seinen Anhängern. Denn der Vatikan hat von sich aus angeboten, seine Zentrale von Taiwan nach Peking zu verlegen. Vielleicht fühlt er sich aus anderem Grund zu China hingezogen. Immerhin ist er der erste Papst, der dem Jesuitenorden angehört. Jenem Orden, der vor knapp 500 Jahren die römisch-katholische Kirche nach China brachte. Und für Ma Daqing gibt es auch einen kleinen Trost: Papst Franziskus hat in seinem Gebetszimmer eine Statue der Jungfrau von Sheshan stehen, das chinesische Abbild der Jungfrau Maria. Aus dem Ort, an den Ma sich zurückgezogen hat.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.